Das Spiel mit der Angst in Politik und Gesellschaft war Thema des Gesellschafts-politischen Stammtisches am Montag dieser Woche. Die große Zahl an Besucher/innen zeigte, dass es uns alle betrifft.

Patricia Begle

„In jedem Menschen stecken zwei Wölfe: ein wilder, räuberischer und ein fürsorglicher, milder“, erklärt ein Großvater seinem Enkelkind. „Und welcher Wolf gewinnt?“ fragt dieses. „Der, den du fütterst.“
Mit dieser kurzen Erzählung beendet Helga Kohler-Spiegel ihren Impulsvortrag und veranschaulicht damit nochmals jene grundlegenden Zusammenhänge, die sie zuvor erklärt hat: Angst ist ein Grundgefühl, wir ahmen sie nach und lassen uns von ihr anstecken - schon als Säugling. Später lernen wir Empathie - und damit die Unterscheidung zwischen deinem und meinem Gefühl. Bei großer Angst kommt es zu einer Übererregung im Gehirn, die das Denken blockiert. „In der Angst funktioniert vernünftig reden nicht, Sachargumente sind nicht zugänglich“, so die Theologin und Psychotherapeutin. Dabei ist es nicht das Ereignis selbst, das diese Übererregung auslöst, sondern das Erleben. „Was bei den einen Angst auslöst, kann für andere interessant sein.“ Wie wir Ereignisse erleben, das wird von vielen mitgesteuert: von der Politik, NGOs, von der Kirche, von den Medien...

Wie berichten?

Stefan Krobath, Redakteur bei ORF Vorarlberg, ist sich der Verantwortung der Medien bewusst - insbesondere der öffentlich-rechtlichen. Er weiß um die Macht der Bilder. „Die Frage ist: Was transportieren wir mit den Bildern?“, so Krobath. Er erinnert an die Szenen an der österreichischen Grenze im Jahr 2015 und die darauf folgende Willkommenskultur. „Haben wir diese falsch wahrgenommen? Haben wir zu wenig realistisch hineingeblickt?“ Was Krobath im Alltagsgeschäft als große Schwierigkeit sieht, ist der enorme Zeitdruck, unter dem Beiträge bestimmter Formate entstehen. Es fehlt vielfach an Zeit für umfassende Recherche und Faktenchecks. So wird zum Beispiel von einer Pressekonferenz das wiedergegeben, was dort verlautbart wird, die Aufarbeitung von Themen ist zeitlich nicht möglich.

Folgenschwere Projektion

„Wir leben in einer Zeit mit vielen Verunsicherungen“, erklärt Caritasdirektor Walter Schmolly, „Klimaüberhitzung, soziale Themen, leistbarer Wohnraum, neue Rolle Europas, Umgang mit Pluralität ...“ Die Sorgen und Ängste, die diese hervorrufen, haben Warnfunktion. „So ist es gut, wenn diese Themen uns finden, damit wir uns sachlich und ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen.“
Die derzeitigen Regierungsverantwortlichen, so kritisiert Schmolly, blendeten aber in einer Mischung aus Überforderung und Machtkalkül all diese Themen aus für das Thema „Flüchtlinge“ und instrumentalisierten dieses. Dabei würden den geflüchteten Menschen diese schwierigen Themen, die ja schon vor ihnen da waren, „umgehängt“.
"Die große Erzählung, die Europa momentan gefunden hat heißt: Europa muss sich gegen Migranten aus Afrika schützen. Die Politik der Abschottung führt in die Emotionslosigkeit, die Gesellschaft übt sich in Mitleidslosigkeit ein", warnt der Caritasdirektor.

Bundes- und Landespolitik

Dass diese Art von Politik unsere Landespolitiker/innen in Schwierigkeiten bringt, wird auch im Kolpinghaus spürbar. „Wie können Sie als Parteifreundin auf ihn (Sebastian Kurz, Anm. d. Red.) einwirken?“ lautet eine der Fragen aus dem Publikum an Landtagsvizepräsidentin Martina Rüscher (ÖVP). „Wir nutzen alle unsere Kanäle, schreiben kritisch zurück, diskutieren scharf“, so ihre Antwort. Sie fordert die Anwesenden auf, selbst aktiv zu werden - auf die Straße zu gehen, an Unterschriftenaktionen und Veranstaltungen teilzunehmen. Oder überhaupt politisch aktiv zu werden. Dialog und Beteiligung sind für sie jene Wege, die wieder ins Vertrauen und Miteinander führen.

Was hilft?

„Nicht abwerten und nicht ein Ideal dagegenhalten“, rät Schmolly. Der Theologe verweist auf den spirituellen Umgang mit Ängsten: „Nur was angenommen wird, kann gewandelt und erlöst werden.“ Konkret bedeutet dies, die Ängste - auch die eigenen - zu sehen und zu respektieren. Auf gesellschaftspolitischer Ebene fordert Schmolly einen sachlichen und ehrlichen Diskurs - über gegensätzliche Positionen ebenso wie über Werte. Beides vermisst er in der derzeitigen politischen Kommunikation. Als Begründung für politische Entscheidungen werde dieser Tage auf das Regierungsprogramm verwiesen oder auf Einzelfälle, in denen Missbrauch vermutet wird. Schmolly betrachtet dies mittel- und längerfristig als sehr problematisch. "Wie kommen in der politischen Kommunikation Werte vor? Was ist das Projekt, an dem wir gemeinsam arbeiten?" In der jetzigen Regierung scheine es mehr um Marketing zu gehen als um unterschiedliche Interessen, die ins Gespräch kommen. Wenn sich eine Umweltministerin für das Tempolimit von 160km/h ausspricht, dann würde Marketing über Differenzen hinweg betrieben. Das sei irritierend.  

Auch Kohler-Spiegel fragt nach Orten, an denen über Lösungsmöglichkeiten gesprochen wird. "Dialog ist, wenn auch der andere Recht haben könnte", merkt sie an. Dabei gehe es darum, nicht eine Gesamtlösung, sondern nächste Schritte zu finden. Für den Einzelnen empfiehlt die Psychotherapeutin ganz kurz und prägnant: „Nicht vereinzeln, nicht verstummen.“ Es gilt, die eigenen Ressourcen zu stärken. Was dabei sehr effizient ist: Singen und Ausdauersport.