Alle großen Religionen kennen das Fasten. Im folgenden finden Sie eine Zusammenschau, die die Gründe dafür beleuchtet und die Formen beschreibt, die sich dabei entwickelt haben.

Heino Mangeng

Moses hat es getan, Buddha hat es getan, Mohammed und Zarathustra haben es getan und auch Jesus hat es getan. Propheten und ProphetenInnen taten es. Noch heute machen es Mönche und Nonnen, Päpste und Muftis, Rabbiner und Ayatollahs, Millionen von Juden Christen und Muslimen, Hindus und Buddhisten nach altem Brauch. Sogar der Papst, der Dailai Lahma, die Patriarchen verschiedener orthodoxer Kirchen und die obersten Würdenträger der islamischen Glaubensgemeinschaft tun es regelmäßig.

Die Rede ist selbstverständlich vom Fasten: der Enthaltsamkeit von allen oder von bestimmten Nahrungsmitteln. Der Begriff des Fastens kommt aus dem Althochdeutschen und kann mit "halten" im Sinne von festhalten, beobachten oder bewachen gedeutet werden. Ursprünglich bezieht sich das Wort hierbei vor allem auf das "Fest-halten" an Fastengeboten.

Fasten ist mittlerweile eine weit verbreitete Erscheinung. Viele Menschen machen früher oder später Fasten-Erfahrungen. Sei es auf Grund von Ernährungs- und Gesundheitstrends oder aus religiösen Gründen. Es gab und gibt ganz unterschiedliche Motive, die Menschen Anlass geben können die Nahrungsaufnahme zeitweise zu unterbinden oder einzuschränken. Millionen von Armen auf der ganzen Welt haben keine andere Wahl, politische Gefangene treten mit diesem letzten Druckmittel in Hungerstreik, Menschen in Wohlstandsgesellschaften probieren Diäten aus, Hungerkünstler haschen nach dem Showeffekt und religiöse, spirituelle Menschen begeben sich mit dem Fasten auf die Suche nach dem Göttlichen.
 

Einblicke: Wie fasten wir, wie fasten andere?

Ursprünglich war das Fasten vor allem ein religiöses Ritual, bei dem die körperliche Tätigkeit allgemein eingeschränkt oder ganz eingestellt wurde. Dies führte zu einem Zustand der Ruhe, der einem symbolischen Tod oder dem Zustand vor der Geburt vergleichbar sein sollte. In vielen alten Kulturen war das Fasten ein Teil des Fruchtbarkeitsritus, der zur Zeit der Tagundnachtgleiche abgehalten wurde. Auch der Verzehr von ungesäuertem Brot (Mazze) beim jüdischen Passahfest im Frühling sowie die Fastenzeit, die viele ChristInnen als Vorbereitung auf Ostern einhalten, soll auf die alten Rituale zurückgehen. Um Buße zu tun, zu sühnen oder sich auf Rituale vorzubereiten, kennen so gut wie alle Religionen Fastenvorschriften. Hierbei kann zwischen Abbruchfasten (über eine bestimmte Zeit keine Nahrung zu sich nehmen), Enthaltungsfasten (auf bestimmte Speisen verzichten), Trauerfasten (zur Erinnerung), Reinigungsfasten (um den Geist durch Verzicht von Nahrung zu erheben) und prophetischem Fasten (Offenheit schaffen um Offenbarungen, Orakel und Visionen zu empfangen) unterschieden werden.

Im Buddhismus steht das allgemeine Gebot der Mäßigkeit beim Essen im Mittelpunkt, wobei darüber hinaus in manchen Ländern, vor allem in Tibet, bestimmte Fastenzeiten eingehalten werden. Ein positiver Aspekt des Fastens wird in den indischen, hinduistischen Upanischaden (Sammlung philosophischer Schriften) hervorgehoben: "Verzichte und genieße das Leben!".

Das Fasten im Islam beinhaltet neben dem Verzicht auf Speisen und Getränke auch den Verzicht auf andere leibliche Genüsse wie Rauchen oder Sexualität. Alle erwachsenen Männer und Frauen sind im Islam zum Fasten verpflichtet (ausgenommen kranke, stillende und reisende Menschen). Während des Fastenmonats Ramadan wird am Tag, bis zum Einbruch der Dunkelheit gefastet. Am Abend dürfen Muslime dann wieder essen und mit ihren Partnern zusammen sein. Die islamistischen Vorschriften zum Fasten, aber auch dessen positive Wirkung und die Eigenverantwortung der Menschen sind im Kroan folgendermaßen beschrieben: "Fasten ist gut für euch, wenn ihr es begreift" (Koran, 2. Sure, 183 bis 187, siehe www.koran-auf-deutsch.de). Das Ende des Ramadan wird mit einer Feier zum Fastenbrechen, dem Zuckerfest (Seker bayrami) begangen. Der Fastenmonat Ramadan beginnt in diesem Jahr am 28. Juni und Endet am 28. Juli.

Im jüdischen Glauben ist der Sabbath, der siebte Tag jeder Woche, der wichtigste Festtag im Kalender. An diesem Tag darf keine Arbeit verrichtet werden, dazu zählt auch das Kochen. Das Essen für den Sabbat muss deshalb schon am Freitag vorgekocht werden. Im Leben eines gläubigen Juden ist der Yom Kippur, der Versöhnungstag, der höchste jüdische Feiertag. Vor allem bei traditionell lebenden Juden wird Yom Kippur als strenger Fasttag begangen. Essen, Trinken, Baden, Geschlechtsverkehr und das Tragen von Lederkleidung ist an diesem Tag untersagt. Yom Kippur fällt heuer auf den 04. Oktober 2014.

Das Fasten in der Kirche lehnte sich vor allem an die jüdische Fastenpraxis an. Die frühen Christen fasteten zwei Mal in der Woche. Um sich abzugrenzen wurden aber andere Fasttage als die jüdischen gewählt. Um Jesus sich Jesus anzunähern bezogen sich die frühen Christen bei der Auswahl ihrer Wochentage (Mittwoch und Freitag) auf die Gefangennahme und den Tod Jesu am Kreuz. Ähnlich verhält es sich mit der 40-tätgigen Fastenzeit vor Ostern, welche sich auf Jesus 40 Tage in der Wüste bezieht. Hier fällt auf, dass der Zeitraum zwischen Aschermittwoch und Karsamstag genau genommen etwas mehr als 40 Tage umfasst: Nur abzüglich der Sonntage errechnen sich 40 Tage. Der Grund: Auch die Christen kannten ein Fastenbrechen. Am Sonntagen wurde "dem Magen gegeben, was des Magens ist". In der Theorie wurde im Christentum die alte Strenge der Fastengebote weitergepflegt, aber mit zahlreichen Erleichterungen und Ausnahmen versehen. Außer am Aschermittwoch und am Karfreitag konnte fast jeder der nicht faste wollte, eine moralisch gerechtfertigte Hintertür finden um nicht fasten zu müssen.

Und was bringt es?

Schon seit frühester Zeit hat es auch Kritik am Fasten gegeben. Eine Reihe der Propheten des Alten Testaments wie auch Schriften des frühen Christentums verurteilten den Missbrauch des Fastens durch unmoralische Menschen, welche das Fasten zur hohlen Form verkommen ließen. Aber auch das übertrieben, gesundheitsschädliche Fasten wurde schon früh hinterfragt. Der Arzt Philipus Aureolus Theophrastuts Bombastut von Hohenheim, besser bekannt als Paracelsus (1493 - 1541) prägte den berühmten Satz "Allein die Dosis macht es, dass ein Ding kein Gift sei". Auch Hippokrates, einer der wohl berühmteste Mediziner der griechischen Antike (um 440 v.Chr.) wusste aus eigener Erfahrung, dass sich Maßhalten höchst vorteilhaft auswirkt: "Ich bin niemals satt vom Tisch aufgestanden. ich hätte immer noch mehr essen können. Dem schreibe ich mein hohes Alter zu".

1974 wurde in einer Broschüre der katholischen und evangelischen Gemeinden (D) das persönliche, positive Genusserlebnis, welches durch Fasten entstehen kann beschrieben: "Das Fasten lässt die ursprüngliche Bedeutung des Genießens wieder finden und  vertieft die Genussfähigkeit. Ein Apfel, ein Stück Brot kann wieder mit Vergnügen geschmeckt werden".

Nach dem kurzen Einblick in die interkulturelle Geschichte des Fastens haben wir uns gefragt, wie das Fasten wohl heute in Vorarlberg gelebt wird. Wie hoch ist der Stellenwert des Fastens? Wie und aus welchen Gründen fasten Menschen aus Vorarlberg? Wird hauptsächlich zur Reduzierung von Gewicht verzichtet oder steckt mehr dahinter? Sind Fastenerfahrungen etwas Lästiges, Einschränkendes und Beengendes oder gibt es befreiende und emporhebe Erlebnisse oder auch den einen oder anderen Fastentipp ....

Dazu haben wir verschiedene Interviews geführt. Während der Fastenzeit werden sie auf unserer Homepage  veröffentlicht.


Literatur:
Dirnbeck, Josef: Das Buch vom Fasten. Wer verzichtet hat mehr vom Leben. Pattloch Verlag GmbH & Co KG, München (2003)

Links


Interkultureller Kalender - Religiöse Festtage 2014

okay.zusammen leben

Projektstelle für Zuwanderung und Integration, Färbergasse 15/304, A-6850 Dornbirn

www.okay-line.at

 

OnPoint Media GbR

Inh. Michael Diel und Marcel Zilkowski, Sandkuhlstr. 16, 55481 Kirchberg

www.koran-auf-deutsch.de