Mit diesem Aufruf richten sich die Veranstalter des Friedensweges 2012 an die Bevölkerung der gesamten Bodenseeregion, insbesondere an die politisch Verantwortlichen der Gemeinden und Städte, aber auch der Wirtschaft. Er wird namentlich den rund vierzig Mitgliedsortschaften der Vereinigung «Mayors for Peace» (Bürgermeister für den Frieden) zugeschickt. Verantwortlich für den Aufruf zeichnet die «Spurgruppe» des Friedenswegs 2012: Walter Buder (A), Arne Engeli (CH), Walter Frei (CH), Helmut Luz (D), Rainer Schmid (D), Elisabeth Tröndle (CH), Angela Tsering (CH); Redaktion: Ruedi Tobler (CH).

In ihrer wechselvollen Geschichte ist die Bodenseeregion immer wieder von Kriegen heimgesucht worden; vielen sind noch die Bombardierungen von Friedrichshafen im Zweiten Weltkrieg in Erinnerung – die Stadt wurde vor al- lem wegen ihrer Rüstungsproduktion zum Kriegsziel der Alliierten. Seit über sechs Jahrzehnten jedoch kann sich die Euregio Bodensee eines gefestigten Friedens erfreuen, ungeachtet ihrer Aufteilung auf drei Nationalstaaten.

Die grenzüberschreitende Überquerung des Bodensees mit dem Friedensweg 2012 steht symbolisch für den Willen der Bevölkerung in unserer Region, friedlich zusammenzuleben, unabhängig von Herkunft, Nationalität und politischer Gesinnung. Das Privileg, in einer friedlichen Weltgegend leben zu dürfen, ist für uns aber auch Verpflichtung, uns für den Frieden auf der ganzen Welt einzusetzen. Unsere Vision ist die weltweite vollständige und kontrollierte Abrüstung. Der Weg dahin ist beschwerlich und hindernisreich; umso dringlicher sind konkrete Schritte zum Rüstungsabbau und für den Aufbau einer Friedensordnung. Darum verstehen wir den Friedensweg 2012 auch als regionalen Beitrag zum Aktionstag gegen die steigenden Militärausgaben, der weltweit eine Woche nach Ostern am 17. April begangen wird. Gemäss dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI haben sich die Rüstungsgeschäfte in den letzten fünf Jahren im Vergleich zum Zeitraum 2002-2006 weltweit um 24 Prozent erhöht.

Auch die Bodenseeregion ist eine ‘Rüstungsregion’. Ein rundes Dutzend Firmen rund um den Bodensee verkauft Tod und Zerstörung verbreitende Erzeugnisse in die ganze Welt hinaus. Im März 2011 gingen Bilder vom Einsatz von Panzerwagen der Kreuzlinger Firma Mowag um die Welt, mit denen die saudiarabische Armee im Nachbarland Bahrein die Demokratiebewegung mit militärischer Gewalt erstickte. Viele westliche Staaten buhlen darum, dem fundamentalistischen Willkürregime der Ölscheichs Kriegsmaterial verkaufen zu dürfen. Mit dem Friedensweg 2012 unterstützen wir die "Aktion Aufschrei" gegen den Verkauf von deutschen Leopard-Panzern an Saudi-Arabien. Denn in Friedrichshafen werden deren Motoren von der MTU und deren Getriebe von ZF produziert.

Darum soll sich die Bodenseeregion zur rüstungsfreien Zone erklären, auch wenn das mindestens kurzfristig zum Verlust einer erheblichen Anzahl von Arbeitsplätzen führen kann. Dabei brauchen die betroffenen Menschen und Betriebe solidarische Unterstützung. Denn die Erfahrungen nach den Ende des Kalten Krieges zeigen: Wo Wirtschaft und Politik dies wollen, ist Rüstungskonversion eine Erfolgsgeschichte. Die durch den Verzicht auf Rüstungsproduktion frei werdenden Kapazitäten können auf zivile Produktion umgestellt werden. Damit können Beiträge gegen den Klimawandel mit der Förderung von erneuerbaren Energien geleistet werden oder zur Überwindung von Hunger, Elend und Armut in der Welt. Aber damit der Umbau von militärabhängigen in zivile Arbeitsplätze tatsächlich stattfindet, braucht es nicht nur innovative Betriebe und lernbereite Beschäftigte, sondern auch ein umstellungswilliges politisches Umfeld. Dafür stehen wir mit dem Friedensweg 2012 für die rüstungsfreie Zone Bodenseeregion ein.

Die Vorstellung einer rüstungsfreien Zone Bodensee knüpft an die Ideen des früheren polnischen Aussenministers Adam Rapacki an, der Mitte der Fünfzigerjahre mit dem nach ihm benannten Plan eine rüstungs-, mindestens aber atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa schaffen wollte. Dies gab mitten im Kalten Krieg den Anstoss zur Schaffung von atomwaffenfreien Zonen; sei es durch völkerrechtliche Verträge wie in der Antarktis, in Lateinamerika, im Südpazifik, in Südostasien, Afrika und Zentralasien; sei es durch Basisinitiativen in Schulen, Gemeinden und Städten.

Wir ermutigen deshalb die politisch Verantwortlichen der Gemeinden und Städte in der Bodenseeregion, aber auch die Verantwortungsträger in der Wirtschaft, aktiv zur Schaffung einer rüstungsfreien Zone Bodensee beizutragen. Damit die Idee wachsen und sich verankern kann, sind Basisinitiativen besonders wichtig. So können Kirchengemeinden mit dem guten Beispiel vorangehen und sich selber zur rüstungsfreien Zone erklären, indem sie beispielsweise auf Gelder von Rüstungsfirmen verzichten oder diese für Kriegsopfer spenden. Und auch Schulen können aktiv werden, auf Bildungspartnerschaften mit Rüstungsfirmen verzichten und im Unterricht besonderes Gewicht auf kritische Behandlung der Kriegs- und Rüstungsgeschichte sowie auf Friedens- und Menschenrechtsbildung legen. Die rüstungsfreie Zone Bodensee kann nicht einfach am Friedensweg 2012 proklamiert werden, sie wird das Ergebnis einer langfristigen und kontinuierlichen Aufbauarbeit sein. Und je erfolgreicher sie ist, umso mehr wird die Idee von rüstungsfreien Zonen als Beitrag zur Abrüstung in andere Regionen ausstrahlen und dort aufgegriffen werden.

Die Abschlusskundgebung des Friedensweges 2012 findet in Friedrichshafen statt. Wir gedenken dabei nicht nur der Opfer der Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. Wir knüpfen auch an das Engagement der Stadt gegen die atomare Aufrüstung an. Seit 2006 gehört Friedrichshafen der Vereinigung «Bürgermeister für den Frieden» an, die heute weltweit über 5000 Städte vereinigt, im Bodenseeraum etwa vierzig. Und seit 2009 ist Friedrichshafen auch Mitglied im Kreis der gut hundert «Städte als Friedensbotschafter». Zu den Initianten beider Or- ganisationen gehören Hiroshima und Nagasaki, weshalb der Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt im Zentrum beider Vereinigungen steht. Wir rufen die Verantwortlichen von Friedrichshafen deshalb dazu auf, ihr Engagement zur Überwindung der Atomwaffen auszuweiten auf die Schaffung der rüstungsfreien Zone Bodensee. 

Die «Spurgruppe» des Friedenswegs 2012:
Walter Buder (A), Arne Engeli (CH), Walter Frei (CH), Helmut Luz (D), Rainer Schmid (D), Elisabeth Tröndle (CH), Angela Tsering (CH); Redaktion: Ruedi Tobler (CH).

Von Walter Buder veröffentlicht am 06.04.2012

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