Predigt von Bischof Benno Elbs am Hochfest der Geburt Christi im Feldkircher Dom.

Liebe Schwestern und Brüder!

Was sehen wir, wenn wir in die Krippe schauen? Wir sehen eine junge Familie, die, weil Menschen die Türen verschlossen hatten, in einem Stall Zuflucht finden. Wir sehen die karge, schmutzige Umgebung. Wir sehen die Armut von jungen Menschen, aber auch deren Freude über die Geburt eines Kindes – eines Kindes, in dem uns Gott all seine Liebe und Zuwendung zeigt. Wir sehen Maria und Josef, die das neugeborene Kind zärtlich in den Armen halten. „Maria versteht es, mit ein paar ärmlichen Windeln und einer Fülle zärtlicher Liebe einen Tierstall in das Haus Jesu zu verwandeln”, schreibt Papst Franziskus in Evangelii Gaudium (Nr. 286).

Wenn wir in die Krippe schauen, wird unser Herz wach. Wir empfinden Mitleid, sind erschüttert von der Not der Situation – und zugleich getröstet durch den Gedanken, dass Gott die Not von uns Menschen nicht kalt lässt, sondern er sie mit uns teilt. Der Blick in die Krippe berührt uns. An der Krippe werden wir zu Expertinnen und Experten der Menschlichkeit: zu Menschen, die am Leid der anderen nicht vorübergehen; zu Menschen, die sich zu anderen hinunterbücken, wie Gott sich an Weihnachten zum Menschen herabbeugt. Aus der Krippe kommen uns Respekt und Wertschätzung, das Bemühen um Frieden sowie Hoffnung und Licht entgegen. Um Expertin/Experte der Menschlichkeit zu werden, sind aus meiner Sicht drei Dinge erforderlich:

1. Die Erfahrung des Beschenkt-Werdens

Weihnachten ist auch ein Fest des Schenkens und des Beschenkt-Werdens. In der Adventzeit war ich u.a. zu Besuch in einem Mutter-Kind-Haus. Dort habe ich Frauen und Kinder getroffen, die in ihrem Leben nicht oft die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen etwas Geschenkt wurde. Und ich habe wieder gespürt, wie wohltuend es für andere Menschen sein kann, wenn sie beschenkt werden: nicht nur mit einem materiellen Geschenk, sondern auch mit einem Lächeln, einem freundlichen Blick oder einem ermutigenden Wort.

Für das Wort Geschenk verwenden wir auch das Wort Präsent. Präsent heißt nicht nur Geschenk, sondern auch: gegenwärtig sein, da sein. Wenn ich jemandem ein Geschenk überreiche, sage ich auch: Du bist mir wichtig. Ich bin da für dich. Da-Sein für andere ist ein wunderbares Geschenk. Nicht umsonst wünschen sich viele Menschen zu Weihnachten einfach nur Zeit, um für die Familie, für die Partnerin/den Partner und die Kinder einfach da zu sein.

„Ich bin da” ist auch einer der Namen Gottes. An Weihnachten feiern wir, dass dieser Gott in der Person Jesu Mensch wird. In der Krippe liegt der Liebesbrief Gottes an uns, der uns sagt: Ich bin mit dir. Ich bin dort, wo du bist (M. Buber).

2. Gabe und Aufgabe

Die Erfahrung des Beschenkt-Werdens wird in einem zweiten Schritt zur Aufgabe, zu einem Auftrag an uns. Bei vielen Begegnungen und Gesprächen in der Vorweihnachtszeit – sei es im Krankenhaus, im Seniorenwohnheim oder bei persönlichen Begleitgesprächen – habe ich gemerkt, dass ich Weihnachten nicht so unbeschwert feiern kann, wie es uns manche Werbespots einflüstern. Gerade die Lebenssituation vieler Menschen zeigt mir, worum es wirklich geht. Weihnachten ist mehr als Punsch, Geschenke, Christbaum und ein wohliges Keksgefühl. Wer Weihnachten feiert, darf nicht in einer angenehmen Idylle verweilen, sondern hat einen Auftrag: in der Spur Jesu zu den Armen zu gehen. Schon kleine Schritte können eine große Wirkung entfalten: Um ein Lächeln in ein Gesicht zaubern zu können, braucht es nichts als kleine Gesten der Herzlichkeit, Zärtlichkeit und Mitmenschlichkeit. Die Geburt des Gottessohnes ist nicht nur eine Gabe, ein Geschenk, eine Gnade, sondern auch ein Auftrag.

3. „Fürchte dich nicht!“

Weihnachten ist ein Fest gegen eine „Häresie der Angst“ (Cesare Zucconi). Gerade weil die Angst viele Bereiche unseres Lebens bestimmt, dürfen wir uns den biblischen Satz „Fürchte dich nicht!“ zu Herzen gehen lassen. Denn Weihnachten ist ein eindringliches Statement gegen eine Lebenshaltung, die von Ängstlichkeit bestimmt ist, die Hoffnung klein macht und den Geist des Vertrauens auslöscht. Die Menschwerdung Gottes sagt uns vielmehr: Es gibt keinen Ort, keine Situation und keine Zeit, in der nicht Gottes barmherzige Liebe uns entgegenkommt. Es gibt keine Notsituation und kein angsteinflößendes Zukunftsszenario, an dem Gottes Gegenwart für uns nicht spürbar werden könnte. Denn er ist da, wo wir sind. Wenn wir unser Herz an den Stern von Weihnachten binden, werden wir erfüllt von innerer Kraft und Zuversicht. Gott wird Mensch, damit wir wahrhaft Menschen werden: dass wir einander vergeben, Suchenden mit Gastfreundschaft begegnen und Notleidenden eine helfende Hand entgegenstrecken. „Fürchte dich nicht!“ bringt auch die Hoffnung zum Ausdruck: Es gibt ein Gelingen des Lebens. Aus Kleinem, Unscheinbarem kann Großes werden, das Menschen verbindet. So kann von der Krippe viel Hoffnung, Solidarität und Vertrauen ausgehen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Expertinnen und Experten der Menschlichkeit werden – das ein Impuls, eine Konsequenz aus dem Blick in die Krippe. Eine echte „Weihnachtsstimmung“ kommt dann zustande, wenn wir uns hineindenken und hineinfühlen in die Personen der Krippenszene. Lassen wir uns von diesem Bild berühren und verwandeln und werden wir so Expertinnen und Experten der Menschlichkeit.

Ihnen und Ihren Familien wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest.