Eigentlich ist der Sommer ja noch im vollen Gange, dennoch muss in den Geschäften langsam schon wieder Platz für die neue Herbstkollektion geschaffen werden und deshalb heißt es: "Alles muss raus!". Ein Aufruf, den die "Living Wage Now" Kampagne an KonsumentInnen wendet, die Kleidungsstücke an Mode-Unternehmen zurückschicken sollen, um so zu zeigen, dass es einen "Existenzlohn–Defekt" hat. Tatsache ist nämlich, dass TextilarbeiterInnen nicht angemessen bezahlt werden. Stichwort massive Überstunden, Unfälle, Verschuldung, mangelernährte ArbeiterInnen. In diesem Sinne: zumindest ein Kleidungsstück muss raus.

Sowohl in asiatischen als auch in europäischen Fabriken, in denen Bekleidung für den internationalen Markt hergestellt wird, werden die ArbeiterInnen mit Hungerlöhnen abgespeist. Das ist eine Tatsache, die nicht neu ist und die sich seit Bekanntwerden auch nicht geändert bzw. verbessert hat.

Wenn man den Existenzlohn verdienen würde...
Ein Existenzlohn ist ein Menschenrecht und sollte an NäherInnen für eine normale Arbeitswoche, also ohne Überstunden und Bonuszahlungen ausbezahlt werden. Ein existenzsichernder Lohn reicht aus, um die Grundbedürfnisse von einer Arbeiterin und ihrer Familie zu befriedigen. Neben einer angemessenen Ernährung zählen dazu Unterkunft, Transport, Kleidung, Bildung, medizinische Versorgung sowie ein geringes frei verfügbares Einkommen für unerwartete Notfälle. Die Realität sieht für den Großteil der Beschäftigten in der Bekleidungsindustrie anders aus. Eine Näherin in Bangladesch müsste derzeit 22 Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche für einen Existenzlohn arbeiten.

Armut wird vererbt
"In den Produktionsländern unserer Bekleidung sind die Mindestlöhne so niedrig angesetzt, dass die ArbeiterInnen in einem Leben in Armut gefangen bleiben und auch ihren Kindern keine bessere Zukunft bieten können", erklärt Michaela Königshofer von der Clean Clothes Kampagne in Österreich. "Die Bekleidungsunternehmen versprechen seit Jahren existenzsichernde Löhne in ihrer Zulieferkette sicherzustellen, aber wir haben noch keine Verbesserungen für die Arbeiterinnen und Arbeiter feststellen können.”

Living Wage Defect
In den meisten Produktionsländern verdienen die NäherInnen nur 20% bis 30% eines existenzsichernden Lohnes. „Wenn von unserer Kleidung 70% oder 80% fehlen würde oder mangelhaft wäre, würden wir sie zurückgeben. Deswegen laden wir Konsumentinnen und Konsumenten ein, ihre Kleidung symbolisch über die „Living Wage Defect”-Website als mangelhaft zu deklarieren und sie wegen dieses Defekts zurückzuschicken”, erklärt Michaela Königshofer.

In den letzten zwei Jahren haben über 110.000 EuropäerInnen die Petition der Clean Clothes Kampagne für existenzsichernde Löhne unterschrieben. Diese wird heuer im Oktober im Rahmen des „Living Wage Now Forum” in Brüssel an Unternehmen und politische EntscheidungsträgerInnen übergeben. „Mit der Petition werden wir die Bekleidungsunternehmen daran erinnern, dass sie verantwortlich sind für die Bezahlung von existenzsichernden Löhnen an die Menschen, die unsere Bekleidung nähen.”