In seinem Bibelessay in der Ö1-Sendung "Lebenskunst" nimmt Bischof Benno Elbs Bezug auf den Terroranschlag in Wien und zeigt auf, wie und warum Zusammenhalt und Zuversicht einen guten Weg in die Zukunft bahnen.

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Letzten Montag ist unsere Welt in Österreich aus den Fugen geraten. Terror war bis dahin etwas, das sich irgendwo anders zutrug. Jetzt aber war er da.

Wenn das Grauen einem den Mund versiegelt und es uns angesichts von Mord und Terror die Stimme verschlägt, ist das gemeinsame Schweigen Trost. Ein Schweigen, das das Unsägliche und Unsagbare umfängt und Ausdruck jener Weisheit ist, von der im vorher gehörten Bibeltext die Rede war. Es ist weise, zu schweigen und nicht zu plappern angesichts des gewaltsamen Todes von Menschen. Und doch warten wir auf das erlösende Wort. Erzählen ist heilsam. In meiner Arbeit als Therapeut und Seelsorger merke ich beinah täglich, wie wichtig es ist, das, was man erlebt hat, auszusprechen, um es auch verarbeiten zu können.

Reden wir also über das, was passiert ist an diesem Abend im Herzen Wiens. Es ist ein Abend, der eine Geschichte des Grauens erzählt. Denken wir an die Menschen, die schuldlos ermordet wurden. Ihre Lebensgeschichte – individuell wie deine und meine – ist von einer Sekunde auf die andere abgerissen und zu Ende. Seien wir in Gedanken bei ihren Verwandten und Freunden und bei allen Menschen, die um sie trauern. Denken wir an die Verletzten und an die vielen Augenzeuginnen und Augenzeugen, die diese schreckliche Tat aus nächster Nähe miterlebten.

Geschichten des Zusammenhalts

In diese Geschichte des Grauens hineinverwoben sind aber auch viele Geschichten der Hoffnung und der Solidarität. In den sozialen Medien haben Menschen berichtet, was sie unmittelbar nach der Tat in der Wiener Innenstadt erlebt haben. Sie erzählten von den Hotelmitarbeitern, die Passanten aufgenommen und die ganze Nacht lang versorgt haben. Sie berichteten von den beiden Männern, die einem verletzten Polizeibeamten das Leben retteten; vom Straßenbahnfahrer, der außerhalb einer Station stehen blieb, um Fliehende aus der Gefahrenzone zu bringen; oder von der muslimischen Frau, die am Morgen die Beamtinnen und Beamten der Polizei mit Gebäck und Kaffee versorgte. Es sind Geschichten des Zusammenhalts, Geschichten, die das Miteinander groß schreiben.

Friedenszeichen

Schreiben wir diese Geschichten weiter. Wir leben nun seit 75 Jahren in Frieden. Plötzlich sind wir in der Situation, dass wir Kindern erklären müssen, was Terror bedeutet. Lassen wir uns den Frieden und die Einheit unserer Gesellschaft nicht nehmen – von  niemandem. Viele Menschen haben in den letzten Tagen in Wort und Tat bewiesen, dass wir nicht nur zusammen leben, sondern auch zusammenhalten: Junge und Alte, Religionslose und Gläubige, Zugewanderte und Menschen, die hier geboren wurden. Wir brauchen jetzt die klare Übereinkunft in unserer Gesellschaft, dass wir nicht provozieren, dass wir keine Feindbilder aufbauen und schon gar nicht ganze Bevölkerungsgruppen beschuldigen. Setzen wir Friedenszeichen. Der Erhalt des Friedens, der Demokratie und der Freiheit ist das, wonach wir uns alle sehnen.

Es ist in diesen Tagen in der Tat nicht einfach, zuversichtlich zu sein. Zuversicht jedoch ist keine leere Hoffnung. Wer zuversichtlich ist, hat den Ernst einer Situation im Blick, lässt sich davon aber auch nicht lähmen. Vor allem aber ist Zuversicht eine bewusste Entscheidung. Schauen wir mit Zuversicht nach vorne. Wir leben zusammen und wir halten zusammen. Das verbindet uns – jetzt und auch in Zukunft.

Bischof Benno Elbs