Zur aktuellen Debatte über Sinn und Unsinn sowie Moral und Ethik des Fleischkonsums.

Von Michael Willam

 
Die Wogen gehen noch

Woher nimmt der Mensch das Recht, Tiere zu töten und zu essen?
Die Ethik des Fleischkonsums in unserer Gesellschaft, welche zur Zeit in den Printmedien (z.B.: Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 12. August, NEUE am Sonntag vom 21. August) geführt wird, ist eine in mehrfacher Hinsicht interessante Debatte.
Wie bei einigen anderen kritischen Anfragen, die zugunsten einer ethisch reflektierteren und korrekteren Lebensweise eine mehr oder weniger radikale Umkehr liebgewonnener Gewohnheiten einfordern (Mobilität, Energieverbrauch, Konsumverhalten), so lässt auch das Thema einer neuen Ernährungsethik die Wogen hoch gehen.

Kein Recht, "Verwandte" zu essen

Vegetarier und Veganer (diese verzichten neben dem Fleisch auch auf sämtliche tierische Produkte wie Eier, Milch, Käse etc.) bringen sich und ihre Argumente gegen die Fleischesser in Stellung. Weder das „Naturargument“ („Der Stärkere frisst in der Natur den Schwächeren“ oder auch „Der Mensch hat immer schon Fleisch gegessen“) noch das „Kulturargument“ („Wir sind höher entwickelt, darum dürfen wir Tiere töten und essen“) hat für einen richtigen Vegetarier Überzeugungskraft.

Dabei geht es etwa für „Zeit“-Redakteurin Iris Radisch zunächst gar nicht um Rahmenbedingungen wie etwa um die Art und Weise der Tierhaltung. Es spielt für ihre Argumentation keine Rolle, ob wir ein Bio-Alpschwein oder Rindfleisch aus der Massentierhaltung essen. Nach Radisch haben wir schlichtweg kein Recht, Tiere zu töten und zu essen, da sie quasi unsere nächsten Verwandten sind. Es kann weiters nicht ausgeschlossen werden, dass, besonders höher entwickelte Tiere, nicht doch ein Bewusstsein haben. Für sie ist es ein untragbarer Skandal, dass der Mensch, ganz wie es den persönlichen und kulturellen Angewohnheiten beliebt, willkürlich zwischen liebkosten Haustieren, hilfreichen Nutztieren und mitunter grausam gemästeten und in Massen getöteten Schlachttieren unterscheidet. An ihre Argumentationskette schließt der minimale genetische Unterschied zwischen Tier und Mensch an, welcher nun auch naturwissenschaftlich-biologisch untermauern soll, dass wir bei jedem saftigen Rindssteak im Grunde unsere „Artgenossen“ verspeisen.

Aus Überzeugung kein Fleisch zu essen ist für Radisch als kulturelle Errungenschaft des Menschen zu werten: Weg vom jagenden und fleischfressenden Neandertaler, hin zum ethisch korrekten Vegetarier - und besser noch: Veganer. Die Reaktionen der „Fleischtiger“ sind mitunter scharf, beleidigt oder empört: „Wir lassen uns unser saftiges Steak nicht madig machen!“

Safran Foer: Pragmatiker und Idealist

Einer, der versucht, als Vegetarier gegenüber den Fleischessern gemäßigtere Töne anzuschlagen, ist der Amerikaner Jonathan Safran Foer. Sein Bestseller „Tiere essen“ sorgt derzeit für heftige Diskussionen, schildert er doch sehr eindrücklich die miserablen Bedingungen der Massentierhaltung in den USA, wo über 90% des US-amerikanischen Fleisches herstammen. Auch er plädiert dafür, den Fleischkonsum in erster Linie aus tierethischen Gründen einzuschränken. Es geht bei ihm jedoch nicht so sehr um die Grundsatzfrage, ob wir überhaupt Fleisch essen dürfen, sondern um einen gangbaren Mittelweg: Wenn schon Fleisch, dann Bio. Kein Tier soll Leid ertragen müssen, damit wir unseren Hunger nach Fleisch stillen können. Dieser pragmatische Mittelweg scheint gangbarer zu sein als die geschwungene moralische Keule. Und er verweist auf ein wichtiges Thema, das im Zuge dieser Debatte glücklicherweise immer stärker in den Fokus gerückt wird: Wir haben es als Konsumenten in der Hand, über die Dynamiken des freien Marktes unwürdigen Massentierhaltungen einen Riegel vorzuschieben. Indem wir bereit sind, für Biofleisch mehr zu bezahlen, können wir mitbestimmen, wie sich die Fleischwirtschaft in Zukunft entwickelt.

Von Luft und Liebe

Auf die von Iris Radisch gestellte Frage, ob wir überhaupt berechtigt sind, Tiere zum Verzehr zu töten, gibt diese Erkenntnis freilich keine Antwort. Jedoch gibt die Autorin am Ende ihres Artikels womöglich selbst einen Hinweis, wohin uns solche radikalen Überlegungen führen könnten. Radisch bemerkt, dass die Grenzen des Tötungsverbots niemals eindeutig zu bestimmen seien in der unendlichen Kette der Lebewesen: „Warum verschone ich die Kuh und töte die Fliege? Ist das Seepferdchen weniger wert als das Pony? Und was ist mit dem Seelenleben der Pflanzen?“

An dieser Stelle führt die überzeugte Vegetarierin ihre ganze Argumentation in gewisser Weise ad absurdum. Wovon soll sich der Mensch denn ernähren, wenn nicht von Tieren und Pflanzen? In einer Welt, wo alles Lebendige gleichviel wert ist, kann niemand mehr überleben.

In ganz seltenen Fällen scheint dies dennoch möglich zu sein, wenn auch für sehr begrenzte Zeit: Frisch Verliebte, so sagt man, würden sich nur von „Luft und Liebe“ ernähren. Einzig und allein diese Zielgruppe erfüllt mit Sicherheit die ethischen Ansprüche von Frau Radisch. Bleibt nur zu hoffen, dass zum Wohle der Gesundheit des Liebespaares diese Phase nicht allzu lange anhält.

Von Michael Willam veröffentlicht am 23.08.2010

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