Im Pfarrsaal Bruder Klaus in Dornbirn wippen die Füße und zwar im Takt der live gespielten Gitarrenmusik. Neugierige Blicke huschen im Raum umher, während sich ein paar letzte Gäste einen Platz im Sitzkreis suchen. Erwartungsvolle Stille legt sich über den Raum und dann ist es Zeit. Zeit für einen „Richtungswechsel“.

Isabell Natter

An alle „Visionäre, Querdenker, Revoluzzer, und solche, die all das noch werden wollen“, heißt es in der Einladung zu dem alternativen Gottesdienst. Gefeiert werden soll fernab von Kirchenbänken und alten Vorurteilen, statt Predigten durch Musik und Impulse, statt Monolog im Miteinander.

Warum die Richtung wechseln?

Alfons Meindl, Pfarrkoordinator von Haselstauden und Mitbegründer des „Richtungswechsel“-Projektes weiß warum. Er erinnert sich an früher: „Als ich ungefähr achtzehn Jahre alt war, schleppte mich mein Vater wie jeden Sonntag in die Nickelsdorfer Kirche. Zum geschätzten hundertsten Mal saß ich in der harten Kirchenbank, starrte müde auf die regungslosen Hinterköpfe der anderen KirchgängerInnen und fragte mich: Was soll ich eigentlich hier? Wo ist die Begeisterung für Gott, wo ist die Bewegung?“

 Seit 2017 experimentieren Meindl und eine Handvoll Freiwillige an einer Alternative. „Den ersten 'Richtungswechsel'-Gottesdienst besuchten damals circa 30 Leute, was schön war. Aber nach der Lesung kam es zu einer langwierigen und hitzigen Diskussion, die fast den ganzen Abend beansprucht hat. Das war schade. Während unseres Gottesdienstes darf sich jede/r gerne zu Wort melden, nur zu einem Streitgespräch soll es nicht kommen. Das Feiern der Gemeinschaft steht im Vordergrund.“

Gesagt getan

In der Mitte des Sitzkreises liegen Bilder aus. Die Teilnehmenden stehen auf, sehen sich die Bilder an und wählen eines aus. Danach wird erzählt, hier liegt die Betonung auf dem Kann, nicht dem Muss.

Ein älterer Herr macht den Anfang und erzählt anhand seines Bildes von seinem unglücklichen Tag. Danach meldet sich eine junge Mutter zu Wort und spricht von ihrer Tochter, die Au-Pair in England macht und großes Heimweh hat. Zuletzt ertönt die feine Stimme einer älteren Dame, die das Bild einer Türe hochhält und von ihrem Wunsch erzählt, ihr Herz wieder mehr zu öffnen.

Und plötzlich fühlt man mit, schickt den Erzählenden Mitgefühl, Trost und gute Wünsche entgegen. Man spürt Verbundenheit und Nächstenliebe, nicht, weil man in einer Predigt von Außen dazu ermahnt wurde, sondern weil man es in diesem Moment von Innen spürt.

Meindl fügt hinzu: „Die 'Richtungswechsel'-Gottesdienste sind ein Experiment. Wir möchten damit nicht andere Gottesdienste schlecht reden oder gar abschaffen, unsere Treffen richten sich einfach verstärkt an jene, die eventuell noch einen Fuß in der Türe des Glaubens haben, aber mit den alten Mustern nicht mehr können.“

Nach einer kurz gehaltenen Lesung und einer Nachbesprechung erklingen erneut die Gitarren. Es wird gesungen, neben altbekannten Gospelsongs dürfen hier auch Poplieder stehen. Wieder kommt Bewegung in die Menschen und in diesem Moment sieht man es am Boden des Sitzkreises ganz deutlich: Beim „Richtungswechsel“ verweilen nicht nur ein paar Füße mehr in der Türe des Glaubens. Hier wippen sie sogar im Takt.