Christine Gasser im Gespräch mit Petra Steinmair-Pösel

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Mit ihren großen dunklen Augen und den feinen Gesichtszügen hätte sich für sie wohl auch der Wunschtraum vieler junger Frauen nach einer Model-Karriere erfüllen können. Doch die junge Frau, die mir da am Tisch gegenüber sitzt, ist von ganz anderen Dingen fasziniert. Christine Gasser hat in Innsbruck und Paris Theologie und Pädagogik / Kritische Geschlechter- und Sozialforschung studiert und für ihre Diplomarbeit bereits mehrere Preise für frauenspezifische Forschung erhalten. Derzeit arbeitet die 29jährige Vorarlbergerin als Assistentin in Ausbildung an der Uni Wien, wo sie ihre Dissertation im Fach Sozialethik schreibt.

Nicht in die Wiege gelegt

Dabei war der jungen Frau eine solche „Bildungskarriere“ nicht von vorneherein in die Wiege gelegt, ist sie doch nicht in einer klassischen Bildungsfamilie aufgewachsen. Auch ihre beiden jüngeren Brüder haben andere berufliche Wege eingeschlagen. Einzig die jüngere Schwester, die jetzt Matura gemacht hat, überlegt sich, in die akademischen Fußstapfen der großen Schwester zu treten. Warum sie selbst den Bildungsweg eingeschlagen hat? Die Frage stimmt Christine Gasser nachdenklich: Begabung und Neigung spielten sicherlich eine Rolle, beides hat auch durch ihre Familie Unterstützung erfahren. Sie hat gern gelernt und Wissen besitzt für sie einen hohen ideellen Wert. Das muss auch so sein, denn rein ökonomisch betrachtet, hat sich ihre Ausbildung nicht gelohnt: ihre Brüder verdienen bereits wesentlich mehr als sie selbst, gibt die Theologin neidlos zu. Und auch sonst hat das Mehr an Bildung nicht nur Vorteile: die junge Frau merkt, wie sie sich dadurch auch von der Familie entfernt, aus der sie kommt. Es ist eine stille Art von Entwurzelung aus dem Milieu, in dem frau/man geboren wurde.

Bildung als Frauenthema

Christine 2Der Bildungsboom bei jungen Frauen – wofür exemplarisch Christine Gassers Bildungsweg steht – findet weltweit statt und zählt zu den Megatrends unserer Zeit. In vielen Ländern, darunter auch unerwartet Saudi-Arabien, Mongolei und Malaysia, studieren bereits mehr Frauen als Männer. Während noch vor ca. 150 Jahren Virginia Woolf einen männlichen Begleiter brauchte, um überhaupt in die Bibliothek des British Museum zu gelangen, bewegen sich Frauen heute selbstbewusst und mit großer Selbstverständlichkeit im akademischen Milieu. Von einer Feminisierung der Bildung ist bereits die Rede. Heute ist es faktisch nicht mehr der Bildungsbereich, aus dem Frauen ausgeschlossen sind, sondern mehr die Wirtschaftswelt des höheren Managements. Und: Der Bildungsvorsprung, den sich viele junge Frauen inzwischen erarbeiten, scheint insgesamt für ihre berufliche Karriere nur bedingt weiterzuhelfen. Spätestens nach der Geburt des 1. Kindes geht nämlich die Schere wieder auseinander. Und viele gut gebildete Frauen treten in den Hintergrund des familialen Binnenraums – eine statistisch klar belegte Tatsache, die Christine Gasser in der gesellschaftlich immer noch vorherrschenden Arbeitsteilung aber auch in der ungleichen Einkommenssituation begründet sieht.

Bildung und ökonomische Situation

Nachdenklich stimmt die Ethikerin in diesem Kontext auch, dass selbst in Österreich gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation oft nicht gleich bezahlt wird – hier wäre mehr Transparenz hilfreich. Es scheint, dass Männer sich tendenziell leichter tun, bessere Lohnkonditionen zu verhandeln, während Christine Gasser bei Frauen bisweilen beinah so etwas wie ein „schlechtes Gewissen, sich angemessen bezahlen zu lassen“ wahrnimmt. In Kombination mit dem gesellschaftlich immer noch verbreiteten Ernährer–Zuverdienerinnen-Modell sorgt das für eine schlechtere Ausgangsposition für Frauen. Ihre durch Bildung erworbenen Kompetenzen kommen so nur begrenzt zum Einsatz. Zwar tragen auch Frauen bisweilen durch mangelnden Mut, sich exponiertere Stellen zuzutrauen und sich dafür zu bewerben, sowie durch die Wahl schlechter bezahlter, klassischer Frauenberufe zu dem beschriebenen Ungleichgewicht bei. Doch ist dies nur die eine Seite der Medaille. Die andere hat damit zu tun, dass in unserer Gesellschaft Professionalisierung eher mit Männlichkeit verbunden wird. Sobald in einem Berufsfeld die Zahl der Frauen zunimmt, sinkt das Lohnniveau – sobald jedoch umgekehrt z.B. mehr Männer als Kindergartenpädagogen arbeiten würden, würden sie auch höhere Löhne fordern, ist Christine Gasser überzeugt. Damit ist aber bereits eine sehr grundsätzliche Frage berührt, der sich gerade eine alternde Gesellschaft wie die unsere dringend zu stellen hat: Warum sind technische Berufe soviel höher eingestuft als soziale – und wie kann dieser Trend verändert werden? Denn wenn die Dinge so bleiben, wie sie sind, wird schon in naher Zukunft eine menschenwürdige Pflege unserer alten und kranken Menschen nicht mehr gewährleistet sein.

Buben als Schulverweigerer

Christine 3Ein weiteres großes Thema, das sich heute neben der bleibenden ökonomischen Benachteiligung vieler Frauen in verschärfter Form zeigt, sind schlecht ausgebildete junge Männer. Ökonomisch auf der Strecke bleiben nämlich v.a. auch Burschen aus sozial schlechter gestellten Familien, die frühzeitig das Bildungssystem – oft mit keinem gültigen Abschluss – verlassen. Sie geraten zusehends in den Fokus des Forschungsinteresses, erzählt die Universitätsassistentin. Wenig produktiv scheint ihr hierbei die Diskussion um Buben als Bildungsverlierer. Sie schaffe unnötige Fronten und bringe über die Hintertür wieder alte Geschlechterbilder herein, wie z.B. dass Buben männliche Vorbilder brauchen. Stattdessen zeige sich, dass v.a. Buben aus bildungsfernen Schichten Schule stärker als Sozialraum zur Herausbildung ihrer Männlichkeit nutzen statt als Lernraum, wofür die Schule vorgesehen wäre. Männlichkeit wird dann bewusst in Abgrenzung zu schulischen Erfordernissen und im Abhängen unter Gleichgesinnten bestätigt. Eine Strategie, die in einer Wissensgesellschaft allerdings kaum honoriert wird.

Bildungsgerechtigkeit

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die Theologin in ihrer Dissertation mit dem Thema der Bildungsgerechtigkeit im umfassenden Sinn. Ein Thema, das derzeit en vogue ist, gibt es doch eine wachsende gesellschaftliche Sensibilität dafür, dass viele soziale Schwierigkeiten ihre Wurzeln im Bildungsbereich haben. Warum sind bildungsferne Schichten – trotz prinzipieller Zugänglichkeit – im höheren Bildungssystem unterrepräsentiert? Kommt ihr Bildungsverständnis darin nicht vor? Was ist die Bildungsauffassung bildungsferner Schichten? Warum wird ein Mensch, der eine kritische Haltung gegenüber dem gegenwärtigen Bildungssystem einnimmt, im einen Fall (wenn er gebildet ist) als kritischer Zeitgenosse, im anderen Fall als „Problemkind“ angesehen? Diese und andere Fragen leiten Christine Gasser in ihrer wissenschaftlichen Arbeit, denn auch Bildung ist sozial geformt und nicht zu allen Zeiten ein und dieselbe gewesen. In der gegenwärtigen Bildungskrise sieht sie deshalb auch eine Chance zur Neudefinition.

Intellektuelle und soziale Bildung

Christine 1Ist Bildung nur das, was in der Schule stattfindet? Wirft man einen Blick auf den PISA-Test, zeigt sich rasch, dass es dort sehr stark um kognitives Wissen geht – und dass beklagt wird, dass dieses kognitive Wissen immer mehr nachlässt. Gleichzeitig wächst das Gespür dafür, dass Bildung umfassender sein muss, dass auch soziale und emotionale Bildung von Bedeutung sind. Gerade im Religionsunterricht sieht die Theologin einen Ort, an dem inzwischen sehr viel an Biographiearbeit und auch sozialer Arbeit geleistet wird, an dem nicht mehr nur Fach- also Katechismuswissen vermittelt wird, sondern die gesamte Lebenssituation der SchülerInnen Ausgangspunkt ist. In anderen Fächern sei demgegenüber oft wenig Zeit für eine Art des Lernens, die über den klassisch-kognitiven Bereich hinausgeht. Deshalb brauche es auch informelle Räume, in denen oft mehr möglich sei. Und schließlich gibt die Theologin – gerade auch angesichts des immer möglichen und oft tabuisierten Scheiterns von Bildungsbemühungen - zu bedenken, dass jeder Mensch als Eben-Bild Gottes immer schon ein Gebildeter / eine Gebildete ist – dass wir also auf die Bildungskompetenzen der Einzelnen vertrauen dürfen, selbst wenn sie im Schulsystem wenig erfolgreich waren.

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(Aus: frauenZEIT Nr. 5 vom 12.09.2010)