Wie wollen wir leben? 3100 Menschen gaben der Soziologin Jutta Allmendinger 2018 Antwort auf diese Frage. Was dieses "Vermächtnis" vor allem für Frauen bedeutet, diskutierte sie beim FrauenSalon.

„Die Männer“, meint Prof. Jutta Allmendinger gegen Ende des 19. FrauenSalons im Bildungshaus St. Arbogast, „haben viel von ihren Vätern gelernt. Vor allem eines: Dass sie es auf keinen Fall so machen wollen wie sie.“ Junge Väter möchten ihren Kindern heute nicht nur aus dem Bürofenster beim Größerwerden zusehen. Sie wollen nicht das Wohl eines Betriebs über das ihrer Familie stellen (müssen). Und das, meint Allmendinger, sei ein echter Grund zu hoffen.

Große Gräben

Die Soziologin zeichnet einen Silberstreif an den Horizont – quer über die gesellschaftlichen Gräben der Gegenwart, die sie zuvor sehr genau vermessen hatte: Arbeit, Familie, Gesundheit und Innovation – auf diesen vier Gebieten klafften Wunsch und Wirklichkeit heute besonders stark auseinander. Das zumindest legten die Ergebnisse der „Vermächtnisstudie“ nahe, die Allmendinger und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) 2018 zum zweiten Mal in Kooperation mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ und dem infas-Institut durchgeführt haben. Abermals gaben rund 3100 Menschen in Deutschland Auskunft über das, was sie heute erleben, sich für morgen wünschen und bei ihren Mitmenschen beobachten.
Und auch, wenn sich vielleicht nicht alles eins zu eins auf die Verhältnisse in Österreich oder gar Vorarlberg übertragen lasse: Die Diskrepanz in den Ergebnissen von „Ist“ und „Soll“ sei an so vielen Stellen so eindeutig, erklärt Allmendinger, dass wir uns auch hier dringend Gedanken machen sollten, wie wir das eine dem anderen annähern können, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zu gefährden.

Beispiel Erwerbsarbeit, dem „Klebstoff“ unserer Gesellschaft, wie Allmendinger es nennt. Sie sei überrascht gewesen, bekennt die Soziologin, wie groß der Stellenwert eines Jobs im Leben der Befragten sei. Den meisten bedeute „ihre“ Arbeit enorm viel – über 50 Prozent gaben an, dass sie auch einen Beruf ausüben würden, wenn sie das Geld nicht zum Leben bräuchten. Und viele glauben auch, dass Erwerbsarbeit für künftige Generationen wichtig bleiben sollte. Weil ein Job eben mehr sei als bloßes Geldverdienen. Weil er die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung biete, weil man dort mit anderen zusammenkomme – und weil eine Arbeitsstelle Teil des „eigenen“ Lebens jenseits der Familie sei.
„Aber“, so Allmendinger, „fragt man die Leute, was sie glauben, welchen Stellenwert Arbeit für andere hätte, gingen die meisten davon aus, dass ihre Mitmenschen ihren Job nur des Geldes wegen machten, sich also quasi prostituieren.“ Und das sei ein echtes Problem in Zeiten, in denen sich die Arbeitswelt dank der Digitalisierung ohnehin stark verändere, wo neue Stellen entstünden und andere überflüssig würden.
Für den Erhalt eines sinnhaften Arbeitsbegriffs zu sorgen, sei ein erster Appell, den sie an Politik und Gesellschaft richte: „Passt auf, dass Erwerbsarbeit nicht zur Alleinarbeit im stillen Kämmerlein des Homeoffice verkommt – passt auf, dass die Leute ihre Arbeit nicht abschaffen“, rief Allmendinger den Frauen in Arbogast zu – stellvertretend für die Entscheider/innen in Wirtschaft und Politik.

Wo stehen wir, wo wollen wir hin?

Dieser Ausrufezeichen setzte sie im Verlauf des Abends mehr: Dass der Leistungsgedanke dank Smartwatches und Gesundheitsapps in ein eigentlich solidarisch angelegtes Gesundheitssystem einziehe, sei genauso problematisch wie die Unmöglichkeit, Privat- und Familienleben adäquat in der Norm der Vollzeitarbeit unterzubringen: 85 Prozent der Befragten der Studie gaben etwa an, dass ihnen eigene Kinder wichtig seien – aber nur 25 Prozent glauben, dass das auch die Gesellschaft Kinder anerkenne.

Diese Unterschiede zeigten ein Misstrauen, ob wir heute wirklich noch alle an einem Strang zögen, so Allmendinger. Und selbst, wenn man mögliche „Erwünschtheit“ aus den Antworten herausrechne, bliebe immer noch die Feststellung, dass die Menschen sehr genau wahrnähmen, dass Sagen und Tun in der Gesellschaft nicht deckungsgleich seien.

Viel Diskussionsstoff und -bedarf in Arbogast – gegen den Musikerin Lisa Suitner später mit Stimme und Gitarre kaum ankommt. Entsprechend prompt die Nachfragen an Allmendinger – etwa zum Diktat der Vollzeiterwerbsarbeit: „Das haben wir nie richtig ausgehandelt“, meint die Direktorin des WZB. Und so lange von Frauen erwartet würde, wie Männer zu leben und zu arbeiten – mit ständiger Verfügbarkeit und ununterbrochener Erwerbsbiografie – kämen wir nicht weiter. „Ich habe die Arbeitszeiten von Frauen und Männern in Deutschland mal zusammengerechnet und durch zwei geteilt“, erzählt sie. „Heraus kamen eine Wochenarbeitszeit von 30 bis 32 Stunden für jede/n einzelne/n, also Stellenausmaße von 75 bis 80 Prozent.“ Sie plädiert dafür, mit solchem Wissen im Hinterkopf neue Normalitäten zu schaffen: Wenn alle im Verlauf ihres Lebens auf diesen Arbeitszeitschnitt kämen, ginge der Wirtschaft kein Cent verloren, aber die Gesellschaft profitiere enorm davon. Weil so Zeit bliebe für das „Wir“, das sie in demokratischen Gemeinschaften für unerlässlich hält. Es bliebe Zeit für Familie, Freunde, die persönliche und berufliche Weiterentwicklung und vielleicht sogar für Gesundheit beziehungsweise Sport. All die Dinge also, den Menschen so wichtig sind, dass sie der zukünftigen Generation als „Vermächtnis“ hinterlassen möchten.

Probieren geht über...

Wie man denn der Wirtschaft solche Ideen schmackhaft macht, will Landesrätin Katharina Wiesflecker noch wissen. „Mit Modellbetrieben“, meint Allmendinger: „Die Firmen, die gerade mit Führung in Teilzeit experimentieren, schwärmen uns mit leuchtenden Augen von der neuen Unternehmenskultur und einer ganzen Spanne neuer Möglichkeiten vor“, erzählt sie. Solche Erfahrungen müssten man mehr Menschen und Unternehmen machen lassen – auf dass sie ein Momentum entfalten, dass die Politik gar nicht mehr anders könne, als entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Und die Welt am Ende so werde, wie Luisa Suitner die Quintessenz dieses „Vermächtnisses“ mit Zaz' „Je veux“ subsumiert: „Je veux de l'amour, de a joie, de la bonne humeur, ce n'est pas votre argent qui f'ra mon bonheur...“ („Ich will Liebe und Freude und gute Laune – es nicht Euer Geld, das mich glücklich machen wird“)