Seit gestern tagen in Rom die Vorsitzenden katholischer Bischofskonferenzen und Ordensgemeinschaften aus aller Welt zum Thema Missbrauch. Die Erwartungen an das viertägige Treffen sind hoch – ebenso wie die Komplexität des Themas.

"Das Gottesvolk schaut auf uns und erwartet von uns nicht nur einfache Verurteilungen, sondern konkrete und wirksame Maßnahmen. Wir müssen konkret werden!", sagte Papst Franziskus in einer kurzen Ansprache zum Auftakt der Konferenz mit knapp 200 Teilnehmern. Es sei "wesentlich, dass die Bischöfe nach ihrer Rückkehr aus Rom die anzuwendenden Gesetze kennen sowie die notwendigen Schritte unternehmen, um Missbrauch zu verhindern, sich um die Opfer zu kümmern und sicherzustellen, dass kein Fall vertuscht oder begraben wird", hatte es vor dem Gipfel in einer Vatikanerklärung mit Blick auf die Beratungen in der Neuen Synodenaula geheißen.

Die Welt blickt nach Rom

Zum Beginn des Gipfels veröffentlichte der Vatikan auch eine Roadmap mit 21 Vorschlägen und Denkanstößen zum Kinderschutz und Umgang mit Missbrauchsfällen in der Kirche, die die Teilnehmer der Konferenz diskutieren sollen, darunter etwa die Einrichtung einer auch von der örtlichen Kirche unabhängigen Anlaufstelle für Missbrauchsopfer, eine Beteiligung von Laien an der Untersuchung von Missbrauchsvorwürfen und Kirchenrechtsprozessen zu sexuellem und Macht-Missbrauch sowie gemeinsame Vorgehensweisen bei der Prüfung von Missbrauchsvorwürfen, beim Kinderschutz und beim Verteidigungsrecht Angeklagter.

Das Medieninteresse an dem Treffen ist enorm – über 650 Medienvertreter internationaler Agenturen, TV-Sender und Zeitungen haben sich akkreditiert. Entsprechend hoch ist die Berichterstattungsdichte auch hierzulande. Der ORF berichtet u. a. online regelmäßig über das Treffen (s. hier), ebenfalls der Standard oder die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit".

Hohe Erwartungen

Allzu hohe Erwartungen an den Gipfel werden allerdings von vielen Beobachtern gedämpft, so auch von Bischof Benno Elbs. Gegenüber dem Vorarlberger ORF machte der Leiter der Arbeitsgruppe gegen Missbrauch innerhalb der österreichischen Bischofskonferenz klar, dass das Treffen zunächst einen gemeinsamen Wissens- und Bewusstseinsstand zwischen den Kirchenoberen aus den verschiedenen Erdteilen herstellen müsse: "Wenn man sich vorstellt, dass die Kirche eine Gemeinschaft ist, die die ganze Welt umfasst, und dass es hier natürlich ganz unterschiedliche Bewusstseinssituationen gibt - ob man an China denkt, ob man an Afrika denkt oder an Europa - die Bedeutung des Kinderschutzes ist in diesen Gesellschaften ganz unterschiedlich", so Elbs. Für ihn sei das "das Maximum, das hier realistischerweise herausschauen kann", wenn allen klar würde, dass Kinderschutz Priorität habe und eine "Kultur des Hinschauens, [...] der Offenheit, [...] der Versöhnung" notwendig seien. Das vollständige Interview lesen Sie hier »

Opferverbände verlangten bereits im Vorfeld eine Null-Toleranz-Prämisse gegenüber Tätern. Das bekräftigten auch jene Opfer, deren Zeugnisse den Teilnehmern zum Auftakt des Treffens vorgespielt wurden. Als besonders verletzend und traumatisch – neben dem Missbrauch an sich – schilderten alle die Tatsache, dass Bischöfe und Ordensobere ihnen nicht geglaubt haben. "Das erste, was sie taten, war, mich als Lügner zu behandeln, sich umzudrehen und zu behaupten, ich und andere seien Feinde der Kirche", kritisierte ein Mann aus Südamerika.

Quelle: kathpress.at/ vorarlberg.orf.at / red