Es gab in meiner Kindheit ein adventliches Ritual, das mein Geheimnis blieb. In meiner Familie, in der gemeinsames Gebet im Advent und Adventkranz üblich waren, wusste niemand davon. Es war mein täglicher(!) Weg in die "blaue Dämmerung" und der besondere Zielpunkt darin.

Wenn sich der erste Anhauch von Dämmerung einstellte, ging ich aus dem Haus. Der kurze Weg in die Ortsmitte war verschneit, das verstärkte den Zauber. Ziel war das Schaufenster von einem der zwei Geschäfte, die es gab, und dabei nicht das rechte Fenster mit den Dingen für die großen Leute, sondern das linke mit den Spielsachen, den Puppen und mit dem Traumstück in der Mitte, einem korbgeflochtenen Puppenwagen. Jeden Tag schaute ich voll Andacht hinauf, bemerkte jede Änderung – was dazu und was weg gekommen war. Ich dachte nicht, der Puppenwagen könnte als Geschenk für mich in Frage kommen, doch jeden Tag bewunderte ich, dass es so etwas Schönes gibt.

Stille und Staunen

Am Heimweg war die Dämmerung fortgeschritten, aber eben: die Nacht, die Dunkelheit ist schwarz, doch die Dämmerung hat in Verbindung mit Schnee ein tiefes stilles Blau. Auch darauf freute ich mich jeden Tag. Es erfüllte mich große Dankbarkeit darüber, was mir da als Kind schon entgegenkam: der Wert von Ritualen, von Stille und Staunen; der Betrachtung des immer Gleichen, und doch lebt das Herz dabei immer neu in freudigem Sehnen. Ich sehe da eine geschenkte Spur, die mich als Erwachsene stark ins kontemplative Gebet gezogen hat.

Die Schönheit sehnen und sehen

Das Schaufenster mit den schönen Dingen, die das Kinderherz berührten, ist abgelöst von anderer Ebene mit anderen Inhalten, die das Herz berühren, unserer adventlichen Liturgie. Am Beginn eines jeden Kirchenjahres gibt es für uns im Kloster die immer neue Vorfreude: Wenn diese Hymnen kommen, dann ist Advent! Oder: Bei dieser Antiphon ist Weihnachten schon ganz nahe! Es ist ein großer Reichtum, den Advent entlang unserer Liturgie mit seinem großen Schatz an begleitenden Texten leben zu dürfen. Sehnen, angerührt durch das Zukommende, und weiter sehnen. Für Momente, wenn es gegeben ist, hebt sich die Decke über der Wirklichkeit, dann schauen wir durch die blaue Dämmerung hindurch in das ewige „Da bin ich“.

Schwester Maria Kriegner