Laut der UN Kinderrechtskonvention haben Kinder Recht auf Schutz. Das Kindeswohl steht dabei im Mittelpunkt, das heißt, dass Kinder mit ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten wahrgenommen und respektiert werden.

Kommt es zu Gewalt, ist dieser Schutz nicht mehr gegeben. Viele Formen der Gewalt haben mit einem Machtgefälle zwischen Menschen zu tun. Ein natürliches Machtgefälle ergibt sich bereits, wenn Erwachsene und Kinder aufeinandertreffen. Kinder benötigen den Schutz und die Unterstützung von Erwachsenen, um im Leben klar zu kommen. Werden die psychischen und physischen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen wiederholt und auf Dauer nicht oder nicht ausreichend befriedigt, dann kommt es zur Vernachlässigung. Eine Form von Gewalt, die lange nicht bemerkt wird und meist schleichend verläuft. Vernachlässigung führt zu einer anhaltenden Unterversorgung und hat zur Folge, dass die Entwicklung der Kinder gehemmt wird. Ein sechsjähriges Kind, das auf einem Musikfest um 22 Uhr, ohne Schuhe und Jacke auf der Suche nach Essen ist und nicht weiß, wo sich seine Bezugspersonen aufhalten, könnte von Vernachlässigung betroffen sein. Neben der Vernachlässigung gibt es die physische, psychische, sexualisierte und spirituelle Gewalt. Im digitalen Zeitalter sind wir auch mit Gewalt in den Medien konfrontiert.

Physische Gewalt

Physische Gewalt wird auch als körperliche Gewalt bezeichnet. Dabei werden andere Personen körperlich geschädigt, zum Beispiel: durch schütteln, schlagen, treten, stoßen, würgen, ohrfeigen, mit Gegenständen werfen, an den Haaren ziehen oder wenn mit Zigaretten Verbrennungen zugefügt werden. Ebenso wenn jemand verletzt oder erkrankt ist, und entsprechende Hilfe unterlassen wird. Körperliche Gewalt wirkt sich auch emotional aus. „Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet“ oder der „Füdlatätsch“ sind und bleiben physische Gewalt, wenn sie ausgeführt werden.
Beispiele für physische Gewalt: zwei Kinder streiten in der Jungscharstunde, sie ohrfeigen sich und ziehen sich an den Haaren. Mutproben können zu physischer Gewalt führen, wenn Schmerzen, Scham oder Ekel überwunden werden sollen. Beispiele: über Kohlen laufen müssen, Finger in eine brennende Flamme halten, eklig zusammen gemischte Getränke trinken, Alkohol trinken müssen oder Brennnesseln angreifen müssen. Bei Mutproben haben Jugendliche von sich aus das Gefühl, dass sie etwas beweisen müssen. Werden sie bei Mutproben zu sehr von anderen Gleichaltrigen bearbeitet und unter Druck gesetzt, kann das als psychische Gewalt oder emotionale Misshandlung definiert werden.

Psychische Gewalt

In den Kinderschutzrichtlinien der Katholischen Jungschar Österreich wird folgendes Verhalten als psychische Gewalt benannt: Wenn Menschen andere ablehnen und ihnen vermitteln, dass sie ungeliebt, minderwertig und wertlos sind. Weiters zählen „Beschimpfungen, Erniedrigung, Isolierung, rassistische Äußerungen, seelisches Quälen, emotionales Erpressen, absichtliches „Angst machen“, anhaltende Abwertung über Familienmitglieder und die Befriedigung eigener Bedürfnisse auf Kosten der Kinder und Jugendlichen dazu. Das tatenlose Zusehen bei Mobbing und Cyber-Mobbing wird ebenso in die Kategorie psychische Gewalt eingeordnet. In vielen Sommerlagern gab es die Tradition von Gruselgeschichten oder ganze Erzählabende, die dazu führten, dass Kinder Angst hatten. Weiters gab es auch Nachtgeländespiele, die mit den Erzählungen noch spannender gemacht worden sind und dazu führten, dass Kinder in der Dunkelheit Angst hatten. Wird ein Kind ausgelacht, da es weniger Bälle als andere fangen kann bzw. langsamer ist als andere, kann das eine Form von psychischer Gewalt sein, da es sich weniger wertgeschätzt fühlt als andere.

Spirituelle Gewalt

Die spirituelle Gewalt oder geistiger bzw. geistlicher Missbrauch ist eine Form von psychischer Gewalt. Die Kinderschutzrichtlinien der Katholischen Jungschar Österreichs betonen die Wichtigkeit der Auseinandersetzung und Achtsamkeit gegenüber dieser Gewaltform im kirchlichen Kontext. Geistlicher Machtmissbrauch „wird ausgeübt, wenn mittels religiöser Inhalte oder aufgrund der Position einer Person in der Kirche (als geistliche Autorität) Druck ausgeübt oder Angst gemacht wird.“ Geistlicher Machtmissbrauch verhindert das Wachsen im Glauben. Durch Angst, Drohung oder Vermittlung eines negativen Gottesbildes wird er sogar geschwächt und moralische Forderungen führen zu Schuldgefühlen. Bei geistlichem Machtmissbrauch stellt sich ein Mensch über Gott. Die Person gibt an, den Willen Gottes für die andere Person am besten zu kennen, besser als die Person selbst. Somit wird der Person die Fähigkeit zur eigenen Meinung und zur Selbstbestimmung abgesprochen.

Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt unterliegt nach wie vor noch mehr der gesellschaftlichen Tabuisierung, als andere Formen der Gewalt. Bei sexuellem Missbrauch bzw. sexualisierter Gewalt plant eine erwachsene Person, Vertrauen und Autorität auszunützen, um sich mit dem Missbrauch sexuell zu erregen. Bei sexualisierter Gewalt wird die Grenze und Würde verletzt, und sie passiert nie zufällig. Die Intensität sexualisierter Gewalt kann mit der Zeit zunehmen. Beginnen kann das mit „Kitzelspielen“, Kindern beim Waschen zuschauen, verbale sexuelle Belästigung durch Sprache oder Atmosphäre, Kinder auf den Schoß setzen, sie nicht altersgemäß über Sexualität aufklären, angreifen oder angreifen lassen der Geschlechtsbereiche bis hin zur Vergewaltigung. Sexuelle Übergriffe finden sowohl zwischen Erwachsenen, zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen, und auch zwischen Kindern und Jugendlichen untereinander statt.

Gewalt in den (sozialen) Medien

Mit dem Fortschritt der Digitalisierung in unserem Alltag hat sich eine weitere Form von Gewalt gebildet. Die Gewalt in den Medien wird in eine aktive und in eine passive Form eingeteilt. Die passive Form besteht, wenn Videos mit Gewaltinhalten konsumiert werden. Dabei sind es nicht nur Horrorfilme, Filme ab 18 oder Pornos, sondern häufig versteckt sich die Darstellung von Gewalt schon in Zeichentrickserien für Kinder, in lustigen Videos auf Youtube oder in Musikvideos und -texten. Starte einen Selbstversuch, in dem du einen Zeichentrick von 5 bis 10 Minuten ansiehst, drücke auf Pause und stoppe kurz, wenn jemand Gewalt ausübt oder sich gegenüber anderen nicht ordentlich benimmt. Du kommst drauf, dass du häufig stoppen wirst müssen. Die aktive Form betrifft das Ausüben von Gewalt mit der Hilfe von Medien, also wenn zum Beispiel Fotos oder Videos mit bloßstellendem Inhalt veröffentlicht werden. Beispiele dazu: eine Schlägerei am Schulhof wird gefilmt und in sozialen Netzwerken gepostet. Cybermobbing ist ebenso ein Thema. Dazu ist noch ein extra Artikel in dieser Ausgabe zu finden.

Maria Hämmerle, KJJS, ARGE Gewaltschutz

Dieser Artikel erschien im anstösse. Die komplette Ausgabe findest du hier.