Nach Einschätzung von UNICEF profitiert ein Großteil der mehr als 414 Millionen Kinder und Jugendliche in Indien kaum vom anhaltenden Wirtschaftsboom und technologischen Fortschritt. Trotz vieler Fortschritte im letzten Jahrzehnt ist nach wie vor die Hälfte aller Kleinkinder mangelernährt. Hintergründe zum Sternsinger - Beispielprojekt REEDS in Indien.

Vefasst von Georg Bauer

Jährlich sterben mehr als zwei Millionen an Infektionen wie Masern oder Tetanus, die durch Impfungen und bessere Hygiene verhindert werden könnten. Gleichzeitig sind in vielen Bundesstaaten extreme Benachteiligung von Mädchen, frühe Heirat und Kinderarbeit an der Tagesordnung.  

In Indien lebt jedes fünfte Kind der Welt. Doch trotz wachsendem Wohlstand fehlen vielen Mädchen und Buben grundlegende Dinge zum Überleben und zu ihrer Entwicklung. Von 100 heute in Indien geborenen Kindern

  • existieren 65 offiziell gar nicht, weil sie keine Geburtsurkunde haben,
  • werden sechs bis sieben ihren ersten Geburtstag nicht erleben,
  • wird nur jedes zweite gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten geimpft,
  • werden fünf an den Folgen von Mangelernährung sterben,
  • werden nur 25 die Grundschule erfolgreich abschließen.

Kinderarbeit in der südindischen Baumwollindustrie

Im südindischen Bundesstaat Andhra Pradesh arbeiten rund 200.000 Kinder in der Baumwollindustrie. Besonders die Mädchen sind beliebte Arbeitskräfte, weil sie geschickt und fügsam sind. Elf, zwölf Stunden täglich verbringen sie auf dem Feld – eine anstrengende und wegen des starken Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln auch gefährliche Tätigkeit. Zur Schule gehen die wenigsten.

Andhra Pradesh ist eines der Zentren der indischen Baumwollindustrie. Viele Familien hier sind Angehörige der niedrigsten indischen Kasten und völlig verarmt. Für die zahlreichen Kleinbauern sind Saatgut und Pestizide sehr teuer, bei Missernten haben sie oft keinerlei Reserven. Andere Familien besitzen überhaupt kein eigenes Land und schlagen sich als Tagelöhner durch. Ihre Kinder arbeiten oft schon als Sechsjährige auf den Baumwollfarmen – die meisten unter sklavenähnlichen Bedingungen, in sogenannter Schuldknechtschaft leben. Ihre Familien haben sich bei den Landbesitzern Geld leihen müssen und als Gegenleistung die Arbeitskraft ihrer Kinder zugesagt. Während der Hochsaison werben Zwischenhändler sogar Mädchen aus entfernten Dörfern an. Sie leben dann monatelang in vom Arbeitgeber bereitgestellten Unterkünften – Willkür und Missbrauch oft schutzlos ausgeliefert.

Kein Schulbesuch, gesundheitliche Gefahren

Fast alle Kinder, die in der Baumwollindustrie arbeiten, haben die Schule abgebrochen oder sind gar nicht erst eingeschult worden. Die meisten haben keine Vorstellung von den gesundheitlichen Gefahren, denen sie auf dem Feld ausgesetzt sind: Baumwollfarmer setzen eine Vielzahl von Pestiziden ein. Beim mühevollen von Hand Kreuzen der Baumwoll-Saaten atmen die Kinder die Gifte ein oder nehmen sie über die Haut auf. Viele leiden unter Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Hautausschlägen oder Atemnot. Doch die große Mehrheit der Kinder hat keinerlei Zugang zu medizinischer Behandlung. Die meisten würden es auch nicht wagen, sich krank zu melden. Denn wer nicht zur Arbeit kommen kann, erhält kein Geld mehr.

Gefahren in den ersten Lebensjahren

Für Kinder in Indien sind Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung, Durchfall, Masern und Tetanus bis heute die größte Gefahr. Zwar sank die Sterblichkeitsrate bei Säuglingen in den letzten 30 Jahren etwa um die Hälfte. Doch noch immer sterben mehr als 6 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr, weil sie nicht geimpft wurden, die Eltern gefährliche Erkrankungen zu spät erkannten oder keine medizinische Hilfe erreichbar war. 2004 waren nur 61 Prozent aller Kinder gegen Masern geschützt – eine der häufigsten Todesursachen. Ein weiterer Grund für die hohe Kindersterblichkeit ist die schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren in den Dörfern: Alle vier Minuten stirbt eine Frau aufgrund von Komplikationen während Schwangerschaft oder Geburt.

Mangelernährung – Alltag in indischen Dörfern

Jedes dritte untergewichtige Kind der Welt lebt in Indien, Mangelernährung ist in Indien weiter verbreitet als in Afrika südlich der Sahara. Chronische Mangelernährung ist eine der Hauptursachen für Todesfälle bei Kindern und beeinträchtigt die gesamte geistige und körperliche Entwicklung von Millionen Jungen und Mädchen. Fast die Hälfte aller Kinder unter drei Jahren ist als Folge chronisch unzureichender Ernährung zu klein für das Alter, drei Viertel aller Kinder dieser Altersgruppe leiden unter Anämie.

400.000 Kinder jährlich sterben an Durchfall

Ähnlich schwerwiegende Folgen hat die schlechte Versorgung vor allem der ländlichen Haushalte mit sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen. Nur ein Drittel der Bevölkerung hat Zugang zu einer hygienischen Latrine oder Toilette. Gleichzeitig haben nur drei Viertel der Landbevölkerung sicheres Trinkwasser, in einzelnen Bundesstaaten sogar deutlich weniger. Die Folgen: Jedes Jahr sterben etwa 400.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Durchfall. Millionen Kinder erkranken mehrmals im Jahr an Durchfall oder leiden an Hepatitis A, Wurmerkrankungen sowie Infektionen der Augen und der Haut.

Mädchen – Menschen „zweiter Klasse“

Zwar ist die Rate der Frauen, die lesen und schreiben können, in den letzten fünf Jahrzehnten von unter 10 auf heute 45 Prozent gestiegen. Doch weiter bleiben Millionen Mädchen von Bildung ausgeschlossen. Insgesamt gehen rund 20 Prozent aller indischen Kinder zwischen 6 und 14 Jahren nicht zur Schule. Der Grad der Benachteiligung von Mädchen schwankt selbst innerhalb einzelner Bundesstaaten. So gibt es im Staat Maharashtra Metropolen wie Mumbai, in denen 17 Prozent der Frauen Analphabeten sind, und ländliche Provinzen mit einer Analphabetenrate bei Frauen von 54 Prozent. Viele Mädchen, die die Schule abbrechen, müssen sich in das Heer der arbeitenden Kinder einreihen. Sie leisten harte Arbeit – von täglich mehr als vier Stunden Mitarbeit im Haushalt bis hin zur Ausbeutung in der Teppichindustrie oder in Steinbrüchen.

Gezielte Abtreibung weiblicher Föten trotz gesetzlicher Verbote und die Vernachlässigung der Mädchen bei Gesundheitsversorgung und Ernährung schlägt sich auch im Zahlenverhältnis zwischen Mädchen und Jungen nieder. So ist die Zahl der Mädchen pro 1.000 Jungen unter sechs Jahren auf 927 gesunken. Jahr für Jahr „fehlen“ so Hunderttausende Mädchen, weil sie vor der Geburt abgetrieben wurden oder schon früh starben.