Gedanken zum Sonntag von Bischof Benno Elbs.

Als der mächtige Mann im Weißen Haus letzte Woche vor einer Kirche erschien, war schnell klar, dass er nicht zum Beten gekommen ist. Donald Trump machte vor der Kirchentüre Halt, hielt eine Bibel in die Höhe und ließ sich fotografieren. Die Heilige Schrift als Accessoire, das posierend in die Kamera gehalten wird. So weit, so ungut die Inszenierung.

Gift des Rassismus

Doch eigentlich geht es nicht um dieses Foto, sondern um die Empörung über die Realität des Rassismus, der uns in diesen Tagen mit neuer Wucht entgegenschlägt. Es geht um Gerechtigkeit für Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe unschuldig benachteiligt, ausgegrenzt, ja sogar getötet werden. Es geht um Würde für alle Menschen und um den Kampf gegen das Gift des Rassismus, das Menschen die Luft zum Atmen nimmt. „I can’t breathe“, die letzten Worte von George Floyd, wurden zum Slogan der „Black Lives Matter“-Bewegung. Wenn Trump die Bibel nicht nur in die Kamera hält, sondern auch darin liest, müsste er auch ein offenes Ohr haben für die Stimmen derer, die seither auf der ganzen Welt demonstrieren und protestieren. Denn der Protest gegen Unterdrückung, Ausgrenzung und ungerechtes Leid ist wie die DNA der biblischen Botschaft. Der Gott, von dem sie spricht, setzt den Kriegen ein Ende; er führt aus der Sklaverei in die Freiheit und macht in jeder Lebenssituation einen neuen Anfang, kurz: Leben in Fülle für alle Menschen möglich. Wir werden in diesen Tagen neu an unsere Verantwortung erinnert, die wir alle für das Gelingen des gesellschaftlichen Miteinanders haben. Es reicht nicht aus, dass der Grundsatz der Gleichheit und der Würde aller Menschen in den Verfassungen steht. Dieses Recht muss immer wieder neu errungen und hochgehalten werden.  

Fünf Jahre Laudato si‘

Rassismus ist das eine, der drohende Klimakollaps das andere gesellschaftspolitische Thema, das seit dem Ausbruch des Coronavirus ins Hintertreffen geraten ist. Vor genau fünf Jahren hat Papst Franziskus seine prophetische Schrift Laudato si‘ veröffentlicht. Als Kirche rufen wir seither verstärkt zu einem Systemwandel auf und wissen uns darin verbunden mit vielen Menschen und Initiativen, die dasselbe Ziel verfolgen. Eine Stimme ist auch das Klimavolksbegehren, das ab dem 22. Juni 2020 um Unterschriften wirbt und das sich im Kern mit den Anliegen des Laudato si‘-Jahres trifft, das Papst Franziskus vor kurzem ausgerufen hat: die „Marschrichtung“ hin zu einer nachhaltigen und gerechten Welt zu ändern. Auch hier geht es um den Atem. Bei einer Wanderung habe ich vor kurzem einen Spruch von Mahatma Gandhi gelesen: „Wenn die Erde atmet, atmen auch wir. Wenn die Erde nicht mehr atmet, atmen auch wir nicht mehr.“

Verantwortung

„Alles ist miteinander verbunden“. So heißt es in Laudato si‘. Das ist ein weitreichender Satz, der immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Es gilt die Dinge in ihrem Zusammenhang zu sehen. Eine ganzheitliche Ökologie ist eng mit dem Konzept der Menschenwürde verknüpft. Und das Schicksal der Menschen auf anderen Kontinenten nimmt auch uns in die Pflicht. Um gut in die Zukunft gehen zu können, ist es unerlässlich, dass Menschen Verantwortung übernehmen: international, lokal und individuell. Wir alle sind eine einzige Menschheitsfamilie. Deshalb sind Empathie mit unseren Mitmenschen, ein wachsamer Blick auf die Gegenwart und auf die Bedürfnisse der kommenden Generationen wesentlich für eine friedvolle Gestaltung der Zukunft. Dieses Ziel sollte uns alle miteinander verbinden.

Bischof Benno Elbs