Predigt von Pastoralassistentin Nora Bösch in Dornbirn St. Martin am 26. Jänner 2014

1 Kor 1,10-13.17. Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther: Ich ermahne euch, Brüder und Schwestern, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung. Es wurde mir nämlich, meine Brüder, und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus - ich zu Apollos - ich zu Kephas - ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird.

Der erste Brief des Apostels Paulus an die Korinther - aus ihm haben wir in der Lesung gehört. Paulus schreibt ihn in Ephesus um das Jahr 53 nach Christus. Eineinhalb Jahre hatte er in Korinth gelebt und dort eine Gemeinde gegründet. Korinth war in der Antike eine sehr wichtige Handelsstadt und auch eine Weltstadt. Schätzungsweise 100.000 Menschen lebten dort. Durch die zwei Häfen gab es einen blühenden Handel, und das Theater wies auf eine hochstehende Kultur hin. In der Bevölkerung gab es viele soziale Schichten und verschiedene Religionen. Und auch für ihre Sittenlosigkeit war die Stadt bekannt. Nach einem Tumult verließ Paulus die Stadt und ging nach Ephesus. Mit der von ihm gegründeten Gemeinde blieb er aber weiterhin verbunden. Doch dort entstanden nach kurzer Zeit Probleme. Neben inhaltlichen Fragen, die aufgekommen waren, stand bald die eine wichtige Frage im Raum: Auf wen sollen sich die Christen berufen? Auf Paulus? Auf Apollos? Auf Petrus?

Diese Streitfrage kam Paulus zu Ohren, und er schrieb seinen ersten Brief. „Duldet keine Spaltungen unter euch.“ Die Christen sollen eines Sinnes sein. Sie sollen am gleichen Strang ziehen. Sie sollen eins sein. Sie sollen nicht verschiedenen Predigern nachlaufen, die ihnen alle etwas anderes erzählen. Sie sollen sich auf ihre gemeinsame Mitte, Christus, berufen. In den 2000 Jahren der Geschichte des Christentums hat dieser Aufruf des Paulus nichts an Aktualität eingebüßt. „Duldet keine Spaltungen unter euch“. Wie viele Spaltungen, auch unter Christen, haben zu Kriegen geführt, zu Neid und Eifersucht, zu Trennung untereinander. Daran erinnert besonders die Weltgebetswoche zur Einheit der Christen, die wir diese Woche begangen haben. Wie viele Jahre haben die christlichen Kirchen mehr auf ihre Unterschiede als auf ihre Gemeinsamkeiten geschaut. Und Spaltungen reichen hinein bis in unsere eigenen Pfarren. Gerade jetzt, im Zugehen auf den Seelsorgeraum in Dornbirn, wird dies spürbar. Die Unsicherheit, was das Neue bringen wird, macht Angst: Angst, wer dann für die eigene Pfarre als Seelsorger da ist. Angst, wie es mit den eigenen Finanzen weiter geht. Angst, ob die eigene Spiritualität weiter gelebt werden kann. Angst, was alles verloren geht. Angst und Unsicherheit… So viel anders sind unsere Fragen heute nicht als damals in Korinth. Welcher Meinung sollen wir folgen? Welchen Stimmen vertrauen? Den Zuversichtlichen, den Skeptischen, den Argwöhnischen, den Hoffnungsvollen, …

Und so stellt Paulus seine Frage auch an uns heute: Auf wen beruft ihr euch? Was ist eure gemeinsame Mitte? Paulus sagt: Diese Mitte ist Christus. Wenn Menschen sich auf diesen Mittelpunkt hin orientieren, dann kommen sie sich auch selber näher. Nicht von heute auf morgen, aber langsam, mit der Zeit. Dazu braucht es viele kleine Schritte - Schritte, die jede Pfarre für sich gehen muss. Es darf nicht mehr nur darum gehen, das „eigene“ zu verteidigen, darauf zu schauen, was mir selber für die eigene Pfarre am liebsten wäre. Wenn wir so fragen, wird etwas Gemeinsames nicht entstehen können. Wenn wir so fragen, wird es Spaltungen geben, nicht gemeinsames Leben. Denn wenn das Gemeinsame, das Verbindende, Christus, nicht mehr im Mittelpunkt des Interesses steht, dann gibt es keine Gemeinde mehr, dann hört Gemeinde auf, Gemeinschaft zu sein. Manches wird nicht mehr sein, von manchem wird Abschied nötig. Gottesdienstzeiten werden sich verändern. Die Priester werden nicht mehr nur für eine Pfarre zuständig sein. Manches Angebot der eigenen Pfarre wird es nicht mehr geben. Für diese Veränderungen, die auf uns zukommen, braucht es viel Offenheit, viel guten Willen, viel Mut, viel Vertrauen, viele Gespräche. Gehen wir auf diese Veränderungen in unserer Kirche zu mit dem Wort des Paulus, der uns zur Einheit ermahnt, und mit der Gewissheit, dass Christus und sein Weg unsere gemeinsame Mitte sind.