Kann man an etwas glauben, das wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann? Ist der Glauben die Wahrheit? Oder haben Wahrheit und Glauben nichts miteinander zu tun? Wir waren im Kloster auf der Suche nach antworten auf diese Fragen.

Fr. Maurus aus der Zisterzienserabtei
Wettingen-Mehrerau

Am heutigen Gebhardstag sind mein inzwischen ehemaliger Novizenmeister und Ich den „Ich-Bin-Weg“ hinauf zur Wallfahrtsstätte Maria Bildstein gepilgert als Dankeswallfahrt zur Ewigen Profess an Mariä Himmelfahrt des heutigen Jahres.
Auf diesem Weg musste ich die ganze Zeit an den ersten Satz aus dem Johannesevangelium nachdenken: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14,6)

„Ich bin die Wahrheit“

Jesus behauptet von sich, die Wahrheit zu sein. Doch was ist heute – in Zeiten von Corona – noch überhaupt wahr? Was kann ich wissen, was überhaupt stimmt? An den Verschwörungstheoretikern und „Corona-Kritikern“ lesen wir eine Sache ab: man zweifelt. Dass an Corona gezweifelt werden darf, das kann ich nicht nachvollziehen: in der Mehrerau hat es im April diesen Jahres mehrere Corona-Fälle gegeben, auch ich war davon betroffen.

Es kann von einer Sache nicht zwei Wahrheiten gleichzeitig geben, die quasi nebeneinander koexistieren. Auch der Ausspruch: „Ich habe meine Wahrheit, und du die deine!“ ist in meinen Augen ein großes Problem: Was ist heute noch wahr? Woran kann ich mich festhalten?

Jesus sagt, er ist die Wahrheit. Wo ist dann Jesus? Der Hl. Augustinus sagt, dass man in sein eigenes Herz hineinhören soll, um dort Gott zu finden. Der Hl. Benedikt, unter dessen Regel ich nun seit fast fünf Jahren zu leben versuche, schreibt als den ersten Satz seiner genau diesen Regel: „Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meister, neige das Ohr deines Herzens.“ Die Weisung des Meisters hört der Mönch täglich in der Hl. Messe, im privaten Gebet, aber auch in der Hl. Schrift. Der Hl. Ignatius von Antiochien sagte einmal: „Die Heilige Schrift nicht kennen heißt: Christus nicht kennen.“  In genau diesem Buch, dass heutzutage unberechtigt als „Sex- und Gewaltbuch“ verschrien wird, „das verboten gehört“, sehen wir die Menschheit in ihrer Geschichte, die auf dem Weg zu Gott ist, der sie geschaffen hat, ein Volk, das von Gott abweicht und dann durch die Propheten und Gerechten zurückgeholt wird auf den richtigen Weg.

Im Glauben die Wahrheit zu suchen heißt also: Jesus kennen. Jesus kennenzulernen bedeutet also: die Heilige Schrift kennenlernen und lesen.

Ich habe mit einigen Kolleginnen und Kollegen aus der Hochschule eine WhatsApp-Gruppe zum gemeinsamen Bibellesen gestartet. Ich finde diese Idee einfach großartig. Jeder schickt in die Gruppe jeden Tag ein Zitat aus einem der zu lesenden Stellen, das ihm oder ihr am meisten gefallen bzw. sie oder ihn am meisten angesprochen hat und teilt dies mit den anderen in der Gruppe. Mich hat das persönlich mehr zum Bibellesen motiviert und ich kann es jedem raten, der Lust und Laune hat, in einer Gruppe Bibel zu lesen. Gemeinsam.

Doch zurück zur Wahrheit im Glauben: das lateinische Wort für Glauben, „credere“, hat eine zweite, für mich wichtige Bedeutung: vertrauen. Die Kirche hat mit ihrem Vertrauensverlust auch den Glaubensverlust der Gesellschaft, der ohnehin schon vorhanden war, verstärkt und z.T. berechtigt. Viele verlassen die Kirche(n), weil sie sie nicht mehr als vertrauenswürdig ansehen, weil sie nicht das leben, was sie predigen.
Jesus wirkt heute noch im Hl. Geist in der Kirche weiter. Christus lebt, durch den Heiligen Geist, der durch uns, seine Jüngerinnen und Jünger, weiterlebt und -wirkt. Die Kirche und ihre Mitarbeiter/innen, besonders die im Ordens- und Klerikerstand, müssen im Geist Jesu leben, ihn ständig vor Augen haben, im Gebet verharren und ihre Nächsten lieben, nur dann können sie langsam Vertrauen wieder aufbauen. Auch das habe ich mir als junger Ordensmann, der durch den Vertrauensverlust auch in unserem eigenen Haus belastet ist, zum Ziel gesetzt: in Christus zu leben, der dem Menschen nicht schaden will, sondern ihn zu sich ruft, zum ewigen Leben.

Für mich ist Christus wahrlich die „Wahrheit“, weil ich in meiner eigenen Berufung, der ich durch meine Gelübde nachleben darf, bestätigen kann, dass Gott in meinem Leben gewirkt hat. Ich lade dich gerne dazu ein, dich selbst zu fragen, was Gott von dir will und im Vertrauen auf ihn zu leben.

Ich wünsche dir für deine Beziehung mit Christus, der die Wahrheit ist, viel Kraft, aber auch Freude.

Schwester Rosi von den Klaraschwestern:

Glauben heißt: nichts wissen!?

Ich stecke eine Bohne in die Erde. Zwei Wochen später schiebt sich ein kräftiger Keimling aus dem Boden. Zwei Monate später genießen wir ein leckeres Bohnengericht. – Gottesbeweis ist das keiner. Und doch ein Beweis für die Kraft des Lebens. Ein anderes Beispiel: ich reiße die Trichterwinden aus dem Rosenbeet, zugegebener Maßen mit einer gewissen Portion Wut, oder sollte ich sagen Verzweiflung… Zwei Wochen später wachsen sie wieder nach. Ein kleines Stück Wurzel, das in der Erde bleibt genügt und das Leben geht weiter. Hier begegnet mir die Zähigkeit des Lebens, an so viel Widerstandskraft kann ich mir nur ein Beispiel nehmen. - Ich muss nicht an die Kraft des Lebens glauben, aber ich kann meine Sinne öffnen und sie wahrnehmen. Wenn ich das Leben wahrnehme wie es ist, dann bin ich auch in Kontakt mit Gott, der in allem ist. Leben heißt werden und vergehen. In der Natur begegnet mir beides. Das, was vergeht wird zu Erde und wird aufgenommen von dem, was lebt. Ich selbst bin Teil davon. Und ich vertraue, dass auch mein Werden und Vergehen ins Leben einmündet. So wie ich jetzt schon ganz mit der Kraft des Lebens verbunden bin. Die Kraft des Keimlings steckt auch in mir. Ich kann das nicht wissenschaftlich beweisen, aber ich erlebe diese Kraft und ich vertraue ihr. Glauben heißt für mich: Ich weiß, dass ich nichts weiß, denn mein Geist ist viel zu begrenzt, als dass ich das Wunder des Lebens erklären könnte. Glauben heißt für mich: Wahr-nehmen: Ich nehme wahr, dass ich lebe und vertraue auf die Kraft des Lebens.
Es ist Deutung, aber für mich steckt hinter dem Leben, so wie es ist, Gott. Gott der Schöpfer.
Und dann gibt es da auch ganz konkrete Erfahrungen, hinter die ich nicht zurück kann, so wie wenn man als Kind auf die Herdplatte greift: das ist heiß. Da kann man hinterher nicht sagen, es ist nichts gewesen. So gibt es auch innere Erfahrungen, die keiner Deutung bedürfen. Die Erfahrungen sind Geschenk, man kann sie nicht festhalten. Aber die Erinnerung bleibt und die Wirkung auf den Alltag. Gott ist und ich verdanke meine Lebendigkeit SEINER Gegenwart.

Dieser Artikel erschien im anstösse.