„Missbrauch ist kein historisch abgeschlossenes Problem“, dieser Satz von Hans-Joachim Salize trifft und sitzt. Hans-Joachim Salize ist einer der insgesamt acht AutorInnen der MHG-Studie. Und dass seine Feststellung zum Thema Missbrauch in der Kirche betroffen macht, zeigt auch, dass hier eben längst noch nicht alles gesagt ist. Als Referent war Hans-Joachim Salize zuletzt zu Gast bei der Plattform Gewaltschutz der Diözese Feldkirch.

Es ist wichtig, dass über Missbrauch gesprochen wird. Es ist wichtig, gemeinsam immer wieder die Frage zu stellen: „Wie konnte das geschehen?“, um daraus zur nächsten Frage, nämlich dem „Was kann getan werden, dass das so nicht mehr geschieht?“,  zu kommen. Die Plattform Gewaltschutz ist ein Netzwerk-Verband der Katholischen Kirche Vorarlberg, wo Fragen wie diese gestellt werden. Zweimal jährlich trifft sich der Verband von  VertreterInnen verschiedener Einrichtungen, Initiativen, Institutionen und Fachrichtungen. Man tauscht sich aus, diskutiert und sorgt so dafür, dass das Thema des Gewaltschutzes auf möglichst viele Schultern verteilt und in möglichst vielen Bereichen immer wieder wachgehalten wird.

Die Zahlen zum Missbrauch

Wo fängt man aber an, wenn man über Missbrauch diskutieren will? Im Falle von Hans-Joachim Salize fällt die Antwort leicht: bei den Eckpunkten der MHG-Studie. Von 2013 bis 2018 arbeiteten insgesamt acht Professoren und Professorinnen der drei Universitäten in Mannheim, Heidelberg und Gießen an dieser ersten großen Studie im deutschsprachigen Raum zum Thema Missbrauch in der Kirche. In Deutschland war es die erste und umfassendste Studie überhaupt. In sieben Teilprojekten wurden anhand von Strafakten und 38.156 Personal- und Handakten aus den 27 Diözesen in Deutschland Kennzahlen erarbeitet und Strukturen und Dynamiken identifiziert, die Missbrauch im kirchlichen Kontext begünstigen und sogar fördern. Es geht also um Zahlen und um Ursachen.

Manipulation?

„Der größte Kritikpunkt an der MHG-Studie war, dass die Durchsicht der Personalakten durch Diözesanmitarbeiter erfolgte. Die Mitarbeiter wurden von uns geschult und angeleitet. Allerdings waren die Akten sehr heterogen“, erklärt Salize. Und natürlich, wenn die Durchsicht der Akten durch Mitarbeitende eben jener Einrichtung erfolgt, die hier auf den Prüfstand gestellt wurde, dann ist da natürlich auch die Möglichkeit der Manipulation gegeben. „Die Diskussion darüber war dann aber schnell beendet, als die hohe Zahl an Fällen am Ende der Studie auf dem Tisch lag“, fährt Hans-Joachim Salize fort.

Die Quote ist hoch

Zurück zum Prozedere. Es wurden zwei verschiedene Fragebögen ausgearbeitet. Ein Fragebogen für Betroffene und ein Fragebogen für Beschuldigte. Alle Fragebögen wurden durch das Forschungsteam anonymisiert und standardisiert ausgewertet.

In den ausgewerteten Akten fanden sich 1670 Hinweise auf Beschuldigte. Das entsprach einer Quote von 4,4%. „Das ist hoch. Vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Quote aus Akten stammt, die nicht dezidiert darauf ausgelegt waren, Missbrauch zu erheben“, so Salize. In 1429 Fällen bezogen sich die Hinweise auf Diözesanpriester, 24 Mal waren Diakone beschuldigt worden und in 159 Fällen ging es um Ordenspriester. „Wobei die Zahl der Orden mit Vorsicht zu genießen ist, da sich in den Akten nur Ordenspriester mit Gestellungsvertrag in einer Diözese fanden und es hier auch oft Sammelgestellungsverträge gab.“ In den Akten fanden sich auch Hinweise darauf, dass Akten bzw. zumindest Teile daraus über die Jahre hinweg vernichtet worden waren. Und es ergab sich aus der Datenlage, dass rund 5,1% aller Priester im Untersuchungszeitrum von 1946-2014 in Deutschland zu den Beschuldigten zu zählen war. „Der Gipfel aller Beschuldigungen bezieht sich auf die  Jahre 1956-60 und dann gibt es einen zweiten Peak in den Jahren 1966-1970. Danach reduziert sich die Kurve deutlich, wobei der Anteil der Beschuldigten zur Gesamtpriesterzahl bis heute ungefähr gleich bleibt. Es fallen nicht nur die Missbrauchsbeschuldigungen seit den 1970er Jahren, sondern es sinken ja auch die Priesterzahlen“, fährt Hans-Joachim Salize mit wissenschaftlicher Distanz fort.

3677 Betroffene

3677 Betroffene konnten aus den Personalakten entnommen werden. Auf weitere 645 Betroffene fanden sich Hinweise in den Strafakten. 214 Betroffene offenbarten sich in den geführten Interviews und 69 Betroffene meldeten sich bei der anonymen Onlinebefragung. Das ist eine Zahl. Sie ist hoch und sie entspricht, wie Hans-Joachim Salize betont, natürlich nicht der Gesamtzahl aller Betroffenen im Untersuchungszeitraum. „Was auffällt, ist die überwiegende Anzahl der männlichen Betroffenen. Das gilt so übrigens nur für den katholischen, kirchlichen Kontext. In allen anderen Missbrauchssituationen sind es die Mädchen. Statistisch signifikant ist auch der Unterschied zwischen Beschuldigten bei den Priestern mit 5,1% und bei den Diakonen mit ca.1%. Das rückt den Zölibat und das Thema der Homosexualität in den Mittelpunkt. Es gibt hier ein komplexes Zusammenspiel zwischen sexueller Unreife und einer abgewehrten, verleugneten Homosexualität in einer offen homophoben Umgebung. Das kann ein Erklärungsmuster sein“, erläutert Prof. Salize. Das Durchschnittsalter der Betroffenen bei der Ersttat war 12 Jahre und das Missbrauchsgeschehen dauerte in der Regel 15-20 Monate an. Soweit die Daten und Fakten, die die MHG-Studie ans Licht brachte.

Das "Wo", das "Wer" und die Folgen

Sie überraschen nicht. Alles, was Hans-Joachim Salize referiert, leuchtet ein. Ebenso wie die Tatorte – von der Privatwohnung der Beschuldigten (1511 Nennungen) über den Religionsunterricht (546 Nennungen) bis zum Ferienlagen (402 Nennungen) und der Beichte und anderen sakralen Handlungen (367 Nennungen) – nicht überraschen. Die Tatorte wiederum spiegeln sich in den Betroffenen wieder. Zum Großteil waren sie im Ministrantendienst (969 Nennungen), im Religionsunterricht (726 Nennungen) oder standen in einer anderen, seelsorgerischen Beziehung zum Beschuldigten (718 Nennungen). Selbst die Folgen, die der sexuelle Missbrauch bei ihnen zeigte, stellen sich in der Studie nüchtern-nachvollziehbar dar. 11,9% der Betroffenen leiden unter Ängsten, 11,9% erkranken an Depressionen, 8% vertrauen kaum noch jemandem, ebenso 8% leiden unter sexuellen Problemen und 7,8% berichteten von Schwierigkeiten im Kontakt mit anderen. „Die Betroffenen sind schwerst gezeichnet und tragen die Folgen des Missbrauchs ein Leben lang“, so der Schluss Prof. Salizes. Alles klar, alles logisch und in der Versachlichung einer wissenschaftlichen Studie auch aushaltbar.  Und in dieser objektiven-neutralen Betrachtung stellt sich die Frage: Wenn alles doch so klar ist, warum hat das so lange niemand gesehen?

Gibt es Missbrauchs-Typen?

Soviel zu den Betroffenen. Bei den Beschuldigten setzt sich die Regel der Logik fort. Zur Ersttat kam es im Durchschnitt 15 Jahre nach der Weihe. Überforderungen mit der Dienstpflicht und der Amtsführung sind hier einer der meist genannten Gründe (26,6%). Psychische Auffälligkeiten der Beschuldigten wurden ebenso oft genannt (23,4%), wie der Umstand, dass die Ersttat in Situationen besonderer Belastungen stattfand (z.B. Tod eines nahen Angehörigen).  Ein Substanzmittelmissbrauch trifft auf 11,6% der Beschuldigten zu und auch der Faktor der zunehmenden Vereinsamung kann mit 6,5% nicht von der Hand gewiesen werden.

An den Schluss seiner Ausführungen setzte Hans-Joachim Salize schließlich die Typologisierung der Beschuldigten. Neben dem fixierten Typ (dem Pädophilen) stehen hier der regressiv-unreife Typ (der in seiner persönlichen sexuellen Entwicklung starke Defizite erfährt und im Zölibat eine Möglichkeit findet, sich den Fragen der eigenen Sexualität nicht zu stellen) und der narzisstisch-soziopathische Typ, der Macht generell zur Befriedigung und als Stütze des eigenen Überlegenheitsgefühls nutzt.  

Was man tat, was man tut und was man tun sollte

In einem Drittel aller in der Studie genannten Fälle wurde ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet. In 27% aller Fälle hatten die Beschuldigten mit keinerlei Sanktionen zu rechnen. In 49% wurde ihr Tätigkeitsfeld nach einer Beschuldigung geändert und 20,5% wurden schlichtweg innerhalb der Diözese versetzt.

„Die Reaktionsweise war und ist als inadäquat zu bezeichnen. Der Schutz der Täter und der Institution hatte Vorrang vor den Interessen der Betroffenen“, nennt Hans-Joachim Salize die Ergebnisse, die auf der Hand liegen, beim Namen. „Die Kirche weist spezifische Strukturmerkmale auf, die Missbrauch begünstigen und Missbrauchshandlungen werden von Kircheninternen in erster Linie als Gefährdung des klerikalen Systems gesehen. Das hat zur Folge, dass die Marginalisierung und Missachtung der Opfer bis heute voran schreitet und auch der Ansehensverlust der Kirche schreitet bis heute voran“.

Soweit die wissenschaftliche Bestandsaufnahme.  Dass die Zahlen nur als Zahlen erträglich sind, dass selbst den StudienautorInnen während ihrer Arbeit mehrfach körperlich Reaktionen sehr deutlich die Grenzen des Ertragbaren aufzeigten, spricht auch Bände.

Nichts überrascht, die Daten sind da. Und was jetzt? Was sagt die Studie? Was soll getan, welche Schritte müssen gesetzt, welche können gesetzt werden? „Was uns die Studie zeigt ist, dass sexueller Missbrauch in der Kirche ein zahlenmäßig bedeutsames Problem ist. Missbrauch hat klerikale und gesellschaftliche Relevanz und Missbrauch ist kein historisch abgeschlossenes Problem. Wir sehen hier einen Verrat an den eigenen Idealen, der in der Kirche geschehen ist und die Kirche ist mit der Aufarbeitung selbst überfordert“, so das Fazit.

Nun ist die MHG-Studie eine Studie aus Deutschland. Sie hat dort vieles ausgelöst bis hin zum synodalen Weg, der dort seit einiger Zeit eingeschlagen wurde. In Österreich ist die Situation ähnlich und doch anders. Nicht zuletzt, weil hier seit dem Bekanntwerden der großen Missbrauchsfälle vor mehr als 10 Jahren bereits vieles in die Wege geleitet wurde, was in Deutschland nun ansteht. Und dennoch lässt sich mutmaßen, dass vieles auch für Österreich zutrifft, was in der Studie für Deutschland beschrieben wurde. So lautet die abschließende Empfehlung Hans-Joachim Salizes schleißlich auch für Deutschland wie für Österreich:  Den Schutz des Betroffenen ist immer über den Schutz der Institution zu stellen und - hinsehen, auch wenn es schmerzt.