Am Freitag ging in der Pfarre Bruder Klaus / Dornbirn-Schoren die Auftaktveranstaltung zu den Planungs- und Entwicklungsprozessen 2012/13 für die städtischen Gebiete der Diözese über die Bühne. 160 Interessierte waren der Einladung zum Aufbruch gefolgt: Haupt- sowie Ehrenamtliche, denen die Zukunft der Kirche am Herzen liegt, die mitentscheiden wollen, wie die Weichen für die nächsten Jahre gestellt werden. Was ihnen allen gemeinsam ist: sie leben in einer Stadt.

Patricia Begle / Dietmar Steinmair

Experten aus einer Stadt waren es auch, die ihre Erfahrungen einbrachten. Zu Beginn stellte Damian Kaeser-Casutt das Modell aus St. Gallen vor. "LOS" - so nennt sich das Konzept, das in der Schweizer Nachbarschaft seit zehn Jahren die pastorale Arbeit bestimmt. Die drei Buchstaben stehen für "LebensOrientierte Seelsorge". Damian Kaeser-Casutt brachte die Grundideen auf den Punkt. Zwischen zwei Polen bewegt sich die Seelsorge in St. Gallen: einmal sind es die traditionellen Pfarreien, die "verdichtete" Seelsorge. Orientiert sich hier die Pastoral am Leben der Menschen, kommt jede Pfarrei zu einem eigenen Profil. Nicht jede muss alles anbieten, nicht jede alles abdecken. Schwerpunkte bilden sich heraus und entlasten.

Der andere Pol kann als "Zwischenräume" bezeichnet werden. In ihnen leben Menschen, die sich eben nicht "verdichten" lassen wollen und die institutionellen und verbindlichen Glaubensgemeinschaften eher distanziert gegenüber stehen. In Städten gehört vielfach der Großteil der Bevölkerung dieser Gruppe an. Für die Verantwortlichen in der Pastoral heißt es deshalb in einem ersten und unumgänglichen Schritt, diese Vielfalt zu akzeptieren. Darin sieht Kaeser-Casutt die größte Herausforderung. Ist die Vielfalt willkommen, dann geht es darum, mit diesen Menschen in Verbindung zu treten. Dafür ist Einfallsreichtum angesagt.

Download der Präsentation von Damian Kaeser-Casutt

City-Seelsorge

Was die Ergebnisse dieses Einfallreichtums sein können, dafür brachten Pfr. Michael Baunacke aus Mainz und Günter Schmitt aus Schweinfurt anschauliche Beispiele. In ihren Städten wurde das St. Galler Konzept nämlich aufgegriffen und umgesetzt. So erzählte der Mainzer Geistliche von einer Gruppe, die sich an zehn Abenden zur Gesprächsrunde mit dem Theologen traf. Das besondere an der Gruppe war, dass sie vom Zahnarzt organisiert wurde und in seinem Wartezimmer zusammen kam.

Die Idee der Schweinfurter Citykirche ist nicht weniger originell. Mit einer Wagenkirche (einer mobilen Kirche auf einem umgebauten Leiterwagen) wagten sich Seelsorger/innen mitten unter die Leute in der Stadt und kamen an unterschiedlichen Orten mit den Bewohner/innen ins Gespräch. "Wir müssen bei den Menschen sein", ist Günter Schmitt überzeugt.

Baunacke greift im Zusammenhang mit städtischen Pastoralprozessen gerne auf das Bild der Beerdigung zurück: "Wir haben über Jahrhunderte eine wunderbare Tradition entwickelt. Nach einer Beerdigung setzen sich die Angehörigen und Freunde zusammen, um über den Verstorbenen zu reden, vor allem über seine guten Seiten. Das ist Teil der Trauerarbeit. Erst so können Menschen - nach einem großen Verlust - auch einen wirklichen Neustart wagen." In der Kirche fehle, so Baunacke, beides, sowohl die Trauerarbeit als auch der nötige Schwung für einen Neubeginn. Dem stellt Baunacke ein Zitat von Madelein Delbrêl entgegen: "Gott ist immer jung." Für Baunacke muss es "wohl an uns liegen, wenn er alt rüberkommt".

Download der Unterlagen von Michael Baunacke
Download des Handouts von Günter Schmitt

Die Gleichwertigkeit der Knoten

Was bei allen Prozessen im Zentrum steht, ist Vernetzung. Sie vollzieht sich sowohl innerkirchlich als auch nach außen. Immer geht es um die Frage: Wo können Kooperationen geschaffen werden, wo gibt es gemeinsame Anliegen und Interessen. Ein gelungenes Beispiel einer solchen Vernetzung ist die Kooperation mit einem Mainzer Museum. Hier findet monatlich eine gemeinsame Veranstaltung zu Ausstellungen statt, die spirituelle Themen aufgreifen.

Vernetzungen finden natürlich auch im sozialen Bereich statt. Die Beratungsstelle in der Mainzer Innenstadt ist ein Beispiel dafür. Hier trifft jedes Anliegen auf ein offenes Ohr und wird in einem zweiten Schritt an zuständige Fachstellen vermittelt. Die Aussage eines Hilfe-Suchenden zeigt, dass die Kirche hier von ihrem Ruf profitiert: "Die, die mit Gott zusammen arbeiten, wissen einen Rat..." 

"Vernetzung ist unhierarchisch", so der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock in seinem Referat zur "Stadt als Lernort für die Kirche". Unhierarchisch meint in diesem Sinne, dass alle Knotenpunkte gleichwertig sind. Es gibt keine Bereiche, die mehr wert sind. Was das für die Leitungsfunktion bedeutet, das muss natürlich gut durchdacht und abgeklärt werden.

Für Pock ist es wichtig, welche Begriffe in pastoralen Prozessen verwendet würden. Er empfiehlt Positivbegriffe und biblische Bilder, um die Veränderungen gut kommunizieren zu können. "Kommunikation" selbst sei dabei das Um und Auf. Denn die Leute dürften nicht das Gefühl haben, nicht ausreichend informiert zu sein. Kommunikation ist für Pock vor allem Beziehungs- und Medienarbeit. Auch der Zeithorizont dürfe nicht vergessen werden. Zum einen gelte es, die Gelegenheit, den "Kairos", am Schopf zu packen. Zum anderen brauchen Entwicklungsprozesse viel Zeit. In einem Jahr könne gar nicht alles umgebaut sein.

Den Vorarlbergern empfiehlt Pock Lust am Prozess. Dieser sonst in der Kirche nicht so positiv besetzte Begriff bringe aber die Frage nach der notwendigen Motivation der Menschen in den Blick. Schließlich plädierte der Wiener Pastoraltheologe für ein Miteinander von Mission und Absichtslosigkeit. Die Kirche müsse missionarisch bleiben, denn erst "im Hinausgehen können wir uns selbst gewinnen. Und noch etwas: Der, der etwas primär tut oder bei den Menschen bewegt, zu denen wir gehen, ist der Heilige Geist, nicht wir."

Pock freue sich auf jeden Fall, wenn in vielleicht fünf Jahren Botschafter aus Vorarlberg nach Wien oder in die Steiermark kämen, um von ihren Erfahrungen zu berichten.

KirchenBlatt-Interview mit Johann Pock "Die Kirche ist für die Menschen da"
Download des Handouts von Johann Pock
Download des Vortragmanuskriptes von Johann Pock

Der weitere Fahrplan - die Zukunftskonferenzen

Konkret weiter geht es in den Projektgruppen in den fünf städtischen Bereichen, die Vorschläge für ihre jeweiligen Situationen erarbeiten werden. Nach eingehender Beschreibung und Analyse des Ist-Zustandes werden für jede Stadt mehrere Gedankenexperimente durchexerziert werden: in jeder Stadt werden in einer "Zukunftskonferenz" 60-80 Personen die Optionen und damit verbundenen Konsequenzen erörtern. Für Bregenz ist die Zukunftskonferenz schon für Juni angesetzt, für Dornbirn im Oktober. Die Termine für Bludenz, Hohenems und Lustenau stehen noch aus.

Am Schluss des Treffens, das tief bis in den Abend reichte, rief Pastoralamtsleiter Walter Schmolly die Einführungsworte von Diözesanadministrator Benno Elbs am Nachmittag in Erinnerung: "Nach den Prozessen in der Stadt sollen möglichst alle Projektgruppen sagen können: 'Wir haben gehört!' Nämlich einander, die Menschen, die eigenen Berufungen und die der anderen, und vor allem: wir haben Gott gehört", so Schmolly.

"Sende deinen Geist aus und alles wird neu" - mit diesem Lied hatte die Veranstaltung begonnen. Ob wirklich alles neu werden wird, das wird sich weisen.