Predigt in der Franziskanerkirche Dornbirn

Adventkranz, Kerzen, Gebäck, Birnenbrot, Lichterketten, Stille, Besinnlichkeit, Gemütlichkeit. Das sind Worte, mit denen wir die Zeit des Advents verbinden.

Wenn wir die Lesungen des heutigen ersten Adventsonntages lesen und hören, dann merken wir, dass sie in einem starken Kontrast, ja sogar Widerspruch stehen zu dieser heimeligen Atmosphäre, die wir normalerweise mit der Adventszeit verbinden.

Die Texte heute haben irgendwie eine Dramatik. Es geht drunter und drüber. Es ist nicht der Zustand der wohlig warmen Stube am Kachelofen.

Ich möchte Euch einladen, heute Abend etwas darüber nachzudenken, was uns denn diese Texte sagen. Was sagen sie aus über einen adventlichen Menschen im Sinne des Jesaja, im Sinne des Markus?


Erstens, glaube ich, ein adventlicher Mensch ist ein Mensch, der nicht aufhört, Gott zu suchen.


In der Zeit nach dem Exil hat sich das Volk Israel in eine Gottesfinsternis hineinmanövriert. Sie haben Gott vernachlässigt. Sie glaubten, alles selber wieder in der Hand zu haben. Und plötzlich merkten sie, Gott ist nicht mehr greifbar. Er ist ihnen fern, und sie schreiben, wie es beim Propheten heißt: ACH KÄMST DU DOCH DENEN ENTGEGEN, DIE TUN, WAS RECHT IST, UND NACHDENKEN ÜBER DEINE WEGE. Gottesfinsternis ist vielleicht auch ein Thema unseres persönlichen Lebens. Manchmal haben wir das Gefühl, er ist fern, er ist für uns nicht greifbar.

Ich glaube, liebe Freunde, Gottes Erfahrung, Gottes Leuchten im Leben ist ein Geschenk.

Unsere Aufgabe ist es, auch in dieser Zeit jetzt vor Weihnachten nicht aufzuhören, Gott zu suchen.

Es gibt eine nette jüdische Erzählung von Jechiel. Ein kleiner Junge, der mit seinen Freunden Verstecken spielt.

Der Jechiel, so heißt es dort, kommt weinend in die Wohnstube des Meisters gelaufen, und dieser fragt ihn: „Sag, warum weinst Du?“. „Meine Freunde sind gemein, und deshalb weine ich.“ „Sag, Jechiel, willst Du mir das nicht von Anfang an erzählen?“ „Ja, Großvater. Wir haben Versteck gespielt, und ich war an der Reihe, mich zu verstecken. Und ich habe mich sehr gut versteckt, das kannst du mir glauben. Und meine Freunde haben mich gesucht, und sie haben mich nicht gleich gefunden. Und dann - stell dir vor - haben sie einfach aufgehört, mich zu suchen. Sie haben mich nicht weiter gesucht, und das finde ich gemein. Und deswegen muss ich weinen.“ Und es heißt dann in der Geschichte, dass der alte Rabbi sich zu seinem Enkel niederkniet , ihm selber Tränen in die Augen kommen, und er sagt: “Siehst Du, Jechiel, so ist es auch mit Gott. Er hat sich vor uns versteckt, und die Menschen suchen ihn nicht einmal mehr. Verstehst Du? Sie suchen ihn nicht einmal mehr.“

Ein adventlicher Mensch ist ein Mensch, der nie aufhört, Gott zu suchen, auch wenn er sich bisweilen nicht leicht vordergründig finden lässt.


Ein zweiter Gedanke: Ein adventlicher Mensch ist ein Mensch,
der bei sich zuhause ist.


Die Welt ist durcheinander im Markusevangelium. Die Sonne verfinstert sich, der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne fallen vom Himmel, die Kräfte der Meere werden erschüttert. Die Welt ist außer sich.

Ein bisschen kennen wir diese Stimmung. Der Film – THE DAY AFTER TOMORROW – diese Vernichtung der Erde durch Umweltkatastrophen oder jetzt der Börsencrash, die Welt, wie wir sie uns gebastelt haben, ist ins Wanken gekommen. In dieser Sorge um unsere Aktien, um unseren Arbeitsplatz, um die Weltwirtschaft dürfen wir eines nicht vergessen: ZUHAUSE ZU SEIN. Seid wachsam! Gott soll, wenn er kommt, Euch nicht schlafend antreffen.

Ich glaube, diese Zeit der Besinnung vor Weihnachten ist auch die Einladung, irgendwie bei sich zuhause zu sein, dass es uns nicht so geht, wie der Kabarettist sagt: Ich wollte mich besuchen, aber keiner war daheim. Es gibt einen wunderschönen Text der Mystikerin und Benediktinerschwester Silja Walter, den ich Euch gerne vorlesen möchte.

Jemand muss zu Hause sein ...

Jemand muss zu Hause sein, Herr, wenn du kommst.
Jemand muss dich erwarten.
Jemand muss nach dir Ausschau halten
Tag und Nacht.
Jemand muss wachen, um deine Ankunft zu melden, Herr.

Du kommst ja doch in der Nacht.
Wachen ist unser Dienst, wachen.
Jemand muss es glauben, zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen, um dich einzulassen,
wann immer du kommst, Herr.
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben sind wir da.

Herr, und jemand muss dich aushalten,
dich ertragen, ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten,
ohne an deinem Kommen zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod mit aushalten und daraus leben.

Das muss immer jemand tun mit allen anderen – und für sie.
Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst.
Das ist unser Dienst: dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust, die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist und wunderbar wie keiner.

Komm, Herr!

Ein adventlicher Mensch ist ein Mensch, der versucht, bei sich zuhause zu sein, besonders in dieser Zeit.


Und drittens, ein adventlicher Mensch ist ein Mensch,
der mit dem Herzen sieht.


Wenn Sie jetzt durch die Straßen gehen, sich überlegen, was Sie einem lieben Menschen schenken, was ist das Kriterium? Nach welchen Überlegungen suchen Sie ein Geschenk aus? Mich berührt eine Geschichte nach Margareth Fishback-Powers.

Es war Weihnachten, und die kleine Tochter überreichte dem Vater eine golden verpackte Schachtel. Sie hatte dafür das gesamte, wertvolle Geschenkpapier aufgebraucht, und weil das Geld knapp war, war der Vater darüber verärgert. Als er dann das Geschenk öffnete und sah, dass die Schachtel leer war, schimpfte er los:
"Weißt du denn nicht, junge Dame, dass, wenn man jemand ein Geschenk gibt, auch etwas in der Verpackung sein soll?", fragte er. Die Augen seiner Tochter füllten sich mit Tränen, und sie sagte: "Aber Papa, die Schachtel ist nicht leer. Ich habe so viele Küsschen hineingetan, bis sie ganz voll war." Beschämt nahm der Vater seine Tochter in den Arm und bat sie um Verzeihung.
Ein adventlicher Mensch ist ein Mensch, der mit dem Herzen sieht. Nur so erkennen wir die Wunder unseres Lebens, die Wunder der Begegnungen, die Wunder der Gotteserfahrung, die Wunder der Gespräche, die Wunder der Liebe, die Wunder des Vertrauens, die wir in den nächsten Wochen vor Weihnachten erleben dürfen.

Wir brauchen aufmerksame Augen und offene Ohren, um sie zu sehen.

Advent ist nicht nur Idylle und Lieblichkeit. Advent ist eine innere Einstellung, die uns heute in dramatischen Texten ans Herz gelegt wird. Das möchte ich uns allen wünschen:

1. Dass wir in diesem biblischen Sinn adventliche Menschen werden, dass wir Menschen sind, die nie aufhören, Gott zu suchen. Auch in der Erfahrung der Gottesfinsternis, der Gottesferne, der Einsamkeit.

2. Dass wir Menschen sind, die versuchen, bei sich zuhause zu sein, dass sie besucht werden können von Menschen, dass sie auch besucht werden können von Gott, weil sie nicht hetzen von einem zum andern.

Und 3. – adventliche Menschen sind Menschen, die mit dem Herzen sehen, die die Geschenke des Lebens, der Freundschaft, der Begegnung in diesen Wochen wahrnehmen können und nicht nach großen, teilweise sinnlosen Geschenken streben.

Gott mache uns in diesem Sinn zu adventlichen Menschen. Amen.


Dr. Benno Elbs
Generalvikar

Von Stefan Gächter veröffentlicht am 22.12.2008

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