Der kleine Clown Pippo ging im Stadtpark spazieren. Es war ein kalter Tag. Über die Rasenflächen blies der Winterwind. Eiszapfen glitzerten in den Bäumen, und die meisten Leute liefen dick vermummt herum.
Es sah aus, als gingen Stiefel mit Mänteln und Mützen spazieren. Nur die Kinder freuten sich über den Frost. Sie trugen Schlittschuhe in den Händen und rannten alle in die gleiche Richtung. Pippo ging hinter ihnen her bis zu dem See, auf dem im Sommer die Schwäne ihre Kreise zogen.
Jetzt war er zugefroren, und statt der Schwäne glitten Schlittschuhläufer über ihn hin – viele Kinder, große und kleine. Sie tanzten und drehten sich, liefen Bogen und ritzten Figuren ins Eis. Pippo schaute ihnen zu. Er sah, wie vergnügt sie waren, und es tat ihm leid, dass er nicht mitmachen konnte.
„Warum habe ich nie Schlittschuh laufen gelernt?“, dachte er. „Es muss Spaß machen, und es sieht gar nicht schwer aus. Sogar die Kleinen, die noch nicht zur Schule gehen, sind dabei. Ob ich es auch könnte?“
Und nachdem er noch eine Weile zugesehen hatte, beschloss er, Schlittschuh laufen zu lernen. Er machte kehrt und ging ins nächste Sportgeschäft. Eine Stunde später war er wieder am See, mit nagelneuen Schlittschuhstiefeln. Er zog sie an und wollte seine ersten Schritte versuchen. Aber schon beim zweiten Schritt fiel er hin. Und kaum war er hingefallen, erkannte ihn ein Junge.
„Pippo!“, rief er, „das ist ja der kleine Clown Pippo!“ Von
rechts, von links, von überall her kamen Kinder angerannt. „Der kleine Clown
Pippo ist da!“, freuten sie sich. „Jetzt wird es lustig!“ Sie stellten sich im Kreis
um Pippo herum. Einige klatschten sogar. Es war beinahe wie im Zirkus. Pippo
jedoch wollte keine Zirkusvorstellung geben. Er wollte auch nicht lustig sein.
Er wollte Schlittschuh laufen lernen, und das war eine ernste Sache, wenn man
so oft hinfiel wie er. Ein Schritt – und bums, saß er auf dem Hosenboden. Der
nächste Schritt - da saß er schon wieder.
Schlittschuhlaufen war viel schwerer, als es aussah. Aufstehen, hinfallen,
aufstehen, hinfallen - mehr brachte Pippo nicht zustande. Es war schlimm, und
am schlimmsten war, dass die Kinder um ihn herumstanden und lachten. Sie
lachten wie im Zirkus, denn sie glaubten, dass Pippo auch auf dem Eis nur seine
Pippo-Späße trieb. Sie lachten und klatschten und riefen: „Bravo“, bis Pippo
die Schlittschuhe abschnallte und davon trottete. Und sogar das hielten die
Kinder noch für einen Witz und freuten sich. Pippo aber freute sich zum ersten
Mal kein bisschen über ihr Gelächter.
„Schließlich bin ich nicht als Clown auf dem Eis“, dachte er ärgerlich. „Wahrscheinlich sind sie zu dumm, um das zu begreifen.“ Und weil er nicht wollte, dass man weiter über ihn lachte, ging er am nächsten Tag zu einem einsamen Teich in der hintersten Parkecke. Kein Mensch außer ihm war dort. Niemand sah zu, wenn er hinfiel, niemand lachte. Ungestört konnte Pippo üben. Zuerst übte er, auf Schlittschuhen zu stehen. Dann übte er, mit ihnen zu gehen und zu laufen. Und schließlich übte er, Kreise zu ziehen.
„Jetzt habe ich es geschafft“, dachte er. „Jetzt gehe ich wieder zum See. Die Kinder sollen staunen.“ Vergnügt machte er sich auf den Weg. „Pippo ist wieder da!“, riefen die Kinder, als sie ihn sahen. „Pippo ist da! Es wird wieder lustig.“ Stolz schnallte Pippo seine Schlittschuhe an, stolz begann er, seine Bogen zu ziehen. Ohne ein einziges Mal hinzufallen, schwebte er über den See, und vor Freude strahlte er von einem Ohr zum andern. Nur die Kinder freuten sich nicht. Ihre Gesichter wurden immer länger.
„Mach wieder deine Späße, Pippo“, bettelten sie. „Fall lieber
wieder hin! Bogen ziehen kann doch jeder.“ Ein kleiner Junge fing sogar an zu
weinen vor Kummer, dass aus dem kleinen Clown Pippo ein Schlittschuhläufer
geworden war. „Pippo soll hinfallen“, schluchzte er. „Pippo soll hinfallen.“
Das
konnte Pippo nicht aushalten. Bums, ließ er sich fallen, diesmal sogar auf die
Nase. „Hahaha“, lachten die Kinder. „Noch mal, Pippo, noch mal.“ Pippo rappelte
sich hoch. Er blickte sich nach dem kleinen Jungen um. Er weinte nicht mehr - er
lachte! Da stolperte Pippo ein paar Schritte vorwärts und setzte sich gleich
wieder hin. Er strampelte mit den Beinen und jammere „huuuuu, huuuuu“, und als
er das nächste Mal ausrutschte, schlug er einen echten Pippo-Purzelbaum. Die
Kinder jubelten vor Vergnügen. Immer öfter, immer komischer fiel Pippo hin,
bis er ganz vergessen hatte, weswegen er in den Park gekommen war. Denn er
wollte gar kein Schlittschuhläufer mehr sein, sondern nur noch der kleine Clown
Pippo, der alle Kinder zum Lachen bringen kann.
(Irina Korschunow)
Von Helmut Köck veröffentlicht am 09.02.2012
