Zuversicht ist eines unserer größten seelischen Potenziale, und wir brauchen ihre Kraft heute mehr denn je! Doch wie den Lebensmut zu bewahren, wenn wir uns in einer persönlichen Krise unsicher fühlen? Oder uns angesichts gesellschaftlicher Probleme überfordert erleben?

Auf den Punkt gebracht: Wie sich Zuversicht stärken lässt

Eines Tages kam ein Professor in das Seminar und schlug überraschend einen Test vor. Er verteilte das Aufgabenblatt, doch zur Verwunderung aller gab es keine Fragen – nur einen schwarzen, unregelmäßigen Punkt ungefähr in der Mitte der Seite. „Ich möchte Sie bitten, aufzuschreiben, was Sie auf dem Blatt sehen“, sagte der Professor. Die Studierenden waren verwirrt, begannen jedoch mit ihrer Arbeit. Nach einiger Zeit sammelte der Professor alle Antworten ein und begann sie laut vorzulesen. Alle hatten ohne Ausnahme den schwarzen Punkt beschrieben – seine Position in der Mitte des Blattes, seine Größe und Form usw. Nun lächelte der Professor und sagte: „Ich wollte Ihnen eine Aufgabe zum Nachdenken geben. Niemand hat etwas über den weißen Teil des Papiers geschrieben. Jeder konzentrierte sich auf den schwarzen Punkt – und das gleiche geschieht in unserem Leben.

Wir haben ein weißes Papier erhalten, um es zu nutzen und zu genießen, aber wir konzentrieren uns immer auf die dunklen Flecken.“ Die menschliche Wahrnehmung arbeitet unzuverlässig. Dazu gehört auch die einseitige Konzentration auf das Negative. Unser Gehirn beschäftigt sich wie von selbst vor allem mit den „dunklen Punkten“: Mit dem, was fehlt oder belastet – ein Konflikt, ein cholerischer Chef, gesundheitliche Beschwerden … – oder mit dem, was in Welt und Kirche schiefläuft.

Das Positive hingegen gerät, ähnlich wie das weiße Papier, schnell aus dem Blick. Der Negativfokus hat durchaus sinnvolle Gründe! Das Problem liegt in der Einseitigkeit. In der Folge erscheint die Wirklichkeit negativer als sie ist: gefährlicher, dunkler, schlechter, katastrophaler ... Und dies schwächt unsere Zuversicht. Es braucht Beides: den Blick auf das Negative und und Schwierige und die Aufmerksamkeit für das Positive und Mutmachende. Nur Letzteres gibt die Kraft und Zuversicht, wieder aufzustehen, wenn eine Situation uns in die Knie gezwungen hat. Die eigene Zuversicht zu stärken, beginnt also mit der Frage: Wie nehme ich die Welt wahr?

Praxistipp: Den Beginn des Tages gestalten

Um die Gewohnheit zu durchbrechen, sich vor allem auf das Problematische zu konzentrieren, kommt dem Tagesbeginn eine besondere Bedeutung zu. Jeder Morgen bietet die Chance, die eigene Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Mir persönlich hilft ein lyrischer Text des
Dichters Andreas Knapp, den ich mir jeden Morgen in Erinnerung rufe, indem ich ihn leise vor mich hinspreche.

In diesem Gedicht namens „Laudes“ heißt es:

wenn nach Schreckstunden des Dunkels
der Morgen die Augen aufschlägt
geh ihm singend entgegen
erwache ins Lob
und das Lob weckt dir die Welt
dass sie dir singe

Was die Zuversicht nährt Neben dem bewussten Blick auf die erfreulichen Seiten des Lebens – die es auch in Krisen noch gibt, speist sich Zuversicht auch aus manchen anderen Quellen. Dazu gehört:

  • (1) Tragfähige Beziehungen pflegen und für andere dasein.
  • (2) Wissen, was einem Freude macht und aus diesen Quellen tatsächlich schöpfen.
  • (3) Sich in der Natur aufhalten, besser noch: bewegen. Denn hier wird spürbar, was es heißt, lebendig zu sein.
  • (4) Sich an bewältigte Krisen erinnern, denn dies stärkt das Vertrauen in sich und die Fähigkeit, dem Leben gewachsen zu sein.
  • (5) Eine spirituelle Haltung pflegen, die mich wach werden lässt für die leise Gegenwart Gottes.

In verschiedenen Bildern drückt die Bibel die Hoffnung auf ein „Leben in Fülle“, ein „Leben in Gott“, auf Auferstehung aus. Wie diese Wirklichkeit aussieht, weiß niemand! Doch dass unser endliches Leben mit seiner Schönheit und seinem Schrecken im Unendlichen geborgen ist – darin kommen die biblischen Bilder überein. Und darin findet der christliche Glaube seine Mitte. Eine solche Zuversicht wirkt wie ein Licht, das hilft, sich der ängstigenden Dunkelheit zu stellen, und das einen neuen Morgen verspricht.

Dieser Artikel ist eine Zusammenstellung aus: Melanie Wolfers, Zuversicht – Die Kraft, die an das Morgen glaubt, Bene Verlag 4. Auflage 2022

Melanie Wolfers ist Philosophin, Theologin und Mutmacherin. 2004 ist sie in die Ordensgemeinschaft der Salvatorianerinnen eingetreten. Sie ist Bestsellerautorin, Rednerin und betreibt den Podcast „GANZ SCHÖN MUTIG – dein Podcast für ein erfülltes Leben“. www.melaniewolfers.de