Mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, dem barmherzigen Vater und dem treuen Sohn stellt Jesus vieles in Frage.

Alle Zöllner und Sünder kamen zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber. (Lk 15,1f) Das nimmt Jesus zum Anlass und erzählt drei Gleichnisse, die alle auf dieselbe Botschaft hinzielen: Im Himmel herrscht mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren. (Lk 15,7) Was für eine Zumutung für jede religiöse Person, die sich um ein frommes und gerechtes Leben müht.

Die Erzählung vom Mann mit den zwei Söhnen (Lk 15,11-32) ist voller Dramatik und zieht mich immer wieder mitten in die Geschichte hinein:

  • Der Sohn, der sein Erbe verlangt, in die Fremde zieht und dort schließlich bei den Schweinen endet. – Mir gefällt der Mut, mit dem dieser Sohn sich auf ein Wagnis einlässt, seine eigene Komfortzone verlässt und das Risiko des Scheiterns eingeht. Was hat er wohl gewonnen, als ihm sein sicheres Erbe durch die Finger zerronnen ist?
  • Derselbe Sohn, der es wagt, zurück zu kehren und der die Verantwortung für sein Schicksal übernimmt. – Mich beeindruckt, wie der Sohn seine eigene Scham überwindet und zu einem Neuanfang aufbricht. Wie viel Hoffnung hat er dafür gebraucht?
  • Der Vater, der ihm voller Mitleid mit offenen Armen entgegen eilt und ein Freudenfest feiert. – Wunderbar, wie der Vater sich über die Rückkehr seines Sohnes freuen kann, ohne Vorwurf und bedingungslos. Woher kommt das unvernünftige Vertrauen in den Neuanfang eines Anderen?
  • Der treue Sohn, der sich voller Zorn von seinem Vater ungerecht behandelt fühlt. – Diese Reaktion ist für mich so nachvollziehbar. Schließlich hat er jahrelang verzichtet und alle Aufgaben brav erfüllt. Und dann das! Die Geschichte endet mit einem offenen Schluss. Wie wird sich der treue Sohn wohl verhalten?

Ich frage mich, was uns Jesus in diesem Gleichnis wohl über seinen himmlischen Vater sagen will? Sicher etwas über seine Bereitschaft, jede die/jeden der umkehrt, offenherzig in seine Arme zu schließen. Vielleicht lassen sich aber auch im Verhalten der beiden Söhne Anteile des göttlichen Geheimnisses entdecken: Wagemut und Risiko, Verantwortung im Scheitern, gerechter Zorn und – je nachdem, wie die Geschichte weiter gegangen ist - ….

Mag. Thomas Berger-Holzknecht
Gemeindeleiter Pfarre Mariahilf