Heute zum letzten Mal lesen Sie an dieser Stelle Geschichten und Ansichten von Menschen zum Advent, zur "stillen Zeit", zur Weihnacht schließlich. Besondere Geschichten, kleine Ereignisse, Gedanken. Miniaturerzählungen also, formuliert von Menschen, die nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen. Mehr noch: Menschen, die von der Gesellschaft übersehen werden, Menschen an Schnittpunkten existenzieller Fragen. Oder auch Menschen, die an Weihnachten arbeiten werden. Wir werfen einen Blick in Welten, die zwischen Küachle und Glühweinromantik gerne ausgeklammert werden.

Der 24. Dezember, somit das letzte Adventfenster, gehört Bruder Franz von den Kapuzinern, gleich über der Straße gelegen hier in Feldkirch, gegenüber unseren Redaktionsräumlichkeiten. Bruder Franz wirft noch einmal einen Gesamtblick auf den Advent und schließlich auf das Weihnachtsfest. An dieser Stelle darf ich namens der Redakteurinnen und Redakteure eine besinnliche, schöne Weihnacht wünschen und bedanke mich bei den treuen LeserInnen unseres Adventfensters, Rainer Juriatti.

Ich bin da im Aussprachezimmer

von Bruder Franz

Er ist angekommen damals als Kind im Stall zu Bethlehem – so gestalte ich meine „Lebensräume", vom ersten Advent weg. In meiner Zelle ist eine Wurzel, ein dürrer Ast mit vier Kerzen, dazu kommen im Lauf der Tage immer mehr grüne Zweige und zu Weihnachten, jetzt also, eine Rose.

Der Advent, der soll eine Zeit des Wartens bleiben, auch wenn es in den Straßen schon lichterfüllt und weihnachtlich ist. Es soll eine Zeit des Wartens auf das wahre Licht – Christus – bleiben. Ich nehme mir bewusst mehr Zeit für Stille und Gebet. Ich muss leer werden, um dann wieder offen zu sein für die vielen Begegnungen und seelsorglichen Aufgaben. Ich bin vermehrt da für Menschen in ihren seelischen Nöten: Beichtgespräche, Krankenbesuche, Gottesdiensten in den Pfarren, geistliche Begleitung.

Gerade in diesen Tagen des Advents bin ich offen für Menschen in seelischen und persönlichen Nöten. Ich erfahre selber, wie zerbrechlich unser Leben ist: Krankheit, Verlust der Arbeit, Tod, Einsamkeit ... Mitten in diese Schicksalsschläge des Lebens versuche ich etwas von der Anwesenheit Gottes zu vermitteln. Dazu sind mir die adventlichen Lesungen der Liturgie eine große Hilfe.

So versuche ich wachsam zu sein für die Menschen um mich und für mich selber. In den dichten Zeiten versuche ich Zeiten der Bewegung in der Natur zu finden. Die Natur ist für mich eine gute Lehrmeisterin des wachsamen Lebens, sie führt mich in die Gegenwart. Dort werden so manche geistigen Höhenflüge, so manche schweren Probleme wieder geerdet und ich bin wieder frei für
neue Begegnungen.

Wenn ich am Ende eines dichten Tages die Kerzen  am Adventkranz entzünde, lass ich die vielen Eindrücke des Tages an mir vorüberziehen und übergebe sie dann Gott mit den Gebetsruf der Kirche: In deine Hände lege ich voll vertrauen meinen Geist. So kann ich getrost einschlafen, denn er ist Herr der Zeiten.

In den letzten Tagen des Advents bereite ich die Krippe vor. Zuerst den Stall und denke da an meinen Lebensstall. So manches ist im Laufe des Jahres verdreckt, so mancher Mist und Stroh ist da herum. Für mich gehört dazu auch die Beichte. Im Gespräch mit dem Priester versuche ich aufzuräumen und bitte Gott um Verzeihung. Ich stelle schon einige Hirten , Schafe und den Hl. Josef in die Krippe. Dabei denke ich an bestimmte Menschen: einen Vater, der arbeitslos ist und heuer seiner Familie nicht so viel materielles bieten kann, an Menschen am Rande der Gesellschaft: den Obdachlosen, der zu uns an die Pforte , die vielen Menschen, die in unserer Kirche durch die Aktion „Tischlein deck dich" unterstützt werden, an die vielen jungen Menschen, die in diesen Tagen keine Familienidylle erleben, die zwischen Vater und Mutter pendeln oder wo anders einen Familienersatz suchen.

Weihnachten

Am Heiligen Abend hohle ich das Licht von Bethlehem. Mit dem Friedenslicht bitte ich um Frieden und Licht für alle Menschen, die in Dunkelheit, Not, Streit und Sorge leben. Viele Freunde des Kloster kommen und bringen uns Gaben . Ich kann da nur „Vergelt`s Gott" sagen und bitte um Segen für ihre Familien.

Ich bin im Aussprachezimmer da für Menschen, die noch „aufräumen" wollen und darf dabei sein, wenn Menschen sich mit Gott, den Mitmenschen und mich selber versöhnen. So mancher geht erleichtert und mit einem Lächeln im Gesicht aus der Kirche.

Am Nachmittag habe ich heuer eine Lichtfeier für Hotelgäste in unserer Klosterkirche Gauenstein. Mit dem Licht einer Kerze, biblischen Erzählungen, Liedern führe ich da in das Wunder der Menschwerdung ein. Gott wird Mensch, damit wir Menschen Mensch werden.

Unsere klösterliche Weihnachtsfeier beginnt mit dem kirchlichen Abendlob – der Vesper- in unserem Betchor.  Danach gehen ein Krippenlied singend in unser Refektorium. Dort steht die alte Weihnachtskrippe und auch der Christbaum. Wir singen Lieder, hören das Weihnachtsevangelium und den Weihnachtsbrief unseres Provinzials. So wissen wir uns verbunden mit allen Mitbrüdern in
unserer Provinz aber auch in den Missionen.

Im Blick hin auf das göttliche Kind in der Krippe bitten wir einander um Verzeihung. Für mich immer wieder ergreifend: nur als Versöhnte können wir den weihnachtlichen Frieden einander wünschen und bei den Gottesdiensten  verkünden So erfahre, dass der Retter, der Erlöser, der Friedensfürst geboren ist für mich und den Mitbruder. Nach dem Weihnachtswunsch  gibt es ein festliches Abendessen. Danach habe ich Zeit für Stille und Gebet vor meiner Krippe in meinem Zimmer. Dort habe ich auch die Weihnachtspost und trage nochmals all die Menschen vor das Kind in der Krippe hin. Diese stille Zeit für mich ist mir ganz wichtig bevor ich dann zur Mette aufbreche. Am Bahnhof, im Zug, beim Gang zur Kirche wünsche ich gesegnete Weihnacht. Ganz verschiedene Gesichter antworten mir da. Ich nehme auch da die Nöte am Heiligen Abend wahr: allein mit der Flasche im Zug, Tränen in den Augen, Sehnsucht nach Heimat...

Zur Mette gehört auch die Einstimmung durch Zitter, Harfe, der feierliche Eucharistie, das Lied Stille Nacht und die Bläser nach dem Gottesdienst, der Glühmost und der weihnachtlichen Friedenswunsch.

Am Christtag feiere ich den Gottesdienst im Sozialzentrum - auch die alten und kranken Menschen singen da kräftig das Stille Nacht und freuen sich über das wunder der Menschwerdung. Gott ist auch dort, wo Bruder Tod täglich kommen kann anwesend und tröstet die Menschen in ihren Nöten.

Zum  Mittagessen  am Christtag kommen  auch die Brüder von den Außenstellen . Nach dem Festmahl singen wir noch alte Kapuzinerlieder. So feiern wir als Klosterfamilie das Wunder der Menschwerdung.

Von Wolfgang Ölz veröffentlicht am 24.12.2009

Zugehörige Themen

Advent