Gedanken zum Sonntag, 24. September 2017, von Bischof Benno Elbs

Dieser Reiz-Titel des Philosophicums Lech, das seit Donnerstag für belebte Diskussionen sorgt, ist wohl bewusst im Kontrast zum „Vorarlberger Lebensmotto“ des „Schaffa, schaffa, Hüsle baua“ gewählt. „Die Arbeit und ihr Schicksal“, so der zweite Teil des Tagungstitels, deutet die Denkrichtung an. Arbeit ist ja nicht nur eine Grundlage für die Sicherung des Lebensunterhalts. Sie bedeutet auch persönliche Selbstverwirklichung, Gestaltung und Kreativität, ist ein Raum der Begegnung und eine Quelle von Freude und Glück.

Was uns leben lässt

Die digitale Revolution der Arbeit und ihre zunehmende Automatisierung führen zu Beschleunigung, Effizienzsteigerung, einem scheinbar ungebremsten Wachstum. Sie führen aber auch dazu, dass immer weniger Menschen arbeiten müssen oder arbeiten können. Das raubt vielen den Atem und erschöpft Menschen ebenso wie auch die Ressourcen der Erde. Führt das alles aber auch zu größerem Zeitwohlstand? Ist dieser gerecht verteilt? Es sind diese Fragen, denen wir uns stellen müssen.

Was uns leben lässt, was uns Freude und Geborgenheit schenkt, hängt zu einem großen Teil von unbezahlter und unbezahlbarer „Arbeit“ ab – angefangen von der liebevollen Pflege eines Babys über das Miteinander in der Familie, in Gruppen und Vereinen, in sozialen und kulturellen Initiativen, bis hin zur Begleitung von kranken und sterbenden Menschen. Das freiwillige Engagement in der Kirche zum Beispiel lässt Gemeinden entstehen. Es sind Beziehungen abseits jeder Kommerzialisierung, die uns leben lassen.

Ein Appell für Gleichheit

„Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher (2 Thess 3,10). Dieses Zitat wird gerne als Argument gegen alle möglichen Formen von „Faulheit“ ins Treffen geführt. Dabei zielt Paulus damit auf die Reichen seiner Zeit, die gewohnt waren, andere für sich arbeiten zu lassen. In der christlichen Gemeinde sollten genau diese Hierarchien nämlich nicht mehr gelten. Für das gemeinsame Essen hieß das: es sollen nicht die einen arbeiten und die anderen sich an den gedeckten Tisch setzen. Paulus appelliert hier also an die soziale Gleichheit.

Eine für unser Empfinden von Gerechtigkeit recht provokante Bibelstelle, das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, hören wir im Evangelium an diesem Sonntag (Mt 20,1-16). Da bekommen alle denselben Lohn, egal ob sie nur eine Stunde oder einen ganzen Tag lang gearbeitet haben. „So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte“, hören wir da. Wird damit die Faulheit belohnt oder sprengt Gottes Gerechtigkeit einfach die menschlichen Maßstäbe?

Ein Tag der Unterbrechung

Eine Einladung zum Innehalten im täglichen Schaffen, Tun und Planen ist der Sonntag. Der siebte Schöpfungstag ist ein Tag, der frei bleibt von Zweck und von Arbeit, frei auch von Mühe und Plage, frei für Muße, Fest und Gemeinschaft, frei für das Höchste und Wertvollste – für Gott. Und wo die Götter Gewinn, Konsum und Leistungssteigerung heißen, da werden am Sonntag eben auch diese Götter angebetet.

Sonntag, ein Tag der Unterbrechung, vielleicht auch zum Überdenken des Weges und zum Neuordnen der Ziele. Der Wert eines Menschen liegt nicht zuerst in Leistung, Vermögen, Schönheit oder was auch immer. Er gründet in der Würde des Menschen selbst. Für uns Christen gründet er in unserem Dasein als Kinder Gottes, der uns liebt.

Dass wir etwas davon jeden Tag neu erfahren dürfen, das wünsche ich Ihnen und mir.

Bischof Benno Elbs