Leere, Einsamkeit, Kargheit, ausgetrocknetes Land. Die Wüste ist nicht unbedingt ein Ort, an dem man sich gern und lange aufhält. Und doch: Auch in einer Wüste kann Neues entstehen. Oft vergisst man, dass auch so große Religionen wie das Judentum und das Christentum ihren Ursprung in der Wüste haben. Der Auszug aus Ägypten war für das Volk Israel zwar eine Befreiung aus Knechtschaft und Sklaverei, jedoch führte der Weg zunächst nicht in ein paradiesisches Tal voll Quellen und Früchten, sondern – eben – in die Wüste. 40 Jahre Wanderschaft durch unwirtliches Gebiet standen bevor.

Dürres, lechzendes Land

Wohl auch deshalb ist dem biblischen Gottesglauben die Sehnsucht nach Oasen oder nach dem Land, in dem Milch und Honig fließen, eingeschrieben. Und vielleicht stammt daher auch die starke Sensibilität der Religionen für die Verwüstungen, die wir Menschen einander und nicht zuletzt auch unserer Mutter Erde antun. Ein Blick in die Psalmen, das große Gebetbuch Israels, kann das bestätigen: „Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele. Nach dir schmachtet mein Fleisch wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.“ (Ps 63,2) Die Bilder dieses jahrtausendealten Gebetes verbinden sich mit der Realität der letzten Sommer: Hitze, Dürre, Wassermangel – die Auswirkungen der Klimakrise sind vor unserer Haustür angekommen. Und so liest sich Psalm 63 auch wie der Aufschrei eines dürren, ausgebeuteten Landes, dem das Wasser fehlt zum Blühen und Gedeihen.

In der ersten Reihe

Im Gebet wächst die Verantwortung füreinander und für die Schöpfung. Beten zielt auch auf Verhaltensänderungen ab. Das Hören auf Gottes Wort macht es möglich, dass wir uns von Gier und Egoismus, die Welt und Umwelt gleichermaßen zerstören, verabschieden. Im Glauben an Gott steckt offenbar eine unbändige Widerstandskraft, die sich mit der gegenwärtigen Not nicht abfinden möchte. „Unsere Schwester Erde schreit auf“, hat Papst Franziskus in seiner prophetischen Enzyklika Laudato si‘ geschrieben. Vor allem junge Menschen hören diesen Schrei. Sie reden uns allen ins Gewissen und erinnern uns an unsere eigene Verantwortung. Die Jugendlichen von heute sind die Erben jener Welt, die wir ihnen hinterlassen. Als Christinnen und Christen müssen wir in der ersten Reihe stehen, wenn es darum geht zu schützen, was wir lieben und was uns von Gott anvertraut wurde. Helfen wir alle gemeinsam mit, dass die Zukunft unseres Planten und von Gottes Schöpfung nicht in einer Wüste endet, sondern zu einer Welt führt, in der alle Menschen gut und gerne leben können: miteinander und im Einklang mit der Natur.

Bischof Benno Elbs

Dieser Artikel erschien im anstösse zum Thema "Viele kleine Schritte".

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