Es hat sich Wut und Unverständnis aufgestaut. Es ist jetzt eine Weile her, seitdem junge Mädchen in Österreich aus ihrem Alltag gerissen wurden. Wir, die Katholische Jugend und Jungschar, fragen uns: Wie kann es sein, dass eine gut integrierte und schon 12 Jahre in Österreich lebende Familie aus dem Sozialstaat Österreich geschmissen wird? Wo bleibt da die Menschlichkeit? Wo bleiben die Kinderrechte?

Auch Jugend- und Jungscharseelsorger Fabian Jochum nimmt dazu Stellung:
„Ich kenne und verstehe das Argument, dass hier gemäß der Rechtslage gehandelt worden ist. Doch es genügt nicht, zu fragen: ‚Was sagt das Recht?‘, sondern wir müssen uns auch fragen: ‚Was steht an Werten und Prinzipien hinter unserem Gesellschafts- und Rechtssystem? Worauf ist alles begründet?‘ Als Priester und Theologe bin ich selbst überzeugt (das wird niemanden überraschen), dass unser System mit den Werten, dem Recht und nicht zuletzt der Sozialstaat ganz wesentlich von christlichen Traditionen geprägt ist.
Meine Haltung ist, nicht mit erhobenem Zeigefinger andere zu belehren, sondern das, wovon ich von meinem persönlichen Glauben her und auch als Vertreter der Kirche überzeugt bin, offen in den Dialog einzubringen. Das tue ich auch im Gespräch mit Politikerinnen und Politikern aus meinem Bekannten- und Freundeskreis. Und so frage ich mich: Was bedeutet ‚Sozialstaat‘ und was ist uns der soziale Zusammenhalt und weltweite Solidarität wert?


Ich erinnere daran, dass die christliche Soziallehre auch in der Geschichte mancher Parteien (vor allem, aber nicht nur der ÖVP) wichtig waren. `Solidarität` und `Gemeinwohl` gehören zu den Prinzipien der christlichen Soziallehre genauso wie `Subsidiarität`. `Subsidiarität` bedeutet, dass es verschiedene Ebenen gibt, dass Fragen dort behandelt und entschieden werden sollen, wo die direkt Betroffenen sind. Was heißt ‚Subsidiarität‘ im Falle eines Mädchens, das keinen Bezug zu Georgien hat, aber in einem Umfeld von Nachbarn und Mitschülern integriert ist? Ein humanitäres Bleiberecht, gerade auch durch Einbindung der vor Ort Betroffenen, entspräche diesem Prinzip der Subsidiarität.
Der entscheidende christliche Wert ist die Nächstenliebe. Wenn wir in der Bibel nachlesen, ist es völlig eindeutig: Es gibt keine Nächstenliebe im Sinne der Bibel mit Eingrenzungen, sie gilt im Gegenteil gerade den Menschen auf der Flucht, den ‚Ausländern‘, den Heimatlosen und Notleidenden aller Art. Natürlich ist Politik andererseits immer auch ein Kompromiss, die ‚Kunst des Möglichen‘. Es braucht Regelungen und Recht, aber auch die Reflexion auf die Werte und humanitäres Handeln in einzelnen Fällen. Zurecht sagen viele: Nur Nächstenliebe, das ist ein naiver Traum. Aber wir brauchen eine Politik, die realistisch und bodenständig ist und den Traum von einer besseren Welt im Auge behält.“