Premiere: Zum ersten Mal stehen Jugendliche im Mittelpunkt einer Weltbischofsynode im Vatikan. Vom 3. bis 28. Oktober, also drei Wochen lang wird zum Thema „Jugend, Glaube und Berufungsunterscheidung“ getagt. Das alles hört sich vor allem für Vertreter/innen der Jugend vielversprechend an. Fabian Jochum, Jugend- und Jungscharseelsorger und Nadin Hiebler, Leiterin der Jungen Kirche Vorarlberg, sprechen über ihre Sicht auf die Jugendsynode.

Das Interview führte Corinna Peter


Wieso hat Papst Franziskus die Jugendsynode überhaupt einberufen?

Nadin: Papst Franziskus schrieb in seinem Brief an alle Jugendlichen, dass er sie "ins Zentrum des Interesses" rücken wolle. Es geht Papst Franziskus aber nicht nur darum, Jugendliche (katholische und nicht-katholische übrigens) zu hören, zu erfahren was sie denken und brauchen, sondern vor allem auch darum zu erfahren, wie die Kirche sie im Leben und Glauben begleiten kann. Daher auch der Titel "Die Jugendlichen, der Glaube und die Erkenntnis der Berufung".

Fabian: Es war der logische nächste Schritt im ganzen Programm von Papst Franziskus. In seinem ersten Rundschreiben (Enzyklika), das den Titel „Freude des Evangeliums“ („Evangelii gaudium“) trägt, hat er jeden einzelnen Christen und jede Christin eingeladen, „noch heute seine (oder ihre) persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen.“ (Evangelii gaudium 3). Die letzten beiden Synoden (2014 und 2015) haben sich mit der Familie befasst („Amoris laetita“ – „Die Freude der Liebe“ hieß dann das entsprechende Dokument). Jetzt sind die jungen Leute „dran“. Wer soll neu anfangen, Jesus Christus zu suchen und den Glauben zu erneuern, wenn nicht die Jungen?


Ist es nicht eh schon zu spät, da die meisten Jugendlichen nichts mehr mit der Kirche anfangen können?

Nadin: Es ist nun einmal so: Die Kirche ist nicht wirklich dafür bekannt, die neuesten Trends rasant umzusetzen. Ich finde es deshalb umso wichtiger, dass Papst Franziskus ein Zeichen setzt und neue Wege geht. Jugendliche waren bisher noch nie so im Fokus einer Synode oder eines vergleichbaren Gremiums. Nach den Familiensynoden ist es der nächste wichtige Schritt auch Jugendlichen Gehör zu verschaffen. Vor allem finde ich interessant, dass im Vorfeld der Synode 300 Jugendliche aus der ganzen Welt eine Woche lang nach Rom eingeladen wurden - katholische und nicht-katholische, um gemeinsam die Synode vorzubereiten.

Fabian: Einerseits stimmt es: Es ist „zu spät“, viele jungen Leute sind schon so weit weg, dass sie sich schon gar nicht mehr dafür interessieren, was die Kirche sagt. Es ist ihnen egal und sie nehmen gar nicht wahr, dass sich die Bischöfe in Rom gerade mit ihnen befassen. Andererseits: Der frühere Abt von Einsiedeln, Martin Werlen, hat gesagt, es ist in der Kirche nicht „fünf vor zwölf“, sondern „fünf nach zwölf“. Was passiert, wenn es „fünf nach zwölf“ ist? Die alte Zeit ist abgelaufen, es beginnt eine neue Zeit. Die aktuelle Situation bietet sehr oft auch die Chance, ganz neu anzufangen. Dazu will uns auch Papst Franziskus ermutigen.
Und Bischof Stefan Turnovsky, der österreichische Jugendbischof, der gerade bei der Synode ist, hat in einem Interview mit dem KirchenBlatt gesagt: „Die Jugendlichen sind nicht verpflichtet, unsere Art und Weise, Kirche zu leben, fortzuführen. Sie haben das Recht, Kirche auf ihre eigene Art zu leben.“ Heute Morgen haben wir bei uns im Büro der Jungen Kirche gesagt, an diesem Punkt sind wir schon seit Jahren. Aber es ist schön und ermutigend, dass das jetzt auch ein Bischof so deutlich sagt.


Wo sind die Schwerpunkte innerhalb der Synode gesteckt?

Fabian: Das Vorbereitungsdokument hatte den Titel „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung“. Die Synode hat also keinen dogmatischen Ansatz („top down“ – wir sagen was und die Leute sollen es befolgen), sondern einen praktischen oder pastoralen: Was bewegt die jungen Menschen („bottom up“). Wie leben junge Menschen heute den Glauben? Welche Wege gehen sie, auch im Sinne des theologischen Begriffs „Berufung“ (Gott hat einen Traum und einen Ruf für jeden Menschen – nicht etwa nur für kirchliche Berufswege wie Priester oder Ordensschwester), wie treffen sie die Entscheidungen, was sie leitet und was für sie wichtig ist?


Inwiefern haben Jugendliche Mitspracherecht?

Fabian: Abgestimmt wird von den Bischöfen. Es sind aber junge Leute mit dabei, sogenannte „Auditoren“ ohne Stimmrecht. Viele Bischöfe haben sich aber schon im Vorfeld beraten lassen und ganz breit Feedback und Stellungnamen eingeholt. Der österreichische Jugendbischof wird von einigen Mitarbeitern der Katholischen Jugend und von den neuen geistlichen Bewegungen begleitet. Ich selber bin Ende Oktober mit meinen Schüler/innen in Rom und hab vom Büro des Jugendbischofs das Signal bekommen, dass er sich auch mit unserer Gruppe treffen möchte. Er möchte sich mit allen Jugendlichen aus Österreich, die während dieser Zeit in Rom sind, treffen. Also: Die Jugendlichen werden gehört – auch wenn vom Prozedere einer so großen Versammlung her, die Möglichkeiten begrenzt sind.


Wie läuft die Jugendsynode ab? Was passiert mit den Resultaten?

Nadin: Im Jänner 2017 wurde ein Vorbereitungsdokument zur Synode gemeinsam mit einem Brief vom Papst an alle Jugendlichen (damit angesprochen wurden die ca. 16-29 Jährigen) veröffentlicht. Es gab einen Online-Fragebogen für alle Jugendlichen (gläubig oder nicht) und natürlich auch Arbeitsaufträge an die Bischofskonferenzen. Außerdem wurden 300 Jugendliche aus aller Welt zur Vorsynode nach Rom eingeladen um Papst Franziskus ihre Sicht der Dinge mitzugeben.
Nach der Synode heißt es voraussichtlich erst einmal warten. Die Beratungsergebnisse der Synode werden von Papst Franziskus durchgearbeitet und anschließend verfasst er eventuell ein Apostolisches Lehrschreiben. Grundsätzlich kann der Papst mit den Ergebnissen aber machen, was er will.


Mit welchen Hürden hat die Jugendsynode zu kämpfen?

Fabian: Es wäre schön, wenn eines Tages die Mitsprache der Jugendlichen auf einer Jugendsynode noch intensiver und auch verbindlicher werden könnte. Und dann natürlich: Die berechtigte, ob es nicht schon „zu spät“ ist.
Und dann: Das erschütterte und zerstörte Vertrauen durch die Missbrauchsfälle, die uns momentan überall wieder schmerzlich bewusst werden.


Welche Verantwortung hat die Kirche gegenüber jungen Menschen?

Fabian: Junge Menschen verdienen es, dass sie ein ehrlich gemeintes, authentisches und selbstloses Zeugnis der frohen Botschaft von der Kirche bekommen. Es gehört respektiert, dass sie ihre eigenen Wege. Wir schulden ihnen ehrliche Antworten auf ihre Fragen. Manchmal sagen junge Leute zu mir: „ich trau mich fast nicht fragen, aber ich möchte das und das von dir wissen…“ Ich sage dann immer, du darfst alle Fragen stellen.Ehrlichkeit und Authentizität, Aufrichtigkeit und Freude am Dienst für junge Menschen. Nur so kann das erschütterte und zerstörte Vertrauen (wieder) wachsen.



Glaubt ihr, dass sich durch die Resultate der Synode Kirche offener gestalten lässt?

Nadin: Wir hoffen es. Warum? Papst Franziskus forderte in seiner Eröffnungsrede "nicht nur ein Dokument, das üblicherweise von wenigen gelesen, aber von vielen kritisiert wird", sondern sehr konkrete Vorschläge für seelsorgerliche Initiativen. Er wünscht sich ein "Rendezvous mit der Zukunft", in der es möglich ist, dass Jugendliche sich (von der Kirche) verstanden fühlen und aufblühen können. Außerdem wünscht sich Papst Franziskus ein Aufbrechen von Klischees und Vorurteilen, damit der Dialog zwischen den Generationen offen möglich wird. Diese Appelle des Papstes stimmen mich hoffnungsfroh.

Fabian: Letztlich ist es aber doch auch so, dass wir hier vor Ort schon mit manchem neuen anfangen müssen und es auch wirklich tun. Wir können nicht nur darauf warten, was in Rom beschlossen wird…


Was erhoffst du dir als Leiterin der Jungen Kirche Vorarlberg/Jugendseelsorger von der Jugendsynode?

Nadin: Dadurch, dass Papst Franziskus erstmals die Jugend ins Zentrum der weltweiten kirchlichen Aufmerksamkeit setzt, ist schon ein erster wichtiger Schritt gemacht worden. Jugendliche werden von der Kirche gehört und ernst genommen. Die Kirche stellt sich wichtige Fragen: Was beschäftigt junge Menschen, woran glauben Jugendliche und wie kann die Kirche sie dabei unterstützen? Natürlich wünsche ich mir, dass das von Papst Franziskus geforderte „Rendezvous mit der Zukunft“ stattfindet. Eine Kirche, die Jugendlichen nicht nur zuhört, sondern ihnen auch genügend Entfaltungsspielraum bietet, sie auf dem eigenen Glaubensweg begleitet und unterstützt – diese Vision gefällt mir.

Fabian: … aber ein paar neue Anregungen und Ermutigungen aus Rom (bzw. aus aller Welt, woher die Synodenteilnehmer kommen), erhoffe ich mir. Meine Schülerinnen und Schüler haben auch manchmal gute Ideen. Vielleicht hört ja Bischof Stephan Turnovsky auf sie und bringt ihre Stimme in die Synode ein.
Ich wünsche mir außerdem, dass Papst einen „Geistesblitz“ hat und ein pointiertes und geistreiches Abschlussdokument aus den Resultaten der Synode macht. Welchen Titel es tragen wird? Ich weiß es nicht, aber wenn man die Titel seiner bisherigen Schreiben betrachtet, wird es irgendwas mit „Freude“ – „Frohe Botschaft“ und „Liebe“ sein.

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