Es war der 8. November 1938. Auf dem Hof der Götzner Volksschule versammeln sich 30 Götzner Frauen. Sie wollen reden. Darüber, dass jetzt sogar noch das Schulgebet abgeschafft werden soll. Sie leisteten Widerstand. Gegen ein Regime, das wenig später noch viel stärker werden sollte. Und sie waren nicht die Einzigen.

1938. Im März hatte sich Österreich Hitlerdeutschland angeschlossen. Die Stimmung in der Gesellschaft war, wie sie war und sie wurde immer schärfer. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war nicht mehr weit. Verfolgung und Vernichtung sollten schließlich Millionen von Menschenleben auslöschen. Und genau an diesem "Vorabend des Zweiten Weltkriegs" - wenn man es so nennen will - reichte es rund 30 Götzner Frauen. Das Schulgebet sollte abgeschafft werden - und dagegen demonstrierten sie.

Lappalie oder Grund genug?

Empörung aufgrund einer Lappalie oder doch Widerstand gegen Eingriffe eines totalitären Systems? Warum die Demonstration der Götzner Frauen vielleicht zwar nur ein Nebenschauplatz der großen Geschichte aber durchaus beachtlich war, führte erst kürzlich Wolfgang Türtscher im Rahmen einer Vortragsreihe an der Volkshochschule in Götzis aus.

Thema der Reihe ist das Gedenk- und Bedenkjahr 2018. In unregelmäßigen Abständen werden es bis Ende des Jahres drei Vortragsabende sein, die das Jahr 1938 von verschiedenen Seiten aus betrachten und beleuchten. Der Götzner Wolfgang Türtscher machte mit den resoluten Frauen von 1938 dabei den Anfang. Und der beginnt, wie so oft, bereits einige Jahre früher. Denn um schlüssig herzuleiten, warum diese Frauen auf die Straße gingen, muss schon 1933 angesetzt werden. Damals standen Wahlen in Deutschland an. Die NSDAP holte sich rund 44% der Stimmen. Und eine Gegenüberstellung der katholisch dominierten Gebiete Deutschlands mit dem Wahlergebnis zeigte, wie Türtscher anschaulich demonstrierte, dass die katholischen Gebiete der NSDAP kritischer gegenüberstanden.

Die Kirche muss weg

Das war, wie Türtscher fundiert analysierte, ein erstes Vorzeichen dafür, was sich im Verhältnis von Nazi-Deutschland zur Kirche in weiterer Folge fortsetzen sollte. Die Kirche sollte weg. Das war klar. Und dennoch gab es da so etwas wie eine Hemmschwelle. Das zeigt zum beispiel die Anweisung aus Berlin, dass katholische Bischöfe vom NS-System nicht angetastet werden sollten. Hitler wusste, so Türtscher, dass die Hinrichtung von vier Bischöfen im Spanischen Bürgerkrieg schließlich den Niedergang der Kriegstreibenden besiegelt hatte. Also hieß es im Falle der Bischöfe. "Finger weg!"

Dass ihre Stellverterter sehr wohl Opfer des Regimes wurden, bekommt gerade in Vorarlberg eine zusätzliche Dimension. War es doch der 2011 seliggesprochene Märtyrer Carl Lampert aus Göfis, der als höchster Geistlicher quasi stellvertretend hingerichtet wurde.

Eine Zeit der Widersprüche

Nun war die Zeit vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs - und auch währenddessen - eine Zeit der Widersprüche. So erschien 1938 die "Feierliche Erklärung der Österreichischen Bischöfe", in der sie dazu aufriefen, für den Anschluss an Hitlerdeutschland zu stimmen. Gleichzeitig aber erschienen u. a. im Vorarlberger Volksblatt, das damals von Priester Georg Schelling geleitet wurde, unzählige Berichte über Übergriffe, die auf das Konto der Nationalsozialisten gingen.

Religiös motivierten Widerstand gab es auf allen Seiten und sogar quer durch alle politischen Überzeugungen. Getragen wurde der kirchliche Widerstand hauptsächlich von Laien, wie Wolfgang Türtscher ausführte, und dort vor allem von Frauen. Widerstand regte sich spontan meist dort, wo das politische System versuchte, das Religiöse zu beschneiden. "Das waren Eingriffe in das ganz eigene Leben der Menschen, das viele dann nicht mehr nachvollziehen und verstehen konnten", fasste Türtscher ein großes Thema in seiner kürzesten Formel. Da konnte es durchaus vorkommen, so Türtscher weiter, dass eingefleischte NSDAP'ler gegen die Abschaffung der Kreuze in den Klassenzimmern auftraten. So wie in Teilen Deutschlands, wo dieses Ansinnen in Schulstreiks und Gauversammlungen mit bis zu 7000 Anwesenden endete.

Der Rahmen für die Causa Götzis

So zeichnete Wolfgang Türtscher den Weg des kirchlichen Widerstand anhand einiger Beispiel - größerer und kleinerer - nach und rahmte dadurch den Aufstand der Götzner Frauen. In Vorarlberg war es nämlich durchaus ebenfalls so, dass das NS-Regime das Ziel verfolgte, kirchliche Jugendarbeit, Brauchtum und den Religionsunterricht zu stören. Eine Schikane der rein bürokratischen Art war es zum Beispiel, dass Jahr für Jahr erneut genehmigt werden musste, welche Priester den Religionsunterricht an den Schulen abhalten durften. Das verlangsamte und erschwerte das Planen des Unterrichts ungemein.

Der in Vorarlberg eingesetzte Gauleiter Hofer zählte, so Türtscher, sicher zu den fanatischeren Kirchenverfolgern dieser Zeit. Ab dem Schuljahr 1939/40 wurde Religion an den Schulen nur noch als Freifach abgehalten, während man gleichzeitig die Abmeldungen vom Religionsunterricht zu forcieren versuchte. "Den Maturanten des Jahrgangs 1938 bot man an, ihnen im Gegenzug zur Abmeldung vom Religionsunterricht ein Maturafach zu erlassen. Weder in Bregenz noch in Feldkirch meldete sich auch nur ein Maturant ab", führt Türtscher ein weiteres Beispiel aus der Geschichte an, dem er die Empörung in der Gemeinde Buch zur Seite stellte, wo das ganze Dorf - Anhänger/innen wie Gegner/innen der NSDAP - gegen die Verhaftung des dortigen Pfarrers auftraten. 

"Bemerkenswert ist auch", führte Türtscher weiter aus, "dass in dieser Zeit eine deutliche Häufung an Primizen zu verzeichnen ist." Ein weiteres Indiz dafür, dass der Religion in dieser Zeit doch auch die Funktion eines Ventils, einer Position des Widerstand zukam. 

Einspruch!

In Götzis waren es u. a. also die 30 Frauen, die auf dem Platz vor der Schule gegen die Abschaffung des Schulgebets demonstrierten. Unter den Demonstrantinnen auch Wolfgang Türtschers Großmutter, Frau Agathe Schwab. Sie und vier weitere der Frauen - Maria Bell, Katharina Ellensohn, Maria Lampert und Antonia Marte - erhielten wenig später ein Schreiben, in dem ihnen eine Geldstrafe von 150 Reichsmark für ihr staatsfeindliches Verhalten in Aussicht gestellt wurde. Agathe Schwab erhob Einspruch und brachte die Behörden damit in gesinnungstechnische Bedrägnis. Agathe Schwab erklärte nämlich, dass sie als Mutter von neun Kindern unmöglich das Geld aufbringen und die Strafe bezahlen könnte. Ein Blick in die Bücher förderte zutage, dass Frau Schwab weniger als zwei Monate später mit dem Mutterkreuz geehrt werden sollte. Die Vorbereitungen liefen bereits. Was also tun? Nun, Frau Schwab wurde die Strafe erlassen. Allerdings wurde sie mit einer Bewährungsfrist von zwei Jahren belegt. Sollte sie sich während dieser Zeit etwas zu Schulden kommen lassen, hätte sie die alte wie auch die neue Strafe sofort zu entrichten.

"Habe nicht die Absicht, Märtyrer zu schaffen"

Ein fauler Kompromiss? Gar ein Entgegenkommen, das in einem unmenschlichen, totalitären System so etwas wie Verständnis für die Situation der Menschen durchschimmern lässt oder doch eiskaltes Kalkül? Im Fall von Götzis ist es wohl Letzteres. Denn wenig später schreibt der damalige Landeshauptmann Anton Plankensteiner an die Ortsgruppe in Götzis, dass er den Frauen die Strafe aus dem einen Grund erlassen habe, weil er nicht die Absicht habe, Märtyrer zu schaffen.

Mehr als eine Randnotiz

Und das Fazit aus dem Aufstand der Götzner Frauen? Will man hier eine Schlussfolgerung ziehen, so ist es sicher die, dass es Widerstand gegen das spätere NS-Regime sehr wohl von Anfang an gab. Kirchlicher Widerstand, bzw. religiös motivierter Widerstand ist eine Facette davon. Wo gegen das religiöse Empfinden und Verständnis der Menschen gehandelt wurde, traten vielerorts die Gegenstimmen deutlich auf. Und am bemerkenswertesten ist wohl, dass das den Vertretern des später herrschenden Systems sehr wohl bewusst war. So sind die Götzner Frauen vielleicht eine Randnotiz der großen Geschichte, aber ihre Geschichte spiegelt im Kleinen, was sich unzählige Male und an vielen Orten als Reaktion gegen die Unmenschlichkeit im großen Stil zeigte.


Fotonachweis: Bundesarchiv / Rede Hitlers an die jubelnden Massen am Heldenplatz, 15. März 1938 /CC BY-SA 3.0 de / WikiCommons

Vorztragszyklus zum Ge- und Bedenkjahr 1938
Volkshochschule Götzis

  • Das Jahr 1938 in Vorarlberg
    22. November, 19.30 Uhr
    Referentin: Dr. Ingrid Böhler

  • Der Anschluss Österreichs 1938 im historischen Kontext
    7. Dezember, 19.30 Uhr
    Referent: Dr. Johannes Koll

www.vhs-goetzis.at