Predigt von Bischof Benno Elbs am Hochfest Allerheiligen 2021

Wenn ich in Rom bin, besuche ich gerne die Kirche Sancta Maria ad Martyres, besser bekannt unter dem Namen Pantheon. Dieser ehemals heidnische Tempel, unweit der Piazza Navona gelegen, ist ein beeindruckendes Gebäude, vor allem, wenn man den Blick nach oben richtet. Dort gibt nämlich ein großes Loch in der Kuppel den Blick in den Himmel frei. Wenn man in dieser Kirche steht und nach oben blickt, sieht man also nicht nur die kunstvoll geformte Innenseite der Kuppel, sondern blickt durch das Loch hindurch in den Himmel.

Ich finde, dieses Bild passt sehr gut zum heuten Festtag. An Allerheiligen richten wir den Blick zum Himmel. Wir schauen auf jene Männer und Frauen, die nach ihrem Lebens- und Glaubensweg an ihrem Ziel angekommen sind. Wir denken an diese große und bunte Schar von ganz unterschiedlichen Menschen, die, beseelt und durchdrungen von der Botschaft des Evangeliums, ihr ganzes Leben in den Dienst Gottes und der Menschen gestellt haben.

Diesen Ausblick in die Weite des Himmels zu wagen, ist wesentlich für uns als Gemeinschaft der Gläubigen. Als Kirche sollen und müssen wir den Blick in den Himmel offenhalten. Oft genug ist dieser Blick in unserem Leben verstellt durch Streit, Kränkungen, Stress oder auch Nebensächlichkeiten, die sich in den Vordergrund drängen. Umso wichtiger ist es, den Himmel ins Leben hereinzuholen und aufzuzeigen, wie das Leben Gottes hier auf Erden schon Wirklichkeit sein könnte. Die Seligpreisungen geben hier die Richtung vor. Sie sind große Lebensweisungen, gleichsam ein Evangelium im Evangelium, die erahnen lassen, wie das Reich Gottes aussehen würde. Sie revolutionieren das Zusammenleben, weil sie nach der Logik Gottes funktionieren und deshalb einen so ganz anderen Anspruch stellen als jene Logiken, denen wir in unserem Leben oft ausgesetzt sind. Niemand hat sie besser vorgelebt als Jesus selbst. Wo wir sie heute nachleben, da werden Glaube und Leben glaubwürdig. Denn sie machen deutlich: Das Tun und Lassen des/der Einzelnen macht einen Unterschied.

Sind wir mit Herz, Hirn und einer helfenden Hand dabei, tragen wir dazu bei, dass der Geist des Evangeliums in die Welt getragen wird und sich letztlich das Wort Jesu erfüllt, das wir vor zwei Wochen gehört haben: „Bei euch soll es nicht so sein“ – nicht so gewinn- und profitorientiert, nicht so herrschsüchtig, nicht so kühl und abweisend im Umgang miteinander, nicht so egoistisch oder leidvergessen. Die Seligpreisungen sind wie ein Gegenprogramm dazu und lassen uns ahnen, wie wir die heiligmäßigen Haltungen, die wir an den Heiligen bewundern, heute leben können.

  • Wer arm ist vor Gott, weiß um die eigene Armseligkeit, aber auch um den großen Reichtum, den arme Menschen mitbringen. Solidarität und Empathie sind die Früchte davon.
  • Wer trauert, weiß um die große Sehnsucht nach einer Lebensfülle, kennt die Brüchigkeit des Lebens und streckt sich zugleich aus nach einer Freude, die bleibt und trägt.
  • Sanftmütigkeit pocht nicht auf das eigene Recht, sondern lässt die Unscheinbaren, Schüchternen, Ängstlichen groß werden.
  • Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind, wenn man sie zusammendenkt, keine Widersprüche, sondern zwei Maßstäbe guten Lebens, die Zukunft ermöglichen jenseits von Beliebigkeitstendenzen und Anspruchsdenken.
  • Ein reines Herz ist frei von Falschheit und bereit, andere Menschen mit ihren guten und weniger guten Seiten wertzuschätzen.
  • Und schließlich ist der Friede der Königsweg, um der Spirale von Gewalt, Verfolgung und Hass zu entkommen.


Das ist die Alternative, die Jesus aufzeigt. Welche Zumutung, welch hoher Anspruch! Viele stoßen sich deshalb an den Seligpreisungen. Sie seien utopisch, nicht realisierbar, ein unerreichtes und unerreichbares Ideal. Am heutigen Tag jedoch dürfen wir dankbar zu den vielen Lichtgestalten aufblicken, die diese Alternative sichtbar gemacht haben: zum Soldaten Martin von Tours; zu Franz von Assisi, der vor Jahrhunderten einen Umgang mit der Schöpfung vorgelebt hat, die wir uns heute nur mit Mühe anzueignen bereit sind; zu Theresa von Ávila, Thérèse von Lisieux und den vielen Mystikerinnen und Mystikern; zu den Märtyrerinnen und Märtyrern und den vielen unbekannten heiligen Frauen und Männern. Ich denke, an den Seligpreisungen sollten wir uns nicht stoßen, sondern uns vielmehr von ihnen anstoßen lassen: zu einem guten Leben, das Liebe fördert; und zu einem Glauben, der den weiten Horizont der Hoffnung weckt.

Liebe Schwestern und Brüder!
Dieser weite Horizont der Hoffnung sowie der Blick in den Himmel, der uns als Kirche aufgegeben ist, verbindet Allerheiligen mit Allerselen. Denn die Erinnerung an die Heiligen ist eng verwoben mit dem Gedenken an unsere Verstorbenen. Wir hoffen und vertrauen darauf, dass Gott auch sie in die Gemeinschaft der Heiligen aufgenommen hat. So gehört für viele von uns der Besuch der Gräber unserer lieben Verstorbenen und Freunde ganz wesentlich zum heutigen Allerheiligentag.

[An beiden Tagen spielen Dankbarkeit und Erinnerung eine wichtige Rolle. Wie eine Gesellschaft mit der eigenen Vergangenheit umgeht bzw. wie sie ihrer Toten gedenkt, sagt viel über ihren Standard an Humanität aus. Wer das Vergangene nicht einfach abschneidet und hinter sich lässt, sondern die Erinnerung großschreibt, weiß sich als Teil einer großen Gemeinschaft und fühlt sich mit ihr auch in Dankbarkeit für das Vergangene und in Verantwortung für das Kommende verbunden. Vieles von dem, was unser Leben heute ausmacht, haben nicht wir erreicht; vielmehr haben wir es der Lebensleistung vorangegangener Generationen zu verdanken. Und zugleich ist es unsere Aufgabe, das Empfangene weiterzuentwickeln, weiterzuentfalten, weiterzutragen. Dasselbe gilt auch für unseren Glauben: Er baut auf auf eine zweitausend Jahre alte Gemeinschaft von Menschen, die, fasziniert und ergriffen von der Person Jesu, das Evangelium in Wort und Tat leben. Wir sind heute unterwegs in den Spuren Jesu sowie aller Heiligen, die den Weg des Glaubens vor uns gegangen sind.]

Am heutigen Fest Allerheiligen stellen wir uns hinein in diese große Gemeinschaft der Heiligen: dankbar und Gott bittend, dass ihr Vorbild auch uns in unserem Glauben stärkt. Und wir gedenken am Nachmittag unserer Verstorbenen mit Blumen, Kränzen und Gebeten an den Gräbern – kleine Zeichen der Verbundenheit und der Dankbarkeit. Die beiden Festtage Allerheiligen und Allerseelen sagen uns: Der Blick in den Himmel ist offen. Die Heiligen erinnern uns, dass der Himmel jetzt schon über uns aufgespannt ist und dass unser Glauben und Leben Ziel und Erfüllung findet bei Gott, der uns erlöst hat, der uns auf unserem Lebensweg begleitet und am Ende „alles in allem“ sein wird.