Die gewaltsamen Tode zweier afroamerikanischer Männer durch Polizeibeamte haben in den USA einen strukturellen Rassismus stärker sichtbar gemacht denn je – und nicht nur da. Auch wir (europäischen) Christen dürfen und müssen uns damit auseinandersetzen, wo, wie und warum unsere Gesellschaft rassistisch agiert, meint die Pastoraltheologin Prof. Regina Polak.

Rassismus sei kein Resultat der Tatsache, dass es Menschen verschiedener Hautfarbe gibt, auf die man dann mit einer angeblich „angeborenen“ Fremdenangst reagieren „müsse“, so Polak in einem aktuellen Beitrag auf dem Blog des Wiener Instituts für Praktische Theologie. Es handle sich vielmehr um ein wissenschaftlich-politisches Ordnungskonstrukt, das dazu diene, Diskriminierung, Ausbeutung, Exklusion und sogar Vernichtung zu legitimieren und die Höherwertigkeit der weißen Rasse zu begründen. Die Folgen dieser Ordnung seien tief in den kollektiven Wahrnehmungs- und Handlungsmustern verankert - wenn z. B. Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe als „Andere“ wahrgenommen werden, selbst wenn sie in Österreich geboren sind.

Rassismus an der Kirchentür

Rassismus mache darum auch vor Kirchentüren nicht Halt und der Kampf gegen Rassismus sei deshalb auch kein Nebenschauplatz des christlichen Glaubens, sondern ein genuin theologisches Problem. Polak verweist u. a. auf den katholischen US-Theologen Jon Nilson, für den Rassismus die Ablehnung des christlichen Glaubens in seinem innersten Kern darstelle, „weil er den Ursprung jedes einzelnen Menschen und der ganzen Menschheit in Gott negiert und damit die Gleichheit aller Menschen ebenso ablehnt wie den Einsatz für eine gerechte Gesellschaftsordnung“. Diese Erkenntnis verbinde Nilson mit der Aufforderung, sich auch mit der Vorherrschaft der Weißen in Gesellschaft und Kirche auseinanderzusetzen. Dazu bedürfe es des Dialogs mit jenen Menschen, die von Rassismus betroffen sind.

„Im Rassismus wird nicht nur die Neigung zur Ablehnung von Fremden offenbar, sondern zeigen sich vor allem die Grundwerte unsere politischen und gesellschaftlichen Ordnungssysteme. Solange es Wohnviertel gibt, denen man ‚entkommen‘ muss, um sozial anerkannt zu werden; solange es Privatschulen gibt, in die jene flüchten, die aufsteigen oder den sozialen Status erhalten wollen; solange bei Bewerbungen Menschen mit anderer Hautfarbe oder fremd klingendem Namen bei gleicher Qualifikation benachteiligt werden; solange ein Drittel der Wiener Stadtbevölkerung keine politischen Mitbestimmungsrechte hat, leben wir in einer Gesellschaft, die von strukturellem Rassismus gekennzeichnet ist“, so Polak.

Wer profitiert – und warum?

Von solchen Ordnungssystemen profitierten am Ende auch Menschen, die keine ausdrücklich rassistischen Einstellungen haben. Sie hätten qua Geburt in die Mehrheitsgesellschaft Vorteile und Privilegien. Auch ohne rassistische Einstellungen seien sie Teil des Problems, nahm sich Polak selbst davon nicht aus. Deshalb gilt für die Theologin: „Wer den Rassismus effektiv bekämpfen möchte, muss sich der Selbstkritik stellen und seinen Ort in der gesellschaftlichen Ordnung wahrnehmen und reflektieren. Wer Rassismus bekämpfen will, muss sich für mehr Gerechtigkeit und Teilhabe aller Glieder einer Gesellschaft engagieren.“

Die katholische Kirche hätte den Rassismus in zahlreichen Papieren verurteilt, so Polak. „Alle rassistischen Theorien widersprechen dem christlichen Glauben und der christlichen Liebe“, zitiert sie beispielsweise Papst Johannes Paul II. „Wer rassistische Gedanken oder Haltungen hegt, versündigt sich an der konkreten Botschaft Christi, für den der 'Nächste' nicht nur ein Angehöriger meines Stammes, meines Milieus, meiner Religion oder meines Volkes ist, sondern jegliche Person, der ich begegne.“

Diese eindeutigen Positionen konfrontierten die Kirche laut Polak mit zahlreichen Fragen. Darunter: „Wo verletzen wir innerhalb der Kirche die gleiche Würde aller Menschen? Haben wir im Inneren Ordnungssysteme, in denen manche Menschen als wertvoller behandelt werden als andere? Welche Teilhabemöglichkeiten eröffnen wir zugewanderten, anderssprachigen Christen in unseren Gemeinden? Wo und wie setzen wir uns für eine Kirche ein, die in der Vielfalt ihrer kulturellen Traditionen als Bereicherung wahrgenommen wird? Sind wir ausreichend solidarisch mit jenen, die heute zu Opfern rassistischer Diskurse werden? Leben wir diese Solidarität mit ihnen gemeinsam, an ihrer Seite?

Fragen, über die es sich nachzudenken lohnt – denn gute Antworten brauchen wir dringend!

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Quelle: kathpress.at / red