Nichts war in den letzten eineinhalb Jahren wohl so sicher wie die Unsicherheit. Pläne und Hoffnungen wurden durchkreuzt, Ohnmacht und Verletzlichkeit zeigten sich mehr denn je. Welche Haltungen und Ressourcen für die ungewisse Zukunft helfen könnten, war deshalb Thema des Herbstsymposions.

Corona, Klimakrise, Kriege und der deutsche Kardinal Reinhard Marx sieht die Kirche an einem „toten Punkt“ angelangt. Es gab schon mal bessere Zeiten - und auch optimistischere Themen für das Herbstsymposion, das jedes Jahr über 120 Priester, Pastoralassistent/innen, Religionslehrer/innen, Diakone sowie haupt- und ehrenamtliche MitarbeiterInnen nach St. Arbogast lockt. Die ReferentInnen legten den Finger aber nicht nur auf Wunden wie Verletzlichkeit und Ohnmachtserfahrung, sondern zeigten auch Haltungen und Ressourcen auf.

Nichts bleibt, wie es war

Es werde keine Rückkehr zur Normalität wie vor Corona geben, hielt die Psychologin Dr. Marion Schwermer gleich zu Beginn ihres Impulsvortrags fest und gab einen persönlichen Einblick, wie die Pandemie auch ihr Leben durcheinanderbrachte. Vom einen auf den anderen Tag sei ihr Kalender leer und damit die Einsicht da gewesen: „Meine Tätigkeit ist nicht systemrelevant.“ Ein Problem, mit dem sich auch die Kirche angesichts leerer Bänke konfrontiert sah, zitiert Schwermer Nuntius Pedro López Quintana: „Die Menschen genießen ihr Leben nur und stellen sich nicht mehr die Frage nach dem Sinn desselben.“ Zeigt sich hier eine Relevanzkrise des Evangeliums, fragt die Psychologin.

Mut zur Unsicherheit

Ohnmacht und Verletzlichkeit kennzeichneten die Zeit der Pandemie, die nicht nur Panik und Stress, sondern auch den Wunsch nach Flucht und Handlung auslöste. Oder eben auch Nudel- und Klopapierhamsterkäufe. Aber nur wer Ohnmacht und Verletzlichkeit zulasse, werde berührbar und durchlässig, plädiert Schwermer dafür, Mut zur Unsicherheit zu zeigen.

Riss und Licht

„Die Frage ‚Wer sind wir morgen‘ steht unter erheblicher Unsicherheit“, bestätigte auch der Sozialethiker Dr. Markus Vogt und stellte eine Liedzeile von Leonard Cohen als Motto über seinen Vortrag: „There is a crack in everything. That‘s how the light gets in.“ In allem ist ein Riss, ein Sprung, doch genau so kommt das Licht herein, erklärte er, dass „uns vermeintliche Misserfolge, Umwege oder Wendepunkte häufig erst zu persönlicher Entfaltung, Erfolg und Zielerreichung führen.“ Durch den Riss dringe die Wahrheit in unsere Seele, dass unsere Würde nicht davon abhänge, dass wir perfekt sind.

Resilienzen und Glaube

Und so begab man sich gemeinsam auf eine Spurensuche nach dem, was im Umgang mit Ohnmachts- und Verletzungserfahrungen helfen könnte. Resilienz und Glaube zum Beispiel. Es gebe Seiten des Menschlichen, der Liebesfähigkeit und des Glaubens, die erst in Zeiten der Ohnmacht und Verletzlichkeit reifen, sieht Vogt die größte Stärke des christlichen Glaubens darin, diesen Tiefpunkt der Existenz nicht zu verdrängen. Oft gehe mit diesem Scheitern eine Umkehrung der Perspektive und innere Wandlung einher.

(Gott-)Vertrauen

Die - derzeit starke - Diskussion über Resilienz sei ein Reflex von Krisenzeiten. Laut Vogt frage Resilienz nach den Ressourcen eines Individuums und einer Gesellschaft, um die Schwierigkeiten zu bewältigen. Glaube, Liebe, Hoffnung, so die These des Sozialethikers, können dabei helfen - wobei natürlich nicht jeder Glaube gesund und resilient mache. Der biblische Ausdruck für Glauben laute „aman“ und meine „sich verlassen auf Gott, ihm vertrauen, auf seine Verlässlichkeit setzen, um selbst Dauer und Verlässlichkeit zu gewinnen, fest, sicher, zuverlässig sein“. Oder eben auch Grundvertrauen. „Dieses in die Zukunft gerichtete Vertrauen nennen wir Hoffnung, und so wie der Glaube die Basisstation ist, so ist die Hoffnung der Bewegungsvektor“, betonte Vogt und ergänzte: „So, wie der Glaube in die Tiefe geht, geht die Hoffnung in die Weite.“ Bleibt noch die Liebe, durch die die Menschen nicht mehr nur ihr eigenes Glück in das Zentrum ihres Strebens stellen und ihre Perspektive erweitern. „Liebe geht über das reaktive Streben nach Sicherheit, Kontrolle und Schutz vor Verwundungen hinaus und drängt auf eine Befreiung von Angst.“ Und: „Die Liebe gibt dem Glauben und der Hoffnung eine Richtung, eine auf den Nächsten ausgerichtete Zuwendung, die befreit und verwandelt.“

Neustart

Loslassen und neue Beziehungen finden - das waren für den Theologen und Dozenten Dr. Bert Roebben wichtige Erfahrungen, die er zwar nicht durch Corona, sehr wohl aber in dieser Zeit gelernt habe. Der Belgier war nämlich auf dem Jakobsweg unterwegs, als er bereits nach einer Woche die Erfahrung machen musste, dass der Fußmarsch sehr beschwerlich sein kann und Blasen an den Füßen sehr weh tun können. Als er dann bei einer älteren Dame Unterkunft fand und diese ihm sagte, er müsse jetzt zum Arzt gehen, erkannte er, dass er Hilfe braucht. „Wenn man Leid und Schmerzen zulässt, wird man in seinem resilienten Lebensgang unterbrochen“, berichtete der Theologe. „Und dann muss man einfach loslassen, und neue Beziehungen finden.“ Das bedeute dann aber auch, dass man von alten Vorstellungen und Einbildungen ablassen müsse. Das gebe - und das wurde bereits am Vortag erwähnt - eine partielle Mächtigkeit. „Ich bin nicht ohnmächtig - ich muss mich nur herausfordern lassen, muss es zulassen“, sagte er. In seinem Vortrag ging Roebben auf die religionspädagogischen Zukunftsperspektiven ein. Nach einer kurzen Kontextualisierung umriss er drei Grundentscheidungen: 1. Die Kinder und Jugendlichen müssen nicht nur abgeholt werden, man muss den Weg auch mit ihnen mitgehen. 2. Sie brauchen Raum, um weltanschauliche Deutungshorizonte zu erforschen. 3. Es braucht eine gemeinsame Sprache, um die transzendente Welt zu entdecken. Daraus entwickelte er sieben Themen.

Zum Abschluss wurde nochmals zum Podium geladen, wobei die ZuhörerInnen dort nun selbst neben den ExpertInnen Platz nahmen. Themen waren neben Erfahrungsberichten aus der täglichen Arbeit auch Erkenntnisse aus dem Herbstsymposion und die Beteiligung von Frauen. Gewünscht und gefordert war eine Gleichstellung in allen Bereichen. Hier waren die abschließenden Worte von Annamaria Ferchl-Blum treffend: „Es ist noch nicht entschienen, wie wir morgen sein wollen. Aber es ist vieles schon angedeutet, am Entstehen, und es sprießt.“

Workshops: Aber bitte mit Humor

Nicht nur Impulsvorträge, auch zahlreiche Workshops rundeten das Symposion ab - u.a zu den Fragen: Wer sind wir heute als Kirche? Was sind meine Erfahrungen mit Ohnmacht in der Gesellschaft und in der Kirche? Und wie gehe ich damit um?  Im Gesprächskreis konnten die Inputs mit den eigenen Erfahrungen verglichen, ergänzt und im Gespräch beleuchtet werden. Auch das Lachen darf nicht zu kurz kommen, meinte ein Teilnehmer der Gruppe bei Thomas Berger Holzknecht. „Humor schafft eine Lücke und so kann ich von mir selbst zurücktreten“, erzählt der Pastoralmitarbeiter. Viele Erfahrungen treffen aufeinander: „Ohnmacht bedeutet erstmal, dass nichts da ist, auch kein Spalt Licht“, berichtet ein Gemeindeleiter und ergänzt: „Vielleicht auch für eine längere Zeit.“

„Ich wünsche mir, dass die Kirche experimentierfreudiger ist und die Begabungen der Menschen fördert“, meinte ein Teilnehmer. Dies wird von einer junge Pastoralmitarbeiterin gleich ergänzt: „Ich wünsche mir mehr Offenheit.“  Und es sollten gute Gespräche möglich sein, wo viele Themen einen Platz haben, meint ein anderer. Immer wieder kristallisiert sich in den Gesprächen heraus, dass die Offenheit in der Gemeinschaft und im gemeinsamen Schaffen ein wesentlicher Bestandteil ist, um aus Krisen zu lernen und diese zu bewältigen.

Den gesamten Vortrag von Dr. Markus Vogt zum Nachlesen finden Sie übrigens hier