Was ist christlich, was sozial – und wer darf was davon für sich reklamieren? Diese Frage wird seit einiger Zeit hitzig diskutiert. Anlass, dem Begriff des „Christlich-Sozialen“ genauer nachzuspüren.

Was ist „christlich-sozial“?

„Nicht jeder, der sozial handelt, muss christlich sein, Aber jeder, der sich christlich nennt, muss sozial handeln.“ So lautet eine der Thesen, die Dr. Magdalena Holztrattner, Direktorin der Katholischen Sozialakademie Österreich im März 2018 bei einem Gesellschaftspolitischen Stammtisch im Kolpinghaus Dornbirn vertrat. Den Kerngedanken der Christlichen bzw. Katholischen Soziallehre bringt sie damit auf den Punkt – der beispielhaft freilich auch in der Erzählung vom barmherzigen Samariter dargelegt ist (Lk 10,25 –37).

Mehr dazu gibt es unter: www.christlichgehtanders.at bzw. www.ksoe.at

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Und was genau ist diese Christliche bzw. Katholische Soziallehre?

Ihre Ursprünge hat die Katholische Soziallehre im vorletzten Jahrhundert, als die Industrielle Revolution für prekäre Lebensverhältnisse in der Arbeiterschaft sorgte – überlange Arbeitszeiten, zu geringe Löhne, keinerlei soziale Absicherung, und, und, und (Probleme, die an vielen Orten der Welt übrigens immer noch virulent sind). Papst Leo XIII. positionierte sich 1891 in der Sozialenzyklika Rerum novarum („Die neuen Dinge“) zu dieser „Sozialen Frage“ – und zwar als Alternative zwischen dem Sozialismus/Kommunismus und dem  Kapitalismus/Liberalismus – und legte so den Grundstein zu einer Katholischen Soziallehre.

Diese formuliert das Ideal einer sozial gerechten Gesellschaft, in der alle Menschen nicht nur auf dem Papier mit den gleichen Rechten und Chancen ausgestattet sind, sondern auch konkret dieselben Möglichkeiten zur Teilhabe und Entwicklung haben. Die katholische Soziallehre geht dazu von einer idealen und „vernünftigen“ Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens aus („Ordo Socialis“), die an den Sozialprinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität sowie den daraus abgeleiteten Grundwerten des Gemeinwohls, der Option für die Armen und der Nachhaltigkeit orientiert ist.

Mehr dazu: Universität Augsburg / iupax.at

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Personalität, Solidarität, Subsidi-was…?

Die katholische Soziallehre bzw. -ethik stützt ihre Überlegungen zum gesellschaftlichen Miteinander auf aufeinander aufbauende Prinzipien:

Das Prinzip der Personalität definiert die/den Einzelne/n als „kleinste Einheit“ im sozialen Kontext – und stattet sie/ihn mit denselben Rechten und Pflichten aus. Hier ist z. B. auch die Idee der unantastbaren Würde eines jeden Menschen verankert.

Die Solidarität gilt als „Baugesetz“ (Oswald von Nell-Breuning) menschlicher Gemeinschaften, die sich stets aus der Interaktion zwischen dem Einzelnen und anderen konstituieren. Daraus folgt in der katholischen Soziallehre das ethische Prinzip der „Gemeinhaftung“, nach dem sowohl die einzelnen Glieder für das Ganze als auch das Ganze für die einzelnen Glieder Verantwortung tragen. („Sozialprinzip des mitmenschlichen Zusammenhalts“)

Das Prinzip der Subsidiarität beschreibt, wie die Prozesse in der Gemeinschaft idealiter ablaufen: Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und der Entfaltung der Fähigkeiten sollten stets bei der kleinsten sozialen Einheit liegen – beim Individuum, bei der Familie oder in einer Gemeinde. Erst, wenn die kleinere Einheit ihre Probleme nicht selbst lösen kann, springt die nächstgrößere ein.

„Das grundlegende moralische Kriterium für alle wirtschaftlichen Entscheidungen, politischen Maßnahmen und Institutionen ist dieses: Sie müssen allen Menschen dienen, vor allem den Armen“, erklärt der Sozialethiker Kurt Remele jüngst im Standard. Das Gemeinwohlprinzip könne auch gut mit einem Zitat des Kirchenvaters Ambrosius von Mailand erklärt werden: „Es ist nicht dein Gut, mit dem du dich gegen den Armen großzügig erweist. Du gibst ihm nur zurück, was ihm gehört. Denn du hast dir nur herausgenommen, was zu gemeinsamer Nutzung gegeben ist. Die Erde ist für alle da, nicht nur für die Reichen." (Quelle)

Die Nöte der Armen müssen Vorrang vor den Wünschen der Reichen haben; die Rechte der Arbeiter vor der Vermehrung des Profits; der Umweltschutz vor der unkontrollierten Expansion, etc.: Die Option für die Armen tritt ein für die Kranken, Schwachen und Benachteiligten in einer Gesellschaft. (Quelle)

Bei allem gilt das Prinzip der Nachhaltigkeit: Prozesse sollen so gestaltet und Ressourcen so verwendet werden, dass nicht nur die gegenwärtige Generation davon profitiert, sondern auch alle folgenden Generationen die Welt als lebenswerten Ort vorfinden. Das bedeutet, behutsam mit der uns anvertrauten Schöpfung umzugehen.

Einen guten Überblick bietet Wikipedia und eine Handreichung der KAB Bayern »

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Warum wird all das gerade jetzt so intensiv diskutiert?

Ausgangspunkt sind die Äußerungen, die der Politik der aktuellen österreichischen Bundesregierung einen Bruch mit den christlich-sozialen Wurzeln ihrer Parteien vorwerfen. Wie die Enzyklika Rerum novarum sind auch politische Parteien wie die ÖVP bzw. deren Vorläufer als Reaktion auf die sozialen Missstände in der Folge der Industriellen Revolution entstanden – und das soziale und „christliche“ Miteinander seither immer wieder in verschiedenen Intensitäten betont worden. Diese Orientierungen würden mit Vorstößen wie der „Mindestsicherung neu“ oder Kürzungen beim AMS verraten, so Kritiker.

Der Standard bildet die Diskussion seit einigen Monaten ab:

Auch der ORF berichtet

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Moment: Politik und Religion sind hierzulande doch per Gesetz voneinander unabhängig?

Genau, das Prinzip der „Laizität“, also der Trennung von Kirche und Staat, ist in der Verfassung verankert und auch eine Überzeugung der Katholischen Soziallehre. Diese sei nie dazu gedacht gewesen, politischen oder wirtschaftlichen Entscheidungsträgern konkrete Vorgaben zu machen, sondern vielmehr ein Gedankengebäude zur Verfügung zu stellen, das hilft, Maßnahmen hinsichtlich ihrer „Christlichkeit“ zu bewerten.

Dazu: "Die notwendige Konjunktur des Christlich-Sozialen" / Der Standard »

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Dann stimmt es also, wenn mancher meint, die Katholische Soziallehre sei eher eine Art Philosophie?

Vielleicht kann man die Katholische Soziallehre eher als "Leitplanken" definieren, die einer Gesellschaft den Weg weisen, die immer wieder Gefahr läuft, sich auf Irrwege zu begeben. Der Turbokapitalismus, der Kommunismus, die Missachtung der Menschenwürde eines jeden einzelnen, das Vergessen auf die Menschen am Rande, die Zerstörung der Schöpfung und fehlende Selbstverantwortung der kleineren Einheiten in unserer Gesellschaft (Stichwort Subsidiarität) sind solche Irrwege, die unser soziales Miteinander in bedrohliche Schieflagen bringen und die Kirche als moralische Instanz zum Handeln herausfordern.
In einer immer mehr ent-kirchlichten Gesellschaft verlieren freilich diese Leitplanken mehr und mehr an Bedeutung und an Einfluss. Umso wichtiger scheint es, dass die Kirche Farbe bekennt und mit einem klaren Blick auf die Grundprinzipien ihrer Soziallehre Stellung nimmt bzw. selbst auch glaubwürdig agiert.

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