Leitgedanken von Christine Bertl-Anker aus dem Pfarrblatt Ausgabe 6 Juli / August / September 2019.

Viele Einzelheiten kommen mir in den Sinn, wenn ich an das religiöse Leben in unserer Familie denke – die abendlichen Adventfeiern um den Küchentisch, das Lesen und Beten vor dem Schlafen, die Kirchenbesuche, das Krippenschauen in der Weihnachtszeit, das Ostergebäck, Geschichten aus dem Alten Testament erzählen,  den Namenstag feiern, das Agathabrot und Lichtmess... Jetzt sind die Kinder erwachsen und aus dem Haus – bis auf die Jüngste und auch sie eilt mit großen Schritten auf die Selbständigkeit zu. Ich frage mich – Was ist geblieben von dem ganzen? Trägt es für die Zukunft? Meine Kinder lassen mit der Antwort nicht lange auf sich warten. Eines von ihnen hat die Kirche bereits verlassen, ein zweites ist auf dem Absprung...

Die Welt ist im Wandel
und mit ihr die Gesellschaft, dass Klima und auch die Kirche. Wissen wir, was unsere Kinder und Jugendlichen brauchen, um gerüstet zu sein für die Zukunft?
Wir ahnen es zumindest – es ist vor allem Stabilität in ihrem nächsten Umfeld. Dazu gehören -  die Zuverlässigkeit der Eltern oder eines Elternteiles, ein sicherer Ort, wo sie einschätzen können was geschieht oder ausbleibt, elterliche Orientierungshilfe und zugleich Reibebaum, eine positive und zuversichtliche Weltsicht der Erwachsenen und nicht zuletzt vorgelebtes und selbst empfundenes Mitgefühl. Wo Eltern nicht da sein können, tun sich andere Türen auf.

Intuitiv spüren wir,
dass eine Welt, die aus den Fugen geraten ist und gleichzeitig noch nie so klein war wie heute, ein neues Bewusstsein braucht, das weit über Nation, Kontinent, Religion oder Volksgruppe hinausreicht. Vielmehr geht es um die Zugehörigkeit zur großen Menschheitsfamilie. Gerade das ist auch ein Aspekt, den uns Jugendliche heute zeigen … und es ist wichtig, ihnen dabei zuzusehen und zuzuhören. Sie haben Freunde in der ganzen Welt und wollen sich nicht auf Kulturen, Religionen und Glaubenssätze beschränken lassen. Und das mit Recht! Ihr Fokus liegt auf dem Verbindenden und nicht wie bisher auf dem Trennenden. Sie bauen Brücken, sie suchen eine gemeinsame Sprache, sie bemühen sich um  Dialog, um Verständnis und Interesse füreinander. Das können sie, wenn unser Blick auf sie ein respektvoller und achtsamer war. Und damit ist bereits angesprochen, was ich heute als ausschlaggebend erachte.

Nicht Erziehung,
sondern Beziehung steht im Vordergrund. Nicht autoritäre Forderungen, sondern Vorleben. Das ist  herausfordernd. Sie brauchen die spirituelle Entwicklung von uns Erwachsenen. Sie brauchen unser ganzes Gegenwärtig-sein. Das bedeutet für uns – in die Stille gehen, das Meditieren lernen, der Ablenkung trotzen und ganz da sein. Teresa von Avila hat dies schon im 16. Jhd. ausgedrückt: Es ist töricht zu denken, dass wir den Himmel betreten werden ohne in uns selbst einzutreten. Wir dürfen etwas tun, was uns die Religion nie gelehrt hat, nämlich zu uns selbst finden. Unsere Lebensaufgabe ist es, die zu werden, die wir immer schon sind. Keine einfache Aufgabe ... aber da kommt noch ein ganz inspirativer Moment dazu. Bei der Erzählung am Dornbusch (Ex 3) fragt Mose Gott, wie er heißt, und dieser antwortet: Ich bin, der ich bin. Was ist das anderes als das Ziel unserer Lebensaufgabe...

Jenen, die jetzt sagen,
wir sollen uns auf Gott ausrichten und nicht auf uns selbst, erwidere ich mit Überzeugung: Ein Mensch, der sich selbst nicht wertschätzt und liebt, kann auch Gott nicht wertschätzen und lieben. Wieviel in unseren Gedanken ist Selbstabwertung, Verurteilung? Das macht uns klein, starr, unbeweglich. Aber es geht um Verwandlung. Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir uns für die Welt wünschen, sagte schon Mahatma Gandhi. Und wir alle sind eingeladen das unsere zu tun:
Wenn ich mir weniger Kälte und Rücksichtslosigkeit wünsche, dann kann ich selbst empathisch sein und Mitgefühl zeigen. Wenn ich mir Gemeinschaft wünsche, kann ich selbst Gastgeberin sein. Wenn ich mir eine gute Zukunft für meine Kinder wünsche, kann ich selbst ein achtsames Leben führen.

Der langen Rede kurzer Sinn: Es reicht durch unser eigenes Leben unseren Kindern zu vermitteln, dass in ihnen eine unglaublich wertvolle, eine heilige innere Essenz da ist, die sie trägt, wenn sie darauf achten.