Leitartikel von Karl Bitschnau im November Treffpunkt 2019

Sie ist am Ziel ihrer Lebensreise angekommen. Oder: Er ist in der ewigen Heimat angekommen. Diese Bilder verwenden wir manchmal, um auf die Glaubensgewissheit hinzuweisen, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang ist. Ankommen setzt voraus, dass wir auf ein Ziel hin unterwegs sind. Und kaum sind wir irgendwo angekommen, zieht es uns weiter. So geht es uns ein Leben lang. Rainer Maria Rilke verwendete dafür das Bild der „wachsenden Ringe“ und Hermann Hesse spricht von „Lebensstufen“ und Räumen, die wir durchschreiten. Wir sind bei uns angekommen, wenn wir den letzten Ring geschafft und den letzten Raum durchschritten haben.

Offensichtlich sind wir als Menschen auf Entwicklung angelegt. Stillstand bedeutet Rückschritt. Selbst wenn wir es uns ganz gemütlich eingerichtet haben, kommt früher oder später der innere Ruf, sich weiter zu bewegen, weiter zu reifen. Eine Missachtung dieses Rufs endet in Frustration und Lebensunzufriedenheit. Glücklich kann sich nennen, wer die Erfahrungen auf seiner Lebensreise, die guten wie die schlechten, in sein Leben integrieren und ihm einen Sinn abgewinnen kann. Dennoch: wer sich weiterbewegt, muss etwas zurücklassen. Das fällt meist schwer und kann weh tun. Doch wer sich weiterbewegt, wird oft feststellen, dass das neu Gewonnene das Zurückgelassene übersteigt.

Auch der Advent ist ein Ankommen. Adventus Christi: Die Ankunft Christi. Jesus Christus kommt an. Um biblisch genau zu sein: er ist schon vor rund 2000 Jahren angekommen. Manche haben ihn erkannt und sich auf ihn eingelassen, andere nicht. Wenn wir trotzdem jedes Jahr die Ankunft Christi, also den Advent feiern, dann um uns daran zu erinnern, dass er da ist. Der Advent ist die Anfrage, ob und wie sehr wir uns auf ihn und damit auf Gottes Ruf einlassen wollen.

Die Adventszeit ist die Vorbereitung auf die Ankunft.
Schließlich soll ein Gast, den wir sehnlich erwarten, spüren, dass er bei uns willkommen ist und dass wir bereit sind, uns auf ihn einzulassen. Wir machen uns innerlich und äußerlich bereit, den Gast zu empfangen. Und weil dieses Sich-Einlassen nicht ein einmaliger Akt ist, bedarf es der Wiederholung. Jahr für Jahr.

So gibt es also diese beiden Bewegungen: den inneren Ruf nach Entwicklung und Reifung. Und die Bewegung Gottes auf uns zu, der bei uns ankommt, wenn wir ihn nur einlassen. Spätestens wenn wir ganz bei Gott angekommen sind, sind wir auch bei uns selbst angekommen.

Karl Bitschnau