Warum lässt Gott Krieg zu? Darf sich die Ukraine verteidigen? Was helfen Glaube und Gebet im Krieg? Was wurde aus der Friedensvision Europa? Welche Rolle hat Kirche und wie kann ich ganz konkret helfen? Solche Fragen und noch mehr steigen in uns auf und machen uns unsicher. Gedanken von Bischofsvikar Rudolf Bischof.

Sicher müssen wir auch in der Kirche der Frage nachgehen, wo ist Gott? Auch wenn viele in unserer Zeit der Gottvergessenheit und des Transzendenzverschlusses vielleicht diese Frage nicht einmal mehr stellen. Aber im Hintergrund tragen sie diese Frage, oft auch als Rechtfertigung für sich, dass Glaube überholt ist und keine Antwort auf existentielle Fragen gibt.

Wo ist Gott, wo ist der Messias?

Dennoch kommt mir in diesem Zusammenhang gerade jener Bericht aus Ausschwitz in den Sinn mit der zentralen Frage: Wo ist Gott? In Auschwitz erhängte die SS zwei jüdische Männer und einen Jungen vor der versammelten Lagermannschaft. Die Männer starben rasch, der Todeskampf des Jungen dauerte eine halbe Stunde. Da schrie einer in die mitleidende Stille: „Wo ist Gott, wo ist der Messias?“ Nach einer Stille, die wie eine Ewigkeit dauerte, schrie ein anderer: „Dort ist er, dort hängt er.“

Gott ist nicht nur in den schönen Dingen des Lebens anwesend

Dramatisch ist hier ausgedrückt: Gott ist nicht der ferne Zuschauer, der zulässt oder nicht, er ist mitten im Leid anwesend. Wenn wir glauben, dass dieses Göttliche in jedem Menschen wohnt, dann ist dieser Gott nicht nur in den schönen Dingen des Lebens anwesend. Er ist auch anwesend im Leid, er leidet mit. Er leidet mit und niemals sendet er das Leid, schon gar nicht als Strafe. Er ist allüberall. Er ist da in der Freude des Lebens aber er verhungert auch in Afrika, er wird bombardiert und ist auf der Flucht in der Ukraine. Er wird Mensch und leidet als Flüchtling, als Unverstandener, als Einsamer, als einer der Angst hat, als einer, der im Tod schreit. Er ist aber auch da in dem Menschen, der hilft, der eine Wohnung zur Verfügung stellt, der sich in die Gemeinschaft der Helfenden einreiht. Gott hat uns Hände gegeben, damit wir einander die Hände reichen und zu schenkenden Händen machen.

Ein Zeichen der Solidarität

Dazu gehört auch das Lichtermeer, das wir entzünden, um den Glanz in der Nacht zum Zeichen der Solidarität werden lassen. Ich erinnere mich, dass erzählt wurde, dass im zweiten Weltkrieg Lichter in die Fenster gestellt wurden, um den Vätern und Söhnen, die im Krieg waren, ein Zeichen zu schenken. Sie konnten es nicht sehen, spürten aber sicher die Verbundenheit, so wie wir auch die Verbundenheit spüren, die das Gebet schenkt.
Ich selbst konnte während meiner Krankheit das Getragensein durch das Gebet spüren, das viele mir geschenkt haben. Das ist das Tröstliche unseres Glaubens, dass beides zusammengehört: die soziale Verbundenheit und das glaubende Gebet. Das ist das Tröstliche unserer Zeit, dass angesichts dieser Not und ihrer Bilder, die uns täglich schrecken, eine so große Hilfsbereitschaft geboren wird.

Gerade in dieser Zeit ist es tröstlich „katholisch“ also „allumfassend“ zu glauben und zu leben. Eine Nationalkirche ist immer versucht, auch national zu denken. Das lässt auch die russisch-orthodoxe Kirche so schwer über die nationale Grenze hinausdenken. In einem ungerechten Krieg finden der Christ/innen auch den Mut zum Widerstand im eigenen Land, wie es Dietrich Bonhoeffer und Alfred Delp gefunden haben. Das gibt auch das Recht zur Verteidigung, aber immer den Frieden als Ziel und Horizont.

Innere Haltungen des Friedens

Darum ist es notwendig, dass wir innere Haltungen des Friedens in uns bilden, indem wir immer an das Gespräch als Lösung glauben. Erasmus von Rotterdam hat in seiner Bibelübersetzung geschrieben: Im Anfang war das Gespräch. Da gibt es die großen Friedens-Schaffer in Europa, die auf dieses Gespräch gesetzt haben. Hier ist der Papst für uns ein glaubwürdiger Zeuge, der trotz seines Leidens zu Fuß zur russischen Botschaft in Rom geht und um Frieden bittet. Um diesen Frieden in unsern Herzen wachsen zulassen, sind die Aktionen der Kirche und unseres Bischofs Benno mit dem Friedensgebet und dem Lichtermeer auf dem Marktplatz in Dornbirn zu verstehen. So nimmt diese Haltung Gestalt an in den Aktionen der Caritas, bei der so viele Menschen mithelfen und spenden. Darum ist es auch gut, dass wir uns am Sonntag in unseren Kirchen versammeln und um Frieden beten und die Worte Jesu hören: Meinen Frieden gebe ich euch.

Es ist so wichtig, dass wir den Glauben stärken, und uns in der Eucharistie mit diesem Gott des Friedens verbinden. Dieser Friede muss auch in unseren Seelen wachsen, damit die seelenlose, profitgierige, ausbeutende und machtgierige Welt eine neue Seele findet, die glaubt, dass jeder Mensch wertvoll und unantastbar ist, weil das Göttliche in ihm wohnt.