Thomas Stubler Arbeitet beim Kriseninterventionsteam (kurz KIT). Er gibt einen Einblick in seine Arbeit.

Ein ganz normaler Sonntagnachmittag. Er sitzt auf dem Bett in seinem Zimmer und schaut Youtube am Handy, die Eltern sind im Wohnzimmer und die Schwester ist mit Freundinnen unterwegs.
Es klingelt an der Haustür, er nimmt kaum Notiz davon. Ein paar Augenblicke später ein verzweifelter Schrei seiner Mutter. Er wirft das Handy aufs Bett, stürzt aus seinem Zimmer und bleibt nach ein paar Schritten wie angewurzelt stehen.
Im engen Flur stehen Mama und Papa, zwei Polizisten und zwei Frauen in grünen Jacken. Mama hält sich die Hände vors weinende Gesicht und schluchzt laut. Papa steht seltsam versteinert daneben, noch die Fernbedienung in der Hand. Aus dem Wohnzimmer hört man leise den Kommentator eines Fußballspiels im Fernsehen.
Papa dreht sich ganz langsam, wie in Zeitlupe zu ihm um und sagt fassungslos mit leerem Blick jene vier Worte, die sein Leben für immer verändern: „deine Schwester ist tot.“

Die andere Seite
Ein ganz normaler Sonntagnachmittag. Sie sitzt mit ihrem Mann und ihrer Tochter am Esstisch bei Kaffee und Kuchen, im Fernsehen läuft Fußball.
Plötzlich ein schrilles Piepsen auf der Kommode, ihr Pager schlägt Alarm. Sie hat heute KIT-Bereitschaft. Hastig wischt sie sich mit der Serviette über den Mund und liest die Nachricht am kleinen Display des Pagers: „weiblich, 16 Jahre, tödlicher Mopedunfall, Überbringung der Todesnachricht“.
Seit so vielen Jahren schon ist sie im Kriseninterventionsteam aktiv, aber eine Meldung wie diese lässt sie dennoch nicht kalt. Ein kurzer Schauer fährt ihr durch die Glieder. Sie atmet tief durch, sammelt sich und setzt das übliche Procedere in Gang: ein Anruf bei der Leitstelle um erste Infos einzuholen, dann kontaktiert sie ihre KIT-Kollegin, die heute mit ihr Bereitschaft hat. Danach streift sie sich die grüne Einsatzjacke über, verabschiedet sich von ihrem Mann und ihrer Tochter und verlässt das Haus.
Nachdem sie sich mit ihrer KIT-Kollegin auf dem Polizeiposten getroffen hat und alle wichtigen Informationen eingeholt wurden, machen sich die beiden Frauen in ihren grünen Jacken mit zwei Polizisten auf den Weg zur Wohnung der betroffenen Familie.
Sie stehen vor der Haustür. Der Polizist schließt kurz die Augen und schluckt, bevor er die Klingel betätigt. Sie weiß: Jetzt, in dieser Sekunde ist die Welt hinter der Tür noch in Ordnung. Doch sobald sich die Türe öffnet, wird für die Menschen dahinter nichts mehr so sein wie es war. Dann wird der Polizist zu einer fassungslosen Mutter jene vier Worte sagen, die ihr Leben für immer verändern: „Ihre Tochter ist tot.“
Und sie und ihre KIT-Kollegin werden für die Familie da sein.

Das KIT
Es sind Situationen wie diese, in denen die rund 90 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vorarlberger Kriseninterventionsteams (KIT Vorarlberg) zum Einsatz kommen. Nach traumatischen Ereignissen wie plötzlichen Todesfällen oder schweren Unfällen leisten sie psychosoziale Akuthilfe – oder anders formuliert: Erste Hilfe für die Seele.
Die KIT-Mitarbeiter/innen stehen den Betroffenen bei, hören einfühlsam zu und fangen die Emotionen und den Schmerz in den ersten Stunden nach einem Schicksalsschlag auf. Sie versuchen quasi ein Leuchtturm zu sein.
Ein Leuchtturm, der felsenfest in der tosenden Brandung steht, der dem größten Sturm trotzt, der den höchsten Wellen standhält und der mit seinem Licht auch die finsterste Dunkelheit ein wenig zu erleuchten vermag.
Okay, vielleicht ein etwas schwülstig beschriebener Vergleich… Es geht einfach darum, dass in Vorarlberg niemand alleine sein muss, wenn ihn eine furchtbare Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft. Die KIT-Mitarbeiter/innen sind da. Jederzeit. Rund um die Uhr stehen regionale 2er-Teams im ganzen Land in Bereitschaft.
Alarmiert werden die Teams per Pager von der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle. Pro Jahr wird KIT Vorarlberg zu 200 bis 230 Einsätzen gerufen.

Mithelfen
Das nötige Knowhow für diese Betreuungseinsätze, die auch für die Helfer/innen selbst sehr belastend sein können, erlernt man in der KIT-Ausbildung. Alle zwei bis drei Jahre wird ein Ausbildungslehrgang angeboten, der Lehrgang dauert knapp vier Monate und man muss mindestens 25 Jahre alt sein um teilnehmen zu können. Die nächste Ausbildung findet voraussichtlich im Jahr 2021 statt – Details dazu und weitere Infos zu KIT Vorarlberg gibt’s online auf www.kit-vorarlberg.at

Thomas Stubler
KIT

 

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