Helga Kohler-Spiegel zum Sakrament der Erstkommunion

Verdichtete Erfahrungen

Frisch verliebt überlegen wir, wie wir der geliebten Person zeigen können, dass wir sie so gerne haben - vielleicht schenken wir eine Rose oder eine ganz bestimmte CD. Nach einem Streit braucht es eine Geste, damit die Auseinandersetzung nicht schleichend weitergeht, sondern wirklich beendet ist. Als Menschen müssen wir ausdrücken, was uns wertvoll ist und was uns traurig macht, wir brauchen für Liebe und für Tod, für Gemeinschaft und für Veränderungen ein Datum und einen Ort, wir brauchen symbolische Handlungen, Rituale, wir brauchen verdichtete Erfahrungen. Solche Lebenspunkte können wir gemeinsam feiern oder bedenken, wir können das Geschehene erinnern.

Verwandelt werden – Brot und Wein

Sakramente sind rund um Knotenpunkte des Lebens angesiedelt, Sakramente wollen die Feiernden verwandeln, sie wollen die Menschen ein bisschen freundlicher, ein bisschen offener, ein bisschen versöhnlicher machen – Verwandlung, Wandlung.
Konkret, an einem Abend mit Eltern zur Erstkommunionvorbereitung: Mitgebrachtes Brot wird geteilt, alle brechen ein Stück ab und essen. Um keinen Wein zu verwenden, wird eine wunderschöne Weintraube im Kreis gereicht, niemand getraut sich, davon zu nehmen, so schön sieht die Weintraube aus. Dann erzählt die Leiterin des Abends: „Da nehme ich die Trauben in die Hand und halte sie hoch. Und ich drücke die Finger fest zusammen. Saft spritzt über den ganzen Tisch. Die anderen weichen erschreckt zurück und starren fassungslos auf die ekligen, zerquetschen Reste in meiner Hand. Das Vollkommene ist zerstört, der Saft, der durch meine Finger tropft, erinnert an Blut.“ Zuerst Sprachlosigkeit – dann wird klar, wenn Brot und Wein mit Leben und Tod Jesu zu tun haben, dann heißt das Fest und Freude ebenso wie Folter und Ermordung. Es irritiert, wie sehr wir uns an die Bilder gewöhnt haben, wie harmlos sie geworden sind - Brot und Wein.

Eucharistie - einen Platz haben

Am gemeinsamen Tisch einen Platz haben, einen Platz, an dem mir wohl ist, nicht übrig sein – aus Kindertagen kennen wir das, wie wichtig es ist, meinen Platz zu haben, „da sitze ich“. Oder schmerzhaft: drei Kinder, die großen beiden sind schon vor dem Aufstehen noch kurz zu den Eltern ins Bett gekrochen, der „Kleine“ kommt ins Zimmer, sieht beide Eltern „besetzt“ und geht wieder – keinen Platz haben, das kann sehr wehtun. Eucharistie zu feiern heißt, einen Platz am Tisch zu haben – immer. Das Gastmahl, zu dem alle eingeladen sind, ist im Neuen Testament das wichtigste Bild für das Reich Gottes. Jesus selbst war das gemeinsame Mahl von großer Bedeutung, die ersten Christinnen und Christen waren daran erkennbar, dass alle einen Platz am Tisch hatten.

Natürlich ist es nicht ganz einfach, das auch im Alltag zu leben. Immer wieder machen wir einander den Platz streitig oder vertreiben andere. Vielleicht fängt Eucharistie an, wenn wir zu jemandem, der nicht hergehört, sagen: Komm, setz dich her – im Gasthaus, in der Nachbarschaft, für Kinder und Jugendliche in den Schulklassen, in den Cliquen, auf dem Pausenhof…

Gemeinschaft und Begegnung

Selbstverständlich gehört zu „einen Platz haben“ auch die Erfahrung von Begegnung miteinander und Gemeinschaft untereinander. Dass es schwierig ist, von Gemeinschaft zu reden, wo Menschen keine Gemeinschaft leben, ist klar. Deshalb wird die Erstkommunion auch zusammen mit Kindern gefeiert, die einander aus der Vorbereitung und/oder der Schule kennen und miteinander vertraut sind.

Danke sagen

Mit der Eucharistie sagen wir „danke“, wir feiern das Danke-sagen. Zu ganz verschiedenen Anlässen haben wir Grund, danke zu sagen. Eine Silberhochzeit z.B., 25 Jahre Ehe - zur Einladung ins Gasthaus will das Paar auch Gottesdienst feiern. Sensible Worte sind wichtig, die auch die Schwierigkeiten einer Ehe nicht verharmlosen, denn die glücklichen und die schwierigen Tage gehören zur Geschichte dieses Paares. Ein paar schöne Lieder… Danke sagen – für gemeinsames Leben.

Ein Grundnahrungsmittel

Was das Lebensmittelangebot betrifft, sind wir heute gewohnt, aus einem riesigen Angebot auszuwählen. Und dennoch wissen wir, dass es viele Menschen gibt, die – von Armut betroffen – die Vielfalt an Nahrungsmitteln nicht zur Verfügung haben. Brot und Wein stehen für das Lebensnotwendige und für die Freude, die darüber hinaus geht – so wichtig wie Brot, so erfreulich wie ein Glas Wein soll Jesus für Christinnen und Christen sein. Und zugleich drücken sich in Brot und Wein Gemeinschaft und Fürsorge aus, teilen und feiern, immer wieder gehört beides zusammen.

Erstkommunion

Die Zugänge zur Eucharistie sind vielfältig, auch für Kinder. Seit jeher feiern Christinnen und Christen die Gemeinschaft bei Brot und Wein, sie feiern die Erinnerung an Jesus. Sie feiern, dass jeder Mensch einen Platz hat am Tisch, dass wir einander nicht verdrängen, sondern einladen an diesen Tisch. Christinnen und Christen feiern Sonntag für Sonntag auf der ganzen Welt, gemeinsam danke zu sagen, zu teilen und miteinander durch den Alltag zu gehen. In diese Erfahrungen sind bereits Kinder eingeladen. 

 

Prof. Dr. Helga Kohler-Spiegel lehrt Religionspädagogik und Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg, sie ist u.a. Psychotherapeutin und (Lehr-)Supervisorin in Feldkirch.

 

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