In der Katholischen Kirche Vorarlberg geschieht viel, damit möglichst nichts mehr geschieht. Sprich: Gewaltschutz ist ein Thema. Die Plattform Gewaltschutz ist dabei ein Ort, an dem mit Kai Christian Moritz ein Betroffener das betroffene Schweigen brach.

Eins vorneweg, die Plattform Gewaltschutz ist nicht das einzige Gremium, nicht die einzige Anlaufstelle, wo die Themen und Präventionsmaßnahmen rund um sexuellen Missbrauch und Gewalt wach gehalten werden. Neben der unabhängigen Ombudsstelle, der Stabstelle Gewaltschutz und der diözesanen Kommission, ist die Plattform nur ein Ausschnitt eines größeren Ganzen.

Im losen Verband von VertreterInnen verschiedener Einrichtungen, Intitiativen, Institutionen und Fachrichtungen trifft man sich zweimal jährlich, tauscht sich aus, diskutiert ein Thema eingehender und sorgt damit dafür, dass das Bewusstsein für den „Gewaltschutz“ möglichst breit gestreut wird. Das letzte Treffen dieser Art griff die MHG-Studie der deutschen Diözesen auf.

Das wird keine "Wohlfühl-Nummer"

In dieser umfassenden Studie zu sexuellem Missbrauch, die von allen 27 Diözesen Deutschlands gemeinsam in Auftrag gegeben wurde und die sich in 9 Teilprojekte gliedert, wird den LeserInnen „deutlich vor Augen geführt, wie sehr das Phänomen von Gewalt in der Kirche einen Platz hatte. Und es ist nicht vorbei“, erklärt Stefan Schäfer, Leiter der Stabstelle Gewaltschutz, auf dessen Einladung sich die Plattform zusammenfand. Nach derartigen Grußworten war allen per Videokonferenz Anwesenden eines klar: Dieser Nachmittag wird mehr als eine nette, kleine Diskussion in der Wohlfühlzone. Zum Glück wurde es das.

Kai Christian Moritz ist Schauspieler und Regisseur. Er studierte Dramaturgie, Neue Deutsche Literatur, Englische Literatur, Gesang und Schauspiel in München. Er ist Opfervertreter und im Sprechergremium des Betroffenenbeirates der deutschen Bischofskonferenz. Kai Christian Moritz wurde missbraucht, als knapp 10-Jähriger, kurz nach dem Tod seiner Mutter. Mehrmals, über Jahre.

"Aber vergiss nicht, ..."

„Aber vergiss nicht, ich liebe dich doch“, dieser Satz stand am Ende eines Etappenzieles, am Ende eines Leidensweges, der durch Missbrauch und Gewalt geprägt war. „Aber vergiss nicht, ich liebe dich doch“, diese Worte hörte Kai Christian Moritz aus dem Mund eben jenes Priesters, der ihn als Junge missbraucht hatte.    

„Ich kam 10jährig, nach dem Tod meiner krebskranken Mutter und kurz nach meiner evangelischen Taufe in ein katholisches Pfarrhaus. Der Pfarrer war nicht nur mein Betreuer, sondern auch mein Cousin. Es begann mit Berührungen, Küssen, immer weniger Kleidung bis hin zur Penetration in allen erdenklichen Weisen. Ich war seelisch gebunden. Verschrien als ,schwuler Pfarrersknecht‘ zündete ich das Jugendheim an. Es blieb – bis auf eine Ohrfeige durch den Pfarrer – folgenlos. Irgendwann nach der ersten Freundin, die zwischen Vater und Sohn zu filmreifen Eifersuchtsszenen führte, entfernte ich mich. Aber eben nur räumlich“, so beginnt Kai Christian Moritz die Erzählung seines Lebens. Es ist keine „schöne Geschichte“. Viel mehr erzählt sie von Machtmissbrauch, von Demütigung, von Leid, das nicht wieder gut gemacht werden kann und von Mechanismen, die bis heute dieselben geblieben sind.

„Ich wollte selbst Priester werden. Ich wollte den Status, die Position, die Machtfülle. Es zog mich zur Theologie. Erkennend, in welch falscher Theologie ich aufgewachsen war, trieb es mich aus der Kirche hinaus. Meine Wohnung brannte ab, ich erkrankte an Krebs. Erst als nichts mehr übrig blieb, als zwei Plastiksäcke, begann ich zu sprechen“, rattert er in seinen Erinnerungen die Stationen seines Lebens herunter.

Er wird ja eh versetzt

Als er zu sprechen begann, war es eine alte Freundin seiner Mutter, die ihm half. Was er denn wolle? Geld? Das gebe es nicht und die weltliche Gerichtsbarkeit spiele keine Rolle. So hallte es ihm entgegen, als er sich zum ersten Mal mit seiner Geschichte an Vertreter der Kirche wandte.

Kai Christian Moritz hörte nicht auf zu sprechen. Davon, was er erlebt hatte. Ob er dem Priester denn nicht auch vergeben wolle. Der Priester bereue die Taten ja und es werde ihm, weil er ja bereue, ein geistlicher Begleiter für die Zeit seiner Reue zur Seite gestellt. Im Übrigen werde der betreffende Priester versetzt – in eine größere Pfarre. So hieß es.  

Missbrauch ist Mord an Kinderseelen

„Nach missglückten Selbstmordversuchen war für mich irgendwann klar, dass ich dem Vergewaltiger meines Lebens seine Schuld zurückgeben muss. Darauf antwortete der damalige Kirchenbeamte mit einem Wehe, wenn ich versuchen würde, Druck auszuüben, … In der Folge der MHG-Studie zeigte ich den Täter 2019 wieder an. Jetzt ging alles schneller. Sofort wurde der Täter aller seiner Aufgaben enthoben. Das ist nur ein Schicksal von 1000en. Jedes ist anders. Manche haben es nicht überlebt. Alle wurden in ihrer menschlichen Würde missbraucht und zurückgestoßen. Missbrauch ist Mord, Mord an einer Kinderseele.“

Kai Christian Moritz hat überlebt. Er hat zu sprechen begonnen. Mehr noch, er arbeitet heute mit VertreterInnen der Kirche zusammen. Damit es besser wird, damit sich etwas tut. Er vertritt die Betroffenen, sorgt dafür, dass sie immer präsent sind. „Es gibt nichts Wichtigeres als den Menschen und es hilft nichts, außer der schonungslosen Aufklärung“

Was passtiert, wenn man Souveränität aufgibt?

Im September 2018 wurde die MHG-Studie veröffentlicht. Die Studie benannte klar systemische Probleme, zeigte missbrauchsbegünstigende Mechanismen auf. Die Studie wies aber auch auf Lösungsansätze wie die stärkere Einbindung von Betroffenen und eine breite Diskussion des priesterlichen Rollenverständnisses hin.

Allein, eine Studie für sich reicht nicht. Wenn wir sagen „Kein weiter so“ müsse dem auch das „Ohne uns“ folgen, sagt Kai Christian Moritz. Es ist ein „Ohne uns“ bei allem, was zu vertuschen versucht, was Unrecht deckt, was weg sieht. „Macht in der katholischen Kirche bedeutet absolutistische, asymmetrische Hierarchie. Verletzende, oft als Dienst verschleierte und unkontrollierte Macht. Eine Macht, die den Schutz der Täter und der Institution über den Schutz der Opfer stellte und immer noch stellt. Sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen stellt eine theologische Pervertierung dar. Alles, was dazu beiträgt, diese Perversion zu verhindern, ist Evangelisation. Gewaltprävention muss von der verwundeten Wirklichkeit ausgehen und man stelle sich vor, welche Chancen sich dabei ergeben, wenn Souveränität aufgegeben und Machtlosigkeit zugelassen wird.“

Sprechen über das, was unaussprechbar wurde

Mehr noch, man müsse sich fragen, so Kai Christian Moritz, wie denn ein „Verlernen“ des so lange eingeübten und institutionalisierten Wegschauens  möglich sein könne. Denn es gehe nicht darum, Vertrauen einfach nur wieder herzustellen, damit dadurch auch zum kranken Normalzustand zurückgekehrt werden könne.

Missbrauch sei, so Kai Christian Moritz weiter, auch keine Sache einiger weniger. Missbrauch sei eine Sache aller. „In der Kirche gibt es Dinge, die sind so sauber und  heilig, dass sie unaussprechbar werden. Sie werden sakrosankt. Was aber, wenn die ,falschen‘ Dinge unaussprechbar werden?“ Ein Verurteilter müsse, so Moritz, benennbar, das Dunkelwissen hell werden. Oder, wie Kai Christian Moritz den Ball an alle retour spielt: „Es wird darauf ankommen, wie groß der Wille ist, Entscheidungen zu treffen.“

Die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und Ordensangehörige in den Diözesen Deutschlands ist ein Zeichen einer derartigen Entscheidung. Sie darf nicht das einzige bleiben.