Ungarn 1944. Innerhalb von nur 56 Tagen werden 440.000 Jüdinnen und Juden zusammengetrieben. Wie Tiere werden sie in Eisenbahnwaggons verladen, deren Ziel der Tod ist. Eva Fahidi war eine von ihnen. Sie hat überlebt. Für die Carl Lampert Woche 2018 war sie in Götzis zu Gast und reiste noch einmal zurück an die Orte, die sie lange hinter sich gelassen und doch nie verlassen hat.

Es war am 1. Juli 1944 als der Zug, mit dem die damals 19jährige Eva Fahidi drei Tage lang durch halb Europa gekarrt wurde, schließlich in Auschwitz zu stehen kam. "Es war mitten im Sommer. 80 Menschen hatten sie in jeden Waggon gepresst. Als wir ankamen, waren wir eigentlich schon tot", erzählt sie und im Saal der Kulturbühne AmBach in Götzis wird es still. Eva Fahidi ist heute 93 Jahre alt. Sie hat den Holocaust überlebt. Sie war im KZ von Auschwitz. Sie kam nach Hause zurück und hat weitergelebt. 


"Da hat es in mir zu brüllen begonnen"

59 Jahre lang hat sie geschwiegen. Seit 2004 schweigt sie nicht mehr. Sie schreibt und sie erzählt. Warum? "Weil man wissen muss, wie es wirklich war." 59 Jahre nach Kriegsende und nach 59 Jahren, in denen Eva Fahidi ihr Überleben in der Hölle weit von sich geschoben hatte, kehrte sie zurück. "Ich habe das KZ Auschwitz besucht. Ich bin wieder am 1. Juli hingegangen. Und als ich dort ankam, da war das nicht der Ort, den ich kannte. Das hatte nichts damit zu tun, was ich dort gesehen habe. Und nach 59 Jahren, in denen ich nicht über meine Zeit im KZ geredet habe, nicht reden konnte, da hat es in mir zu brüllen angefangen. Ich wollte erzählen, wie es wirklich war", spricht sie mit fester Stimme. Also kaufte sie sich ein Heftchen, "ein ganz dünnes Heftchen", in das sie schrieb, was sie nicht sagen konnte. Dem einen Heft folgten weitere und schließlich ein ganzes Buch. "Die Seele der Dinge" heißt es und ist mittlerweile in mehreren Sprachen erschienen. Darin zu lesen, ist nicht angenehm, aber wichtig. Eva Fahidi schreibt dort, wie sie in Auschwitz ankam, wie sie sich in der Baracke wiederfand. Sie erzählt von den Freundschaften, die sich aus den "Fünferreihen", in die sie eigenteilt wurden, entwickelten und sie erzählt davon, dass man auch in Auschwitz noch lachen musste. "Wisst ihr, man lacht, man lacht viel. Weil man hofft doch immer", erzählt sie den vielen Jugendlchen, die nach Götzis kamen, um sie zu treffen und um ihre Geschichte zu hören. "Wir in unserer ,Fünferreihe', wir haben aufeinander aufgepasst. Man musste aufeinander aufpassen. Und da war ein Mädchen. Sie war wunderschön. Aber ihre Mutter war noch schöner. Und wenn das Mädchen traurig war, dann habe ich immer zu ihr gesagt, wie schön doch ihre Mutter ist. Ich habe ,ist' gesagt und nicht ,war'. Dann hat sie gelächelt."


Habt ihr denn nichts gewusst?

Ob sie denn nicht gewusst hätten, wo ihre Väter, Mütter, Geschwister waren? Ob sie denn nicht geahnt hätten, dass das KZ den Tod bedeutete, drangen da die Fragen aus dem Publikum auf die Bühne. "Doch, man hat es geahnt. Als sie uns geholt haben, haben wir fest daran geglaubt, dass sie uns in ein Arbeitslager bringen. Warum? Weil wir es einfach nicht wahrhaben wollten, wohin sie uns bringen werden. Als wir dann in Auschwitz ankamen, waren plötzlich alle Männer weg. Man hat es gar nicht gemerkt, wie schnell das ging. Alles war so gut organisiert, dass man nicht merkte, was geschieht und es konnte so auch kein Aufstand entstehen. Plötzlich waren die Männer weg. Plötzlich waren meine Mutter und meine Schwester weg. Plötzlich war ich alleine, nackt. Plötzlich stand ich da mit kahlgeschorenem Kopf. Wenn man mich heute fragt, was denn die letzten Worte waren, die ich mit meinem Vater gewechselt habe, muss ich sagen, dass ich es nicht weiß. Plötzlich war er weg."


"Natürlich hasse ich euch"

Man erzählte ihnen, dass ihre Familien am Abend in den Baracken wieder zu ihnen kämen. "Aber sie kamen nicht. Also haben wir gewartet", erinnert sie sich. "Und wir haben auch am nächsten Tag gewartet. Sie kamen nicht. Also haben wir unseren Capo, ein Mädchen aus der Slowakei, gefragt, wann denn unsere Familien wieder zu uns kämen. Sie hat nur gelacht und auf den schwarzen Rauch gezeigt, der vom Krematorium herüberzog. Wir wollten das nicht glauben und haben sie gefragt, warum sie uns denn so hasse, um uns derartige Dinge zu erzählen. Sie lachte wieder und sagte: ,Ich bin schon zwei Jahre hier. Meine Mutter, mein Vater, meine Geschwister waren schon alle tot, als du noch ins Kino gegangen bist, als du noch eine Mutter, einen Vater und Geschwister hattest. Natürlich hasse ich euch.'  "


"Auschwitz, das war Vernichtung"

Eva Fahidis Mutter und ihre kleinere Schwester wurden kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern ermordet. Ihr Vater starb im Lager. Eva Fahidi selbst wurde von SS-Arzt Josef Mengele für Zwangsarbeiten ausgesucht. "Man hat manchmal auch ein bisschen Glück. Mein Glück war, dass ich nur sechs Wochen lang in Auschwitz überleben musst. Danach kam ich in ein Arbeitslager im KZ Buchenwald. Auschwitz war kein Arbeitslager. Auschwitz war ein Vernichtungslager."

Das Kriegsende kam und mit ihm die letzten Todesmärsche. Auf einem dieser Todesmärsche entkam Eva Fahidi. "Ich bin nach Hause, nach Debrecen. Ich bin durch die Straßen gerannt, zu unserem Haus. Ich bin gerannt und gerannt und ich bin vorbei gerannt. Ich habe unser Haus nicht mehr erkannt. Erst am Klang der Klingel habe ich gemerkt, dass das wirklich mein zu Hause sein musste. Ich habe also geklingelt und geöffnet hat mir ein - ich sage immer - ein Ungeheuer." "Was willst du hier", habe die fremde Frau gefragt. "Hier kannst du nicht bleiben. Wir sind schon zu viele hier", habe sie gesagt. Also sei sie gegangen. "Ich hätte wissen müssen, dass niemand mehr da ist. Ich hätte weiterrennen müssen und nicht umkehren."


Die Listen der Überlebenden

Sie fand Unterschlupf bei einer Familie und von da an schrieb sie Listen. "Wir haben immer Listen geschrieben mit den Namen jener, die überlebt haben. Diese Listen haben wir dann an allen Bahnöfen angeschlagen. So hat mich auch mein Onkel gefunden. Er hat überlebt, hat mich gefunden und zu seiner Familie geholt." Dort sei sie zwei Jahre lang nur im Bett gelegen. Zum Zeitvertreib gab ihr ihr Onkel Bücher. Darunter auch "Das Kapital" von Karl Marx. Eva Fahidi wurde also Kommunistin und nach zwei Jahren stand sie wieder auf - und lebte. "Na, man muss doch leben", sagt sie heute. Und sie begann auch wieder zu tanzen. "Die Leute fragen mich oft, wie ich denn nach all dem, was ich erlebt habe, noch tanzen könne. Ich frage sie dann immer, warum ich denn nicht tanzen sollte. Tanzen entkrampft und befreit."


Chronistin einer Welt, die sich nicht erlösen lässt

Eva Fahidi wäre gerne Tänzerin geworden. Überlebende wurde sie - und Chronistin einer Welt, "die sich nicht erlösen lässt". Der Saal in der Götzner Kulturbühne AmBach war gut gefüllt mit vielen hunderten Jugendlichen. Es waren Schülerinnen und Schüler, kaum jünger als Eva Fahidi, als sie in den Zug nach Auschwitz gestoßen wurde. Was sie ihnen denn mitgeben würde, so als Kernsatz für ihr Leben? "Dass man viel lernen muss. Dass man nie klüger ist, als wenn man jung ist und doch noch so viel lernen muss. Wer nichts aus dem lernt, was gewesen ist, der läuft Gefahr, dass sich alles wiederholen kann. Es kann sehr schnell gehen, dass sich wiederholt, was schon war. Und wenn ich euch von mir erzähle, dann habe ich die Hoffnung, dass ich vielleicht etwas bewirken kann. Vielleicht nur für eine Sekunde. Was ist schon eine Sekunde in der Ewigkeit, fragt man sich? Vielleicht nicht viel, aber in dieser einen Sekunde habe ich doch etwas für die Ewigkeit getan."

Und plötzlich wirkt die kleine, zerbrechliche Frau ganz groß - dort auf der Bühne. Mehr als nur eine Sekunde.

 

Der Abend in der Kulturbühne AmBach

Gestaltet und gerahmt wurde der Abend mit Eva Fahidi durch das Cello-Ensemble des BORG Götzis und die Truppe des Tanzhaus Hohenems. Das Tanzhaus Hohenems ist eine Initiative, die sich neben dem Tanz auch der Förderung und Persönlichkeitsentwicklung von Menschen mit und ohne Behinderung verschrieben hat. Besonders berührend und der wortlose Höhepunkt des Abends war der Augenblick, als Eva Fahidi gemeinsam mit den Tänzer/innen des Tanzhauses zu tanzen begann.

 

Buch-Tipp

Buch Fahidi

Eva Fahidi
"Die Seele der Dinge"
239 Seiten, Lukas Verlag 2011