Das Haus der Frohbotinnen in Batschuns hat neue Bewohner/innen. Es ist Zufluchtsort geworden, gibt Schutz und Wärme und ermöglicht Gemeinschaft. Vielleicht wird es auch zur zweiten Heimat.

Patricia Begle

Innerhalb von zwei Wochen musste alles vorbereitet werden: Bettzeug, Geschirr, Kleider- und Kühlschränke, Kochgelegenheiten. Das Büro ist nach wie vor ein Provisorium, Handwerker kümmern sich um Leitungen und Schreibtische.
„Es war stressig“, erzählen die beiden Frauen, die das neue Flüchtlingshaus leiten. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen mit: Luise Amon hat sie als Caritasmitarbeiterin in verschiedenen Flüchtlingshäusern gesammelt. Jasmin Angar ist vor ein paar Jahren selbst aus Afghanistan geflüchtet. Heute lebt sie als anerkannter Flüchtling in Feldkirch und ist mit ihren Sprachkenntnissen - sie spricht fünf Sprachen - für die Caritas von unschätzbarem Wert.

Information an Bürger/innen
Noch bevor die ersten Asylwerber einzogen, galt es, den Bedenken und Ängsten der Anrainer  zu begegnen. Im Rahmen eines Informationsabends konnten Mitarbeiter/innen der Caritas auf die Vorbehalte mit ihren persönlichen Erfahrungen antworten und die Ängste legten sich. Informationen zur Genfer Flüchtlingskonvention machten klar, dass sich das Land, und damit seine Bewohner/innen, seiner Verantwortung nicht entziehen kann.

Wartezeit
Seit Ende November ist das Haus mit Leben gefüllt. Männer, Frauen und Kinder aus Pakistan, Afghanistan, Tschadschikistan, Syrien und der russischen Föderation haben sich einquartiert und damit begonnen dem Alltag Gestalt zu geben. In den Monaten bis zur Asylbewilligung besuchen sie Deutschkurse, arbeiten im Rahmen des Projektes „Nachbarschaftshilfe“ und werden mit den Gepflogenheiten des Landes vertraut gemacht. Dazu gehört die Art der Begrüßung ebenso wie Pünktlichkeit oder Mülltrennung.

Aufgaben der Caritas
Zur Betreuungsarbeit der Caritas zählen neben der Sorge für die Grundausstattung auch die Organisation von Deutschkursen sowie die Vermittlung medizinischer, psychologischer und juristischer Beratung. Das macht den Alltag vielgestaltig, die Aufgaben reichen vom Organisieren eines schneetauglichen Kinderwagens über die Schulanmeldung einer Jugendlichen bis zur Durchführung von Hausversammlungen und Sitzungen des Anrainer-Rates. Bei einem Betreuungsschlüssel von 80:1 haben die Mitarbeiter/innen alle Hände voll zu tun.

Begegnungen
Trotz der räumlichen, finanziellen und rechtlichen Grenzen wird versucht, den Asylwerbenden das größtmögliche Maß an Selbstbestimmung zu gewähren. Die Eigenverantwortung für das Essen ist ein Beispiel dafür. Die Zutaten, die Zubereitung, das Essritual - sie bedeuten für die Flüchtlinge ein Stück Heimat. Gleichzeitig ist Essen jener Ort, an dem Begegnung stattfindet - über jede kulturelle Barriere hinweg.

KOMMENTAR

Der Ganzheit näher

Beim Nachschlagen des Wortes „Integration“ lese ich als erste mögliche Übersetzung: „Wiederherstellen eines Ganzen“. Die Bedeutung der Wortwurzel löst Verwunderung in mir aus. Fragen kommen daher nach verlorener Ganzheit, nach Lücken und Fehlendem. In Hinsicht auf die Integration von Menschen aus anderen Kulturen würde dies bedeuten, dass mit ihnen Fehlendes ergänzt und unsere Gesellschaft damit der Ganzheit näher käme.

Mir kommt dazu gleich das Beispiel der Esskultur in den Sinn. Während diese in unseren Breitengraden vielfach der Fastfood- und Fertiggerichte-Unkultur Platz gemacht hat, kommt dem Kochen und Essen in vielen Ländern eine zentrale Bedeutung zu. Wenn wir uns hier eine Scheibe abschneiden würden, wäre das sicher ein Gewinn.

Oder der Umgang mit der Zeit. Während wir uns dem Diktat der strengen Zeiteinteilung fast völlig unterworfen haben und schon Kinder unter vollen Terminkalendern leiden, treffen wir in anderen Kulturen auf einen ganz anderen Umgang mit dem kostbaren Gut. Auch hier können wir lernen.

Überhaupt bringen Menschen aus anderen Ländern eine Fülle von Lebensentwürfen mit und zeigen, dass unser „Familie-Haus-Auto-Urlaub-Konzept“ nicht das einzige ist. Für manch Einheimischen wären andere Lebensziele wohl eine Entlastung. So heißen wir denn Flüchtlinge nicht nur um ihretwillen willkommen, sondern auch um unsertwillen. Und tun wir alles, damit die Menschen aus der Ferne uns näher kommen, damit wir zu einem größeren Ganzen zusammenwachsen. Patricia Begle