Leitgedanken von Hubert Feurstein aus dem Pfarrblatt Ausgabe 6 Juli / August / September 2018

Eine Wesenshandlung eines Menschen „ist nicht da, wenn sie nicht bis in die Spannung der Augenmuskeln und bis in den Auftritt der Fußsohle da ist“. Martin Buber (Zwiesprache) 

Pilgern - eine spirituelle Übung 

Seit alters ist Pilgern in vielen religiösen Traditionen eine spirituelle Übung. Pilger machen sich auf den Weg, um sich wandeln zu lassen, neue Orientierung zu bekommen. Sie sehnen sich danach, sich neu verbinden zu lassen mit der göttlichen Quelle in ihrem Inneren. Jesus Christus ist für uns Christen der Brunnen, durch den sich die göttliche Quelle für uns aufgetan hat. „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ (Joh 4,14) 

Im Körper sein 

Das Pilgerziel, sakrale Räume, Gebete, biblische Texte, all dies sind bedeutende spirituelle Impulse für Pilger. Darüber hinaus bietet das bewusste Gehen in einer bestimmten Haltung die Möglichkeit spirituellen Übens. Das Naheliegende des Körpers wird leicht übersehen. Der Körper aber ist das primäre Medium der Selbstwahrnehmung und die erste Sprache des Menschen. Durch den Körper begreife ich, wer ich bin und teile ich mit anderen, was ich bin. „Der Körper ist eine heilige Wirklichkeit. An der Wurzel des christlichen Glaubens steht die Erfahrung: ‚Der Logos ist Fleisch geworden.’ (Joh 1,14; 1 Joh 1,1) Wenn Gott durch den Körper zu uns kam, dann sollten wir uns durch den Körper auf Gott zu bewegen. Wenn Gott uns im Körper begegnet ist, dann sollten wir Gott im Körper begegnen. Der Körper ist der ‚Tempel des Heiligen Geistes’ (1 Kor 6,19). Der Körper ist das ursprüngliche Sakrament: der ursprüngliche Ort der Gott-Mensch Begegnung.“ (Sebastian Painadath) 

Dass die ganzheitliche Sicht des Menschen auch dem jüdischen Verständnis vom Menschen entspricht, zeigt uns obiges Zitat von Martin Buber. Wenn es um das Wesentliche beim Menschen geht, dann steht der Körper mit im Zentrum der Aufmerksamkeit. Körper, Seele, Geist sind nicht zu trennen. Eine seelische Stimmung, eine geistige Einstellung ist auch körperlich

vorhanden, in Muskelspannung, Haltung, Bewegung, Ausdruck. Die Körperhaltung eines Menschen hat mit seiner Lebenshaltung zu tun. Die Atmung mit der aktuellen seelischen Befindlichkeit. Körperliches Üben wirkt sich geistig und seelisch aus. Das ist die große Chance des Pilgers. Mit der Gehbewegung kommt der Mensch in all seinen Dimensionen – in seiner Ganzheit – in Bewegung.

Auf den Boden kommen

Die Gehbewegung hilft den Bezug zum Boden zu verbessern, wieder auf den Boden (der Wirklichkeit) zu kommen, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Sie hilft in die Aufrichtung zu kommen, dem Leben bewusst Richtung zu geben, sich der Schwerkraft gewahr zu werden und in ein bewusstes Zusammenspiel mit ihr zu kommen. Der Pilger kann sich in der Erfahrung des Gehens bewusst werden, dass er nicht in der Luft hängt, sondern zum Leben einen Boden unter die Füße bekommen hat. Nach den Schöpfungserzählungen im Buch Genesis hat ihn Gott selbst gemacht und gegeben. Und er gibt diesen Boden auch heute, Schritt für Schritt.

Sich von der Atmung beleben lassen

Die Gehbewegung des Pilgers führt zu einer vertieften, zu einer befreiten Atmung. Der Pilger atmet durch und atmet auf. Die Atmung, die buchstäblich das Leben ist, auch sie ist – wie der Boden – von Gott gegeben. „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“ (Gen 2,7) Gott gibt die Atmung auch heute, Atemzug für Atemzug. Über die bewusste Atmung kann sich der Pilger bewusst werden, dass er aus Gott lebt und mit allem verbunden ist. Er ist untrennbar mit den Bäumen verbunden, die den für jeden Atemzug unerlässlichen Sauerstoff zur Verfügung stellen, ja mit der ganzen Schöpfung. Der Pilger spürt, dass die Atmung ein heiliges Geschehen ist. Gott, „der allen das Leben, den Atem und alles gibt. ... in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“. (Apg 17,25-28)

Der Körper ist ein spiritueller Schatz. Diese Entdeckung können Pilger und Pilgerinnen machen, wenn sie sich auf die Reise begeben. Ein Aufbruch lohnt sich, im Vertrauen darauf, neu geworden zurückzukehren.

Buch mit 42 Übungen: Hubert Feurstein, Pilgern. Die unerlässliche Reise um anzukommen wo man ist. Wien 2006. Ibera Verlag