Gedanken von Bischof Benno Elbs zum 400. Todestag des hl. Fidelis von Sigmaringen.

Schon als Kind haben mich die Heiligen fasziniert. Ihre Lebensbeschreibungen sind oft abenteuerlich und atemberaubend, oft aber auch ganz schlicht und einfach. Heilige sind keine langweiligen Kopien, keine Nachahmer des immer schon Bekannten, sondern allesamt Originale und als solche in ihrer Zeit lebendige Kommentare des Evangeliums. Unter ihnen sind große Frauen und Männer, Königinnen und Könige, Päpste, Gelehrte – Menschen, die Geschichte geschrieben und deren Gang beeinflusst haben. Unter ihnen sind aber auch viele unscheinbare Persönlichkeiten, die nur in bestimmten Regionen verehrt werden. Manche sind bekannt für ihre Strenge und Askese, ihren tiefen Glauben und ihre Nächstenliebe, andere wiederum für ihren Humor, der bisweilen an Schlitzohrigkeit grenzt.

Einer in dieser schier unendlich großen Schar der Heiligen ist Fidelis von Sigmaringen. Er ist der zweite Patron unserer Diözese, der Stadt Feldkirch sowie der Juristinnen und Juristen. Vor genau 400 Jahren, am 24. April 1622, wurde er mitten in den Auseinandersetzungen von Reformation und Gegenreformation ermordet.

Sein Lebensthema: Gerechtigkeit

Fidelis, der mit seinem bürgerlichen Namen Markus Roy hieß, war eine Person, die nicht einfach zu fassen ist. Seine Großzügigkeit sowie sein liebevoller Umgang mit den Armen zeichneten ihn ebenso aus wie sein kompromissloser, bisweilen ins Fantische umschwenkender Glaubenseifer. Fidelis ist ein Heiliger ohne klare, eindeutige Botschaften. Und dennoch entdecke ich in seiner Biographie ein großes Thema, das ihn sein ganzes Leben begleitet hat: nämlich Gerechtigkeit. Als studierter Jurist war Fidelis jemand, der für Recht und Gerechtigkeit stand und dies durch sein Handeln verwirklichen wollte. Im Grunde hatte sein sensibles Gerechtigkeitsempfinden und Unrechtsbewusstsein auch einen maßgeblichen Anteil an seinem Entschluss, in den Orden der Kapuziner einzutreten. Die Misswirtschaft und Korruption nämlich, die er während seiner zivilen Tätigkeit als Advokat erlebte, trieben ihn dazu, nach Antworten zu suchen und sich neu zu orientieren. Diese Antworten fand er im Evangelium. Dort ist von einer Gerechtigkeit die Rede, die nicht nur denen zuteilwird, die ohnehin schon privilegiert sind oder die es sich, wie man so schön sagt, selber irgendwie richten können. Gottes Gerechtigkeit gilt allen Menschen, in erster Linie aber den Armen und Kranken, den Verfolgten und Vertriebenen, den Schwachen und Armen im Geiste: kurz allen, die Jesus in seiner Bergpredigt seligpreist. Fidelis war den Bedürfnissen der Armen gegenüber nicht immun, sondern ließ sich ihre Situation zu Herzen gehen.

Vermächtnis der Nächstenliebe

Wo es keine Gerechtigkeit gibt, herrscht Willkür. Ich erinnere mich an eine Erzählung des verstorbenen Innsbrucker Bischofs Reinhold Stecher, der während des Naziregimes mehrmals verhaftet und verhört wurde. Später hat er immer wieder erzählt, dass die bedrückendste und niederschmetterndste Erfahrung weniger das Eingesperrt-Sein war, sondern das Wissen, dass man keine Rechte hatte und mit Haut und Haaren der Willkür der Staatsgewalt ausgeliefert war.

Mit Blick auf aktuelle Kriege und Auseinandersetzungen wie auch auf die gesellschaftlichen Gräben, die die Pandemie hinterlässt, bin ich überzeugt: Frieden ist nur dort möglich, wo wir Menschen uns nicht als Konkurrenten oder Feinde, als Andersgläubige und Andersdenkende gegenüberstehen, sondern wo wir uns als eine Menschheitsfamilie begreifen. Der hl. Fidelis selbst stand als Kind seiner Zeit inmitten vieler gesellschaftlicher Risse und religiöser Spannungsfelder. Bei all den Auseinandersetzungen ging es ihm in erster Linie um die Bedürfnisse der Armen und Notleidenden. Nicht zuletzt an dieses große Vermächtnis der Nächstenliebe möchten die vielen Vorträge, Ausstellungen und Gottesdienste, die zum 400. Todestag des hl. Fidelis stattfinden, erinnern.

Bischof Benno Elbs