Gedanken zum 1. Adventsonntag von Bischof Benno Elbs

An der Haltestelle: Jugendliche und Erwachsene warten auf den Bus. Viele blicken auf ihr Handy. Der Kopf ist geneigt, die Augen sind fixiert auf das Display. Über WhatsApp, Facebook, Instagram, Snapchat sind sie virtuell vernetzt – und doch irgendwie allein. Denn die Welt um sich herum scheinen sie kaum wahrzunehmen.

Was erregt unsere Aufmerksamkeit? Sind es Bilder, Schlagzeilen, Werbung, von Algorithmen gesteuerte Botschaften? Um in der verwirrenden Fülle an Informationen nicht die Orientierung zu verlieren, gilt es, genau hinzusehen und achtsam zu sein. Wir brauchen einen wachen Blick, der nicht nur in schwarz-weiß einteilt, sondern auch feine Farbtöne wahrnimmt. Was dafür nötig ist: zwischendurch einmal das Haupt zu erheben und aufzuschauen, den Blick in die reale Welt hinaus zu richten.

Advent heißt Ankommen

Da sehen wir viel Gutes und Schönes, Trubel und Hektik, auch Schweres und Bedrückendes. Aus christlicher Sicht steht jede Zeit unter dem Zeichen von Gottes Ja zu seiner Schöpfung. Eine träumerische Flucht in eine angeblich bessere Vergangenheit ist ebenso fehl am Platz wie das Sehnen nach einer besseren Zukunft. Vielmehr ist die Gegenwart der Ort, an dem Gottes Ja zu uns Wirklichkeit wird und bei uns „ankommt“.

Damit ist ein wichtiges Stichwort geliefert: Advent heißt Ankunft. Gemeint ist die Ankunft Gottes in der Welt. Und das nicht gestern, nicht morgen, sondern heute! Im Advent erwarten wir die Ankunft des göttlichen Lichtes in den dunklen wie in den hellen Winkeln unserer Biographie. „Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen bist, sondern als das, was du jetzt bist“, schrieb Meister Eckart im 13. Jahrhundert.

Richtet euch auf!

Worauf lenken wir unsere Blicke? Der Advent ist eine Zeit der Achtsamkeit, eine Zeit des wachen Blickes auf unsere Welt und unser Leben. „Richtet euch auf und erhebt eure Häupter“ – dieser Satz aus dem Evangelium des heutigen 1. Adventsonntags soll „Aufsehen“ erregen: dass ich einmal vom Bildschirm meines Handys aufsehe und dem Menschen, der in Zug oder Bus gerade neben mir Platz genommen hat, ins Gesicht blicke. Denn Advent gibt es nur mit dem Impuls zum Guten, der in diesen Tagen durch viele Herzen geht und animiert zu einem zärtlichen Lächeln oder einem aufrichtenden Wort. 

Für die kommenden Wochen auf Weihnachten zu wünsche ich uns, dass wir aufschauen, aufatmen und auftanken können, um die Ankunft, den Advent Gottes in unserem Leben mit erhobenem Haupt bestaunen zu können.

Bischof Benno Elbs