Immer mehr Menschen aus Afrika möchten nach Europa kommt. Was bewegt sie dazu? Welches Bild haben sie von diesem Kontinent? Johannes Rauch hat in Tansania Antworten auf diese Fragen gesucht – und gefunden.

Patricia Begle

Kühler Wind und strahlender Sonnenschein. Vorplatz und Wiese der Villa Falkenhorst in Thüringen zeigen sich an diesem Nachmittag überaus lebendig. „Ein Tag für Tansania“ ist das Motto der Benefizveranstaltung, zu der die Eine Weltgruppe Schlins/Röns geladen hat. Die Besucher/innen schauen sich die Ausstellung an, suchen nach afrikanischen Stoffen, lassen sich den hydraulischen Widder – eine spezielle Wasserpumpe – erklären oder sitzen vergnügt am Tisch bei Speis und Trank.

Wofür steht Europa?

Einer der Programmpunkte ist ein Vortrag von Johannes Rauch, der aufgrund seiner jahrzehntelangen Erfahrung zum Experten der Entwicklungszusammenarbeit geworden ist.  Seit 15 Jahren begleitet er mit seinem Bruder Franz Rauch und zahlreichen Freiwilligen die Entwicklung in Mdabulo, einem Ort im südlichen Hochland von Tansania, der 19 Dörfer und rund 40.000 Einwohner umfasst.

„Where are you from?“ – „From Austria.“ – „Ah – Australia!“ – „No, Austria!“ – „Ah - Australia!“ – No, Austria!!“ – „That‘s the same. (Das ist dasselbe).“ Mit diesem Witz beginnt Johannes Rauch seine Ausführungen. Bei seinem letzten Aufenthalt in Mdabulo, der gerade zwei Wochen zurückliegt, erforschte er mit zwei Mitarbeiterinnen das Bild, das die Menschen dort von Mitteleuropa haben. 55 Personen wurden befragt, 15 haben ihre Antwort als Video aufzeichnen lassen. Die Ergebnisse sind zwar noch nicht ausgewertet, trotzdem leicht zusammenzufassen: Der Großteil der Menschen hat keine Ahnung von Europa. Weder von Kultur und Werten, noch von der Geschichte. Das Bild, das in ihren Köpfen ist, setzt Europa gleich mit jenem Teil der Hauptstadt Dar es Salaam, in dem Hochhäuser und teure Geschäfte zu finden sind. So wie die Hauptstadt hat auch der Kontinent im Norden eine große Anziehungskraft. Er steht für Reichtum und Geld.

Eine Überlebensfrage

Und Geld gibt es in vielen Familien Tansanias zu wenig. Und zwar so wenig, dass es nicht zum Überleben reicht. Die Gründe dafür liegen zum Beispiel in der hohen Arbeitslosigkeit, die unter anderem eine Folge des Bevölkerungswachstums ist und besonders junge Menschen betrifft. Geld fehlt auch, wenn es um Schulbildung geht. Uniform, Schuhe, Hefte und Bleistift bedeuten oft unüberwindbare finanzielle Hürden. Eine Sozialpolitik, die Ausgleich schafft, gibt es nicht. Aber es gibt Korruption und Politiker, die das Land an ausländische Konzerne verkaufen.

Manche Familien sehen ihre einzige Überlebenschance darin, ihren Sohn nach Europa zu schicken. Ausgesucht für diese Aufgabe werden die schlausten und geschicktesten. „Wenn ein Junge diesen Auftrag bekommt, dann lässt er sich weder von der Sahara noch vom Mittelmeer abschrecken, er nimmt alles in Kauf, so sehr ist er mit der Familie verbunden“, erläutert Rauch. „Die wenigen Afrikaner, die in Europa Zeitungen austragen oder Teller abwaschen schicken mehr Geld zurück als die Entwicklungshilfe ausmacht.“ In Dar es Salaam haben mittlerweile Schlepperorganisationen ihr Geschäft aufgenommen. Wie dieses Problem gelöst werden kann, darauf hat Rauch keine Antwort. Außer den Projekten in Mdabulo.

Ein guter Plan

„Europäer arbeiten hart. Sie kommen zusammen, um Probleme zu lösen. Sie sind vorausschauend und machen Zukunftspläne.“ Diese Worte stammen von einem der Videos, die beim Vortrag gezeigt wurden. Laurentia, die Europa so beschreibt, hat ihre eigenen Erfahrungen mit Europäern gemacht. Sie ist seit Anfang an in die Projekte der Eine Weltgruppe involviert und nahm auch am „Leadership-Training“ teil, das gerade angeboten wurde. Sie weiß, dass Planen wichtig ist und in ihrer Kultur fehlt. Denn in Tansania geht es morgens um die Frage: „Was braucht es zum Leben?“ Diese existentielle Dynamik bestimmt den Alltag.

Eine echte Perspektive

Durch die Projekte der Eine Weltgruppe werden Menschen befähigt, für sich und ihre Dorfgemeinschaft zu sorgen - mit landwirtschaftlichem Know-How, Wissen um Handwerk und Verwaltung. 6.000 Waisenkinder werden zudem so unterstützt, dass sie im Dorf wohnen bleiben und die Schule besuchen können. Ob Wasserleitung, Solaranlage oder Hausbau - aufgebaut und verwaltet werden die Vorhaben immer gemeinschaftlich. „Gemeinsame Arbeit gibt ihnen enorm viel Selbstwert“, erklärt Rauch, „und das Gefühl: Wir sind etwas, wir können etwas bewegen.“ Die jungen Menschen in Mdabulo haben Zukunftsperspektiven. Sie brauchen kein Europa.

Ausstellung in der Villa Falkenhorst

Weitere Führungen durch die Ausstellung in der Villa Falkenhorst, Thüringen, finden am
So 30. April und So 7. Mai statt, jeweils von 15 bis 17 Uhr.

www.eineweltgruppe.at

Der Artikel erschien im KirchenBlatt Nr. 17 vom 27. April 2017.