Wer - wie der Weingärtner - von der Hoffnung getragen handelt, der rettet sich vor Resignation.

Aus Lk 13

Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Weingärtner: Jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts.
Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Weingärtner erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er doch noch Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen.

Im Evangelium, das wir an diesem Sonntag hören, werden wir an das Grundthema der Fastenzeit erinnert: an Umkehr und Bekehrung. Das Gleichnis vom Feigenbaum hat durchaus auch eine positive Seite. Nach diesem Gleichnis ist selbst ein unfruchtbarer Baum ein Bild der Hoffnung, weil da einer ist, der sich für ihn einsetzt. Die Arbeit des Weingärtners ist ein von Hoffnung getragenes Tun. Er muss in die scheinbare Aussichtslosigkeit, in etwas, was er noch nicht sehen kann, in etwas, was ihm keine 100%ige Sicherheit auf Erfolg geben kann, seine Zeit, seine Kraft, Aufmerksamkeit und Vertrauen investieren. Der Baum lebt nach einem eigenen Gesetz. Der Weingärtner gesteht dem Baum das zu. Er räumt ihm seine individuelle Zeit ein, die er für seine Erneuerung braucht. „Gib ihm noch ein Jahr!“, sagt er.

Ich, der Feigenbaum – Jesus mein Weingärtner

Im Gleichnis vom unfruchtbaren Baum ist Jesus unser Weingärtner. Wir sind der Baum, der in der Gefahr ist, zu verdorren. Jesus will nicht, dass wir „dürr“ werden, dass wir unsere Gefühle, unsere Lebensenergien in uns vertrocknen lassen.
Wenn Jesus mein Weingärtner ist, der sich um unser persönliches Wachstum sorgt, wie beantworten wir sein Bemühen um uns?
In der Fastenzeit könnten wir bewusst den Boden unserer Seele von Jesus und seinem Wort aufgraben und ihn von seiner Liebe düngen lassen, damit wir Frucht bringen können.
Es ist unsere Entscheidung, ob wir uns einlassen auf die Pflege des Winzers. Jesus fordert uns mit diesem Gleichnis heraus. Kein Baum möchte ohne Früchte dastehen. Kein Mensch möchte verkümmern. Jesus setzt sich mit seiner ganzen Botschaft für uns ein. Er engagiert sich für uns, damit wir uns für Lebendigkeit, Freiheit und Liebe entscheiden können.

Wir als Weingärtner

Ob wir uns in ähnlichen Situationen so verhalten wie der Weingärtner? Investieren wir in das nicht sichere, in das, was wir noch nicht wissen, sehen, haben können? Haben wir die Hoffnung, dass sich etwas ändern kann in unserem Leben, in unserer Partnerschaft, in unserer Beziehung zu unseren Kindern, in den zwischenmenschlichen Beziehungen überhaupt? Haben wir noch Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte in den Aufgaben, die uns gestellt sind?

Wer von der Hoffnung getragen handelt wie der Weingärtner, der rettet sich zunächst selbst. Er rettet sich vor Resignation. Wenn wir so handeln wie der Weingärtner, werden wir wach für die kleinen Veränderungen um uns herum. Wir behalten die Hoffnung auf Wandlung, auf Zukunft in unserem Leben. Wenn wir füreinander Weingärtner sein wollen, wird uns auch zuerst der Respekt vor der Eigenart des anderen abverlangt. „Umgraben und düngen“ heißt dann, auf den anderen eingehen, ihn zu verstehen versuchen. Dem anderen so zu helfen, Antworten auf seine Fragen selber zu finden. Und sich gegenseitig immer neu zu ermutigen.

Diakon Gerold Hinteregger