Wenn Sie das aktuelle Pfarrblatt der Kirche in Bregenz in der Hand halten, liegen fast drei Monate „Corona-Zeit“ hinter Ihnen. Vermutlich sind Sie in diesen Wochen auch schon durch Höhen und Tiefen gegangen und ich weiß nicht, wie es Ihnen jetzt gerade geht. Jede und jeder von uns erlebt diese kollektive Erfahrung doch auf ihre/seine ganz eigene Art.

Machen Sie sich noch Sorgen wegen einer Ansteckung oder fühlen Sie sich gesünder als vorher, weil Sie jetzt mehr Zeit hatten für Bewegung oder Gartenarbeit an der frischen Luft? Haben Sie zu wenig Arbeit oder Aufträge und finanzielle Sorgen oder spüren Sie das Glück einer gesicherten Arbeitsstelle mit geregeltem Einkommen? Hatten Sie mehr Zeit für sich selber oder mussten Sie Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen? Oder stecken Sie im Krisenmanagement fest und versuchen in diesen unplanbaren Zeiten sinnvolle Entscheidungen zu treffen? Wie ist es Ihnen gelungen, mit lieben Menschen in Kontakt zu bleiben? Haben Sie Verbundenheit gespürt oder Einsamkeit oder fällt Ihnen und Ihrer Familie zuhause die Decke schon auf den Kopf? Tragen Sie die Maßnahmen der Regierung mit oder spüren Sie in sich die Energie für Widerstand und Rebellion oder die Sehnsucht nach Diskurs?

Das alles erleben wir meistens nicht in einem „entweder-oder“ sondern oft in einem „dazwischen“ oder in einem Gemisch von „sowohl-als auch“. Und wenn mein Leben so eindrücklich und intensiv ist, kann ich mir kaum vorstellen, dass andere jetzt andere Erfahrungen machen. Die Diversität und die Unterschiede in unserer Gesellschaft, die es auch vorher schon gegeben
hat, werden jetzt deutlicher.

Und das trifft auch auf unser religiöses Leben und Erleben zu. Ist Religion und Glaube für Sie in dieser Zeit wichtiger oder unwichtiger geworden? Haben Sie mehr oder weniger gebetet? Haben Sie Gott näher oder ferner erlebt? Und wo war das genau? Haben Sie Hauskirche zu leben versucht und ist Ihnen das geglückt oder nicht? Wo haben Sie Impulse bekommen, die sie inspiriert und genährt haben? Per Mail, in der Zeitung, im Radio und Fernsehen, über social media oder im Internet? Haben Sie schon wieder einen Gottesdienst in der Kirche mitgefeiert? Wie haben Sie das erlebt? Oder haben Sie aufgrund der Einschränkungen darauf verzichtet?

In mir hat sich jedenfalls die Frage verstärkt: Was bleibt von der Kirche in Bregenz, wenn keine (oder nur eingeschränkte) Gottesdienste stattfinden? Bischof Benno weist darauf hin, dass der christliche Glaube mehrere Säulen hat. Besonders erwähnt er – neben dem Gottesdienst – das persönliche Gebet und die Nächstenliebe.

Ich stelle mir das ähnlich vor wie bei einem Fluss mit mehreren Seitenarmen. Wenn ein Zufluss für eine bestimmte Zeit verschüttet ist, speist sich das Gewässer aus den anderen Quellen. Auch im Bereich der Wirtschaft und Gesundheitsversorgung haben wir gelernt, dass die Abhängigkeit von einer einzigen Quelle in einer Krisenzeit zu Engpässen führen kann. Der Fluss des Christentums hätte nicht 2000 Jahre überlebt, wenn Gottes Geistkraft und Liebe nicht aus den verschiedensten Quellen sprudeln würde und sich – wenn ein Felssturz z. B. einen Seitenarm verschüttet – immer wieder neue Wege gesucht hätte.

Und das halte ich für lohnende Fragen im Blick auf diese Zeit, in der wir gerade leben:
Welche Wege sucht sich Gottes Geistkraft und Liebe heute in Bregenz?
Wo erfahren wir Segen – im Gebet, in konkreter Solidarität, im Teilen von Glauben und Leben? Und wo werden wir selber (und damit Gott durch uns) zum Segen für andere – im Gebet, in konkreter Solidarität, im Teilen von Glauben und Leben?

Denn Gottesdienst kann vieles sein, meint Simon Linder auf Twitter:

Einkaufen für Ältere ist Gottesdienst.
Einsame anrufen ist Gottesdienst.
Anlächeln ist Gottesdienst.
Hilfe anbieten ist Gottesdienst.
Eucharistiefeier ist Gottesdienst.
Zuhören ist Gottesdienst.
Nächstenliebe ist Gottesdienst.

Manches geht aktuell, manches geht aktuell nicht. Gar nicht so schlimm.
Ich wünsche Ihnen die Erfahrung solcher Segensorte in Bregenz!

Thomas Berger-Holzknecht, Pastoralamt, Entwicklung und Neuland