Bischof Benno Elbs zu Fragen von Versöhnung, Vergebung, Beichte, Buße

Es gibt viele Konflikte und Spannungen, Verletzungen und Schuld in unserer Welt, die der Aufarbeitung und Versöhnung bedürfen. Andererseits erlebt die Beichte als Instrument der Aufarbeitung, der Versöhnung und Vergebung von Schuld, jedenfalls hierzulande, eine tiefe Krise. Viele Vorbehalte und Ängste sind vorhanden. Hat sie ausgedient? Taugt sie überhaupt als Instrument der Befreiung von Lasten und Schuld? Oder hat sie bald endgültig  ausgedient?

Schuld, was ist das?

Viele Menschen heute sagen: Ich bin mir keiner persönlichen Schuld bewusst. Was sollen die tun? Sich Schuld einreden (lassen)?

Viktor Frankl hat einmal gemeint, wer keine Schuld spürt, hat auch keine Beziehungen. Wenn jemand sagt, es gebe keine Schuld in seinem Leben, dann muss er sich meines Erachtens die Frage stellen, ob er in Beziehungen lebt: zu den Nächsten, in der Familie, zu Gott, zur Umwelt, zur Wirtschaft, zur Arbeit. Wenn man in Beziehungen lebt, dann wird es – wenn man nicht ein Gott oder eine Göttin ist – Verletzungen in diesen Beziehungen geben. Es wir Kränkungen geben, Verwundungen, Enttäuschungen, Unwahrhaftigkeit, Respektlosigkeit.

Wenn also jemand sagt, er/sie hat keine Schuldgefühle, dann würde ich sagen: Lerne zu lieben und intensiviere deine Beziehungen, geh achtsam und achtungsvoll auf Menschen zu. Dann wirst du spüren, was du den Menschen an Gutem tust, wie du sie förderst. Je mehr du einen Menschen liebst und achtest und mit ihm zusammen bist wirst auch stärker spüren, wenn du ihm weh tust, wenn du ihn verletzt oder enttäuscht. Wenn also jemand sagt, er habe keine Schuldgefühle, dann würde ich ihm nicht sosehr die Lektüre eines Gewissensspiegels empfehlen, das kann auch eine Hilfe sein, ich würde ihn als erstes in Beziehungen führen und ihm zeigen, dass er Lieben lernt.

Ein Beispiel: Wenn man von einem Kind erreichen möchte, dass es nicht in ein Blumenbeet trampelt, gibt es dafür zwei Wege. Eine Möglichkeit sind Regeln, Verbote. Die andere besteht darin, zu versuchen, dass das Kind eine Beziehung zu den Blumen entwickelt. Wenn das gelingt, dann wird es auch nicht mehr auf die Blumen treten. Erich Fromm meint, jeder Mensch braucht ein System der Orientierung und ein Objekt der Hingabe. Das System der Orientierung sind Regeln, die es braucht, deren Übertretung andere verletzt – die Freiheit anderer, durch Ausbeutung usw. Genauso braucht es ein Objekt oder ein Subjekt der Hingabe, etwas oder jemanden, das oder den oder die man liebt. Je größer die Liebe, desto größer ist auch die Sensibilität für Verletzungen und somit auch für Schuld und Sünde in dieser Beziehung.

Strukturen der Sünde

Wenn jemand nun sagt: Ich habe kein großes persönliches Schuldbewusstsein, mich quält vielleicht die globale Ungerechtigkeit, ich sehe die Ausbeutung und anderer Länder und Kulturen in der Geschichte bis heute, unseren Wohlstand auf Kosten der Entwicklungsländer, und ich tue nicht wirklich wirksam etwas dagegen – oder viel zu wenig oder das falsche. Was antworten Sie einem solchen Menschen?

Die Wahrnehmung solcher Probleme von Umwelt, Ausbeutung, Ungerechtigkeit in der Welt setzt die Bereitschaft zur Reflexion über die Situation der Welt voraus, die diese Zusammenhänge erkennt. Darum wird vermutlich jemand, der über die Erde nachdenkt, über den Sinn der Welt, über den Sinn des Lebens, in diesem Bereich eher Schuld verspüren als ein anderer, der im Grunde nicht über seinen Tellerrand hinaus denkt.

In der Auseinandersetzung mit Themen, wie sie etwa die Enzyklika „Laudato si“ beschreibt oder die Weltklimakonferenz oder der Global Marshall Plan, der sich über die Ungerechtigkeit und die Ausbeutung im Wirtschaftsbereich Gedanken macht, werden Menschen spüren, dass es eine Art „strukturelle Sünde“ gibt, in die wir hineingeboren sind, wo ich aber nicht unmittelbar persönlich schuldig bin. Es ist ein großer Unterschied zwischen objektiver Schuldverstricktheit, wo ich Nutznießer des Systems bin, als Einzelner aber keine aktive persönliche Schuld habe. Theologisch könnte man das, frei übersetzt, als „Erbschuld“ bezeichnen, in die jeder hineingeboren wird und aus der man nicht herauskommt.

Wozu noch beichten?

In der Vaterunser-Bitte „vergib uns unsere Schuld“ und bei jeder Messfeier ist Schuldvergebung zugesagt. Braucht es da überhaupt noch die Beichte?

Es gibt ganz verschiedene Formen von Schulderfahrung. Es gibt eine „tägliche“ Schuld – wo in einer Beziehung etwas nicht gut gelaufen ist, wo etwas Ungutes vorgefallen ist. In einem solchen Fall ist die Bitte um Vergebung am Anfang jeder Messe oder auch im Vaterunser durchaus angemessen. Dann gibt es aber auch Schuld, die einer tieferen Aufarbeitung bedarf – weil Menschen verletzt worden sind, weil es eine tiefere Kränkung eines anderen Menschen verursacht hat oder weil es an eine tiefersitzenden Haltung in der eigenen Seele liegt. Dann braucht es auch eine tiefer gehende Form der Heilung.

Konkretes Beispiel: Wenn man ein Problem hat, ist die erste und oft beste Lösung ein Gespräch mit einem Partner, einem Freund oder in der Familie. Es gibt aber auch schwerwiegendere Probleme, wo ein Gespräch mit einem Freund nicht mehr ausreicht, wo ich einen Experten – Psychologen, Arzt – zu Rate ziehe. So sehe ich auch den Unterschied in der Form der Schuld. Theologisch würde man zwischen „lässlicher“ und „schwerer Sünde“ unterscheiden.

Formen der Versöhnung

Viele Menschen schreckt allein schon das Wort „Beichte“ ab. Wie kann eine befreiende Erfahrung von Versöhnung, Beichte aussehen?

Es gibt verschiedene Formen des Sakraments der Versöhnung. Ich kann etwa eine gemeinschaftliche Versöhnungsfeier besuchen, die dann in einer persönlichen Lossprechung mündet. Da steht man mit anderen Menschen gemeinsam vor Gott, denkt über sein Leben nach, kann sich der Schuld bewusst werden und diese dann bekennen. Bei manchen Versöhnungsgottesdiensten wird das so praktiziert, man kann nach der gemeinsamen Besinnung zum Bekenntnis nach vorne zu Priestern gehen, die diese Versöhnung zusprechen, die Lossprechung erteilen.

Eine andere Form, für Menschen, die die Anonymität suchen, hat der Beichtstuhl für ein Versöhnungsgespräch keineswegs ausgedient. Das Bekenntnis von Schuld ist etwas sehr Intimes, es braucht auch den Schutz der Anonymität. Darum ist das Angebot der Versöhnung und Beichte auch in anonymem Rahmen von Bedeutung.

Das Dritte, die häufigste Form ist das Beichtgespräch. Es legt einen liebevollen, achtsamen Blick auf das Leben, auf Situationen von Schuld, von Verletzungen und Verwundungen. Es ist ein persönliches Gespräch mit einem Priester – so wie mit einem Freund oder einem Therapeuten – an dessen Ende die Lossprechung steht.

Das sind für viele auch befreiende Erfahrungen. Auch Menschen, die schon viele Jahre lang nicht mehr gebeichtet haben, zwanzig, dreissig Jahre, bei Vorbereitungen auf Hochzeiten erlebe ich das oft. Sie tun einen wertschätzenden, liebevollen, vielleicht aber auch schmerzhaften Blick auf ihr Leben, der zu einem Neuanfang führt. Ein solcher Neuanfang ist für viele ein echtes Geschenk.

Schritte der Schuldbewältigung

Heilsame Aufarbeitung von Schuld. Welche Schritte braucht es dafür?

Dazu gehört als erstes das Anerkennen von Schuld: „Was ist nicht angenommen wird, kann nicht befreit und erlöst werden.“ Dieser Grundsatz des heiligen Athanasius wird auch in der Alkoholtherapie betont. Dann das Aussprechen, es lässt aus einem dumpfen Gefühl einen spitzen Schmerz entstehen, der aber auch befreiend ist. Und schließlich die Suche nach Wiedergutmachung. Das sind die psychologischen Schritte, um Schuld oder eine Krise aufzuarbeiten. Die Beichte hat im Grunde genommen genau dieselbe Dynamik: Reue – Bekenntnis – Buße bzw. Wiedergutmachung.

Psychotherapie und Beichte

Es gibt fließende Übergänge zwischen Psychotherapie und dem Sakrament der Beichte. Wo liegen die Unterschiede?

Neben dem Aspekt des psychologischen und psychotherapeutischen Aufarbeitens kommt bei der Beichte die Vollmacht des Vergebens hinzu. Beichte hätte ja keinen Sinn, wenn da nicht das Wort Jesu wäre, wo er sagt „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,23). Es ist der Auftrag der Kirche, Versöhnung zuzusprechen. Darum ist es auch wichtig, dass das mit der notwendigen Vollmacht geschieht. Bei einem Beichtgespräch, auch im persönlichen Rahmen, lege ich immer eine Stola um. Nicht weil ich glaube, die Stola ist quasi ein „Zaubermittel“, sondern weil dies symbolisiert, dass ich das nicht aus eigenem Vermögen und Können handle. Vielmehr ist es der Auftrag Jesu an die Kirche, den ich dadurch verwirkliche.

Es kommt auch öfters vor, dass jemand einfach mit mir redet, das kann ein zwischenmenschliches Gespräch über irgendein Problem sein, bei dem vielleicht auch das Thema von Sünde und Schuld zur Sprache kommt, dann kann am Ende der Wunsch nach Versöhnung und einer Lossprechung stehen. Auch dann hole ich mir eigens noch eine Stola und lege sie mir für die kurze Feier um, um damit auszudrücken: Ein Sakrament ist eine Zusage der Liebe Gottes. Es ist nicht meine persönliche Aktion, es ist der Auftrag Jesu an die Kirche.

Was ist mit der Schuld der Kirche?

Auch die Kirche hat Schuld angehäuft, hat gemeinsame Sache gemacht mit Mächtigen. Müsste nicht auch die Kirche diese Schuld bekennen und damit Beichte und Befreiung vorleben?

Ganz gewiss. Die Bitte um Versöhnung ist etwas, das einen einzelnen Menschen betreffen kann, wenn er gegenüber einem anderen schuldig geworden ist. Das kann aber auch eine Institution wie die Kirche betreffen.

Die Kirche hat das Pech oder Glück, dass sie eine Institution ist, die so lange besteht. Wenn ein Staat etwa bei Missbrauchsfällen eine Entschuldigung ausspricht, dann kommt das nie so ganz an. Bei der Kirche hingegen hat man das Gefühl, es ist noch immer die gleiche „Person“, die mir das angetan hat, auch wenn das Ereignis vielleicht schon 600 oder mehr Jahre zurückliegt. Darum ist es wichtig, dass die Kirche mit Verantwortung zu ihrer Geschichte steht, im Wissen, dass die, die jetzt handeln, das nicht selbst angerichtet haben, aber mit Verantwortung dazu stehen und daher auch die Verantwortung übernehmen. Das schließt die Bitte um Versöhnung und Vergebung ebenso mit ein wie auch die Wiedergutmachung.

Ein Beispiel dafür sind Missbrauchsfälle, wo die Kirche sich aktiv bei den Opfern entschuldigt, obwohl jene, die sich entschuldigen, nicht die Täter sind – die sind oft schon tot – und dass man die Verantwortung für diese Schuld übernimmt, soweit das überhaupt möglich ist. Alles hilft, was zur Heilung beiträgt. Ich glaube, auch die Kirche soll um Vergebung bitten für viele Dinge, die passiert sind, sei es Missbrauch oder der Umgang mit Menschen im pastoralen Bereich, wo Menschen verletzt und gekränkt wurden durch die Art, wie sie behandelt wurden – ledige Mütter, uneheliche Kinder. Da muss die Kirche auch um Vergebung bitten. Wer selbst nicht um Vergebung bittet, kann vermutlich auch nicht vergeben, kann nicht ein Botschafter, eine Botschafterin der Vergebung, der Versöhnung und Heilung sein.

Versöhnung und Segen

Eine Erfahrung ist auch, dass viele Menschen den Wunsch nach einem persönlichen Segen haben. Bei den „Abenden der Barmherzigkeit“ und bei vielen anderen Gelegenheiten erlebe ich, dass viele Menschen gerne die Möglichkeit in Anspruch nehmen, sich segnen zu lassen, durch Handauflegen. Sie möchten gestärkt und gesegnet werden. Die Sehnsucht nach dem segnenden Gott ist groß. Auch in der Systemtherapie spricht man davon, dass es den Segen der Eltern braucht, er ist wichtig für den Weg eines Kindes. Noch weit mehr braucht es den Segen des „Lebendigen“, um einen anderen Name für „Gott“ zu gebrauchen.