Tag der gesunden Ernährung, oder: Über den Tellerrand schauen

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2007 wurde der 7. März von den UNO als der internationale Aktionstag der gesunden Ernährung ausgerufen. Obwohl sich niemand gerne auf den Teller schauen lässt, kann so ein Tag vielleicht doch einen Anstoß geben, über die eigenen Essgewohnheiten und deren Auswirkungen nachzudenken. Bericht von Dr. Eva-Maria Schmolly-Melk, Theologin, Psychoanalytikerin, Gesundheitsberaterin GGB

Ungesunde Ernährung kann Krankheiten verursachen.

Es ist mittlerweile ins breite Bewusstsein gelangt, dass bei allen Leistungen der Spitzenmedizin und bei aller flächendeckender ärztlichen Versorgung Menschen heute nicht wirklich gesünder sind – obwohl wir immer älter werden. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen auf, dass viele der sogenannten Zivilisationskrankheiten, zu denen u.a. Zahnkaries, Paradontose, rheumatische Erkrankungen, Stoffwechselkrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Erkrankungen der Verdauungsorgane, mangelnde Infektabwehr und Allergien zählen, wesentliche Ursachen in jahrzehntelanger Fehlernährung haben. Erfahrungen in Klinik und Praxis bestätigen das eindrücklich. Hinzu kommen natürlich weitere Faktoren, wie die Lebensführung insgesamt, die seelischen Belastungen, die Bewegungsarmut, die Umweltsituation etc.

Im Horizont heutiger Konzepte für gesunde Ernährung ist jene eines durchschnittlichen Menschen in der westlichen Welt eine „Mangelernährung“. Die Nahrung ist zwar üppig, aber trotzdem mangelhaft. Sie besteht aus zu viel Zucker, zu viel Weißmehl, zu viel schlechten Fetten, zu viel Fleisch, zu viel Genussmitteln. Ihr fehlt aber das, was zur Gesunderhaltung des menschlichen Körpers notwendig ist: ausreichend natürliche Vitalstoffe (Vitamine, Spurenelemente, Enzyme, ungesättigte Fettsäuren, sog. Ballaststoffe u.a.). Wenige Kinder kennen heute noch richtiges Vollkornbrot, für das das ganze Getreidekorn frisch gemahlen und verarbeitet wird. Dem Weißmehl werden – ursprünglich aus Konservierungsgründen – der Keim und die Randschicht genommen und somit gerade das entfernt, was die wertvollen Vitalstoffe enthält.

Lasst die Nahrung so natürlich wie möglich!

Apfel-grünBesonders seit dem 19. Jahrhundert ist gesunde Ernährung zum Thema geworden. Viele MedizinerInnen und GesundheitsreformerInnen waren damals schon überzeugt, dass mit dem Zeitalter der Industrialisierung die Ernährung eines Großteils der Menschen immer desolater wird. Bald setzte sich der Begriff der Vollwertkost für gesunde Ernährung durch. Ein großer Pionier auf diesem Gebiet war Sebastian Kneipp (1807-1897). Er plädierte bereits für das Vollkornmehl und schrieb unter anderem: „Je näher die Speisen dem Zustande kommen, in welchem sie von der Natur geboten werden, desto gesünder sind sie.“ Der deutsche Arzt Werner Kollath (1892-1970) gilt heute noch als Vater der Vollwerternährung, die all das beinhaltet, was der menschliche Organismus zu seiner Erhaltung und zur Erhaltung seiner Art benötigt. Er prägte den Satz, der als Maßstab und Orientierung für jede gesunde Ernährungsweise gelten kann: „Lasst unsere Nahrung so natürlich wie möglich“. Auf den bekannten Schweizer Arzt Maximilian O. Bircher-Benner (1867-1939) geht die Bezeichnung „Müsli“ zurück. Er meinte damit ein Frischkorngericht, d.h. frisch gequetschte Haferflocken oder andere Getreideflocken, die mit Früchten zubereitet werden. Die heutigen gängigen Müsli-Varianten in den Lebensmittelgeschäften haben jedoch außer dem Namen nichts mehr mit diesem „Birchermüsli“ gemein. Der deutsche Zahnarzt Johann G. Schnitzer (*1930) wurde vor allem durch sein ärztliches „Experiment Mönchweiler“ bekannt. Als junger Zahnarzt in der Gemeinde Mönchweiler im Schwarzwald stellte er bald fest, dass bereits 18 Monate alte Babys unter Zahnkaries litten und im Alter von 3 Jahren kaum ein Kind ohne Zahnschäden war. Er registrierte deshalb 1964 den Zahngesundheitszustand der Kinder. In Absprache mit dem Bürgermeister wurden dann die Kinder, die Eltern und Geschäftsleute des Ortes intensiv über die ursächliche Beteiligung des weißen Zuckers an der Entstehung von Karies informiert und insgesamt über Vollwerternährung aufgeklärt. Die Bäcker im Ort und die Hausfrauen ließen sich schulen, um Vollkornbrot und Vollkorngebäck herstellen zu können. Die Geschäftsleute wurden gebeten, anstatt Süßigkeiten Nüsse an die Kinder zu verschenken. Nach fünf Jahren stellte sich folgendes Ergebnis heraus. Bei den Jahrgängen der 6- bis 10-Jährigen zeigte sich ein Rückgang der Zahnkaries um 31 Prozent, bei den 10- bis 14-Jährigen ein Rückgang von 36,5 Prozent. Bei den erfassten 3- bis 6- Jährigen betrug der Rückgang 86,5 Prozent, bei den 1- bis 3-Jährigen sogar 100 Prozent! Schließlich wurden die Standards für eine gesunde Ernährung durch den deutschen Arzt und „Vollwertpapst“ Max-Otto Bruker (1909-2001) nachhaltig festgelegt. Auf der Grundlage seines wissenschaftlichen Engagements und seiner über sechzigjährigen klinischen Erfahrung leistete er wesentliche Beiträge zum Thema Gesundheit und Krankheit und der Rolle der (Fehl)Ernährung. Er erforschte Zeit seines Lebens die Ursachen für Krankheiten und wollte sich nie mit einer lediglich symptomatischen medizinischen Behandlung, die nur auf kurzfristige Linderung zielt, begnügen. Wesentlich sah er auch viele wirtschaftliche Interessensgruppen daran beteiligt, dass viele Falschinformationen zum Gesundheitsthema – vor allem auch über die Medien – kolportiert werden. Er gründete in den 1970-er Jahren in Lahnstein/Koblenz die Gesellschaft für Gesundheitsberatung, um konsequente Gesundheitsprophylaxe betreiben zu können. Dabei lagen ihm auch die Umwelt- und Sozialverträglichkeit und die ethische Dimensionen unserer Ernährung sowie die lebens- und spannungsbedingten Krankheiten am Herzen. Er war ein großer Kämpfer gegen die Atomkraft, die Massentierhaltung und die Gentechnik.

 Was gehört zu einer gesunden Ernährung?

Zu einer gesunden, vollwertigen Ernährung gehören vor allem frisches Gemüse, Obst und das Frischkorngericht aus frisch geschrotetem oder gequetschtem Getreide. Das tägliche Brot soll das Vollkornbrot sein – Brot, das zu 100 % aus frisch gemahlenen ganzen Getreidekörnern besteht. Das was in den meisten Läden als "Vollkornbrot" angeboten wird, enthält meist nur eine minimale Zugabe von irgendwelchen Körnern und Kleien, oft auch Malzsirup, um eine dunkle Farbe zu erzielen. Das vermeintlich gesunde Schwarzbrot ist ebenso Weißbrot, anstatt des ausgesiebten Weizenmehls wird ausgesiebtes Roggenmehl verwendet. Weißmehlprodukte und weißer Reis sind in der Vollwertküche ersetzt durch Vollkornprodukte (bsp.Vollkornnudeln) und Vollreis. Fabrikzucker wird weitgehend eingeschränkt. Gesüßt wird mit süßen Früchten und Honig. Anstatt raffinierten Fetten wie Margarine und gewöhnlichen Ölen werden Butter und kaltgepresste, naturbelassene Öle verwendet.

 Der Zucker auf der Anklagebank!

Allem voran spielt heute der weiße Fabrikzucker eine unheilvolle Rolle in der Ernährung. Natürlich ist er nie die einzige Ursache für die Entstehung von Krankheiten, doch kein anderes Nahrungsmittel ist nach der Meinung so vieler ErnährungswissenschaftlerInnen so wesentlich daran beteiligt. Der künstlich hergestellte Fabrikzucker ist ein komplett denaturiertes Nahrungsmittel, das dem Körper auf vielen Ebenen Schaden zufügt: er verursacht Karies; er bildet Säure, die er nicht binden kann, was die Schleimhäute in Magen und Darm erheblich belastet; er führt als isoliertes Nahrungsmittel ohne jegliche Vitalstoffe dem Körper nur leere Kalorien zu und entzieht ihm zugleich zu seiner Verdauung wichtige Vitamine, allen voran Vitamin B1; er ist ein „Kalkräuber“, was Folgen für Zähne und Knochen vor allem bei Kindern hat; er löst einen zu schnellen Anstieg des Blutzuckers aus, was eine Insulinausschüttung und in Folge einen Zustand der Blutunterzuckerung verursacht mit Symptomen wie Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Nervosität; er lässt den Blutzucker zwar schnell ansteigen und für eine gewisse Zeit steht viel Energie zur Verfügung, dann aber stürzt die Energieversorgung schnell und drastisch ab, was ihn als Energiespender vollkommen unbrauchbar macht. Schließlich kann der Fabrikzucker als einziges Nahrungsmittel Sucht und Abhängigkeit erzeugen. Der Zucker, den der menschliche Organismus benötigt, ist jener aus der ganzen Frucht – dem Apfel, der Birne, der Banane – und der, den er selber aus den zugeführten vollwertigen Lebensmitteln wie Kartoffeln, Vollkornbrot herstellt.

Fatal ist vor allem die Menge an Fabrikzucker, die heute durchschnittlich verzehrt wird. Ein paar Zahlen um sich (wieder) einmal ein Bild zu machen: Ein Glas Coca Cola enthält die Menge von 13 Stück Würfelzucker, eine 100 Gramm Tafel Vollmilchschokolade 20 Stück, ein Mars- oder Bountyriegel 10 Stück. Ein Liter Fanta übertrifft mit 40 Würfelzucker sogar noch die Coca Cola. Eine 200 Gramm Packung Gummibärchen kommt auf 61 Stück Würfelzucker (das kann Eltern nicht froh machen!), ein Zuckerle auf 2 Stück Würfelzucker. Selbst in einem scheinbar gesunden herkömmlichen Becher Fruchtjoghurt ist die Menge von 9 Würfelzucker enthalten. Im Ballisto, Hanuta oder Duplo sind 5 Stück Würfelzucker, in der immer als so gesund beworbenen Kindermilchschnitte 3 Stück. Ein 450 g Glas Marmelade enthält die Menge von 105 Stück Würfelzucker, ein Teelöffel Nougatcreme 1 ½  Stück. Instant-Kakao besteht aus 70 Prozent Zucker, bei zwei Teelöffel sind das 1 ½ Würfelzucker. Frühstückscerealien (Cornflakes, Choco Pops etc.) strotzen vor Zucker. In einer 650g- Packung Kellogs Smacks sind 102 Stück Würfelzucker. Ein Schleckeis beinhaltet je nach Größe zwischen 5 und 15 Stück. Der weiße Fabrikzucker ist ein billiger Rohstoff und findet sich auch versteckt in vielen scheinbar nicht süßen Nahrungsmitteln wie in der Wurst, im Ketchup, in Salatsaucen und Fertiggerichten. Eine Flasche Ketchup enthält beispielsweise mehr als ein Drittel Zucker!

Längst ist es heute nicht mehr so, dass Süßigkeiten oder Süßspeisen für besondere Anlässe vorbehalten sind. Von früh bis spät werden Kinder mit einer Fülle an zuckerhaltigen Nahrungsmitteln und Süßigkeiten überschwemmt. Es herrscht in unserer Gesellschaft eine regelrechte Verführung der Kinder hin zum Süßen. Man denke nur daran, wie in den Lebensmittelgeschäften die Süßigkeiten für Kinder in passender Höhe an der Kassa positioniert sind. In Schweden sind diese „Süßigkeitenfallen“ bereits seit vielen Jahren verboten. Die Süßwarenwerbung zielt direkt auf die Kinder und setzt alle nur möglichen Strategien ein, um Kinder „verrückt“ nach ihren Produkten zu machen. Es ist auch mittlerweile eine lästige Unart geworden, dass Kinder in jedem Geschäft – vom Bäcker über die Tankstelle bis hin zum Schuhgeschäft – mit Zuckerle oder Gummibärle „beglückt“ werden. Sogar die KinderärztInnen überreichen bereits Kleinkindern nach erfolgter Untersuchung die heute omnipräsenten „Fizzers“. Mitbringsel für die Kinder sind fast immer Süßigkeiten. Man tut Kindern dabei nichts Gutes! Im Gegenteil: Man schadet ihnen sehr!

Gesunde Ernährung ist auch weit mehr als ein individuelles Thema.

Das Thema Ernährung darf heute längst nicht mehr nur das persönliche Wohlbefinden und den Erhalt der eigenen Gesundheit im Blick haben. Denn das, was wir in den westlichen Industriestaaten auf dem Teller liegen haben, hat weltweite Auswirkungen. Und diese sind zum Teil katastrophal. Gerade diese globale Dimension unserer Ernährungsgewohnheiten macht den heutigen Tag der gesunden Ernährung zu einem international bedeutsamen Tag. Die Industriestaaten mit einem Viertel der Weltbevölkerung verbrauchen drei Viertel der gesamten weltweiten agrarischen Produktion. Den über 900 Millionen hungernden Menschen auf dieser Welt, davon 400 Millionen Kinder, stehen mehr als 1,2 Milliarde Übergewichtige in den reichen Ländern gegenüber. Hier existiert ein unmittelbarer Zusammenhang.

Der Hunger auf der Welt ist auch ein Produkt unseres Fleischkonsums.

Seit den 1950-er Jahren hat die Massentierhaltung Einzug gehalten. Fleisch konnte nun in großen Mengen billig produziert werden, infolge hat sich der weltweite Fleischkonsum seit den 1960-er Jahren bis heute vervierfacht, von 71 auf 284 Millionen Tonnen. Die Ernährungsorganisation der UNO, die FAO, nimmt an, dass er sich bis 2050 nochmals verdoppeln soll. In Europa werden durchschnittlich 92 Kilogramm Fleisch, in den USA 120 Kilogramm pro Jahr und Person verzehrt. Diese Mengen liegen auch deutlich über dem der Gesundheit förderlichen Niveau. Neben den USA und Europa steigt mittlerweile auch in ehemals vollwertig-vegetarisch ernährten asiatischen Ländern der Fleischkonsum drastisch. Der 1,3 Milliarden Menschen-Staat China kaufte beispielsweise 2007 fast die Hälfte der weltweiten Sojaernte auf.

Die Fleischtöpfe dieser Welt verursachen soziale, ökologische und ethische Katastrophen, …

  • … denn Fleisch ist ein gigantischer Lebensmittelverschwender.

Um 1 tierische Kalorie zu gewinnen, müssen je nach Tierart bis zu 30 pflanzliche Kalorien als Futtermittel eingesetzt werden. Beim Rind gehen über 90 Prozent der Nahrungsenergie verloren. Deshalb werden immer mehr landwirtschaftliche Nutzflächen und Wasser benötigt. Auf „Spiegel“ online war 2008 zu lesen: „Auf der Fläche, die benötigt wird um 1 kg Fleisch zu erzeugen, könnten 200 kg Tomaten oder 160 kg Kartoffeln angebaut werden.“ Bereits 30 Prozent der eisfreien Landfläche auf der Welt werden für die Produktion von Fleisch und anderen tierischen Nahrungsmittel verwendet. Unglaubliche 90 Prozent der weltweiten Sojaproduktion und fast die Hälfte des erzeugten Getreides werden an Schlachtvieh und Milchkühe verfüttert. „Wenn Pflanzen nicht Menschen, sondern Schlachtvieh nähren, ist das kein Gewinn für unseren Speiseplan. Im Gegenteil: Es ist die pure Energieverschwendung“, heißt es auf „Zeit online“ vom 18.4.2008. Gefordert wird die direkte Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen für den Gewinn von Menschennahrung anstatt Viehfutter.

  • … denn „das Vieh der Reichen frisst das Brot der Armen“.

Das zur Fleischproduktion aufgewendete Getreide würde ausreichen, um die derzeitige Weltbevölkerung zweimal zu ernähren. Die EU importiert jedes Jahr 50 Millionen Tonnen Futtermittel, das allein würde für 600 Millionen Hungernde eine ausreichende Zusatzernährung darstellen. In vielen Ländern Südamerikas wird anstatt Nahrungsmittel für die unterernährte Bevölkerung anzubauen Soja in enormen Mengen nach Europa und Nordamerika exportiert, das dort dem Futter von Rindern, Geflügel und Schweinen beigefügt wird. Und auf riesigen Flächen weiden Rinderherden, deren Fleisch in die Industrieländer transportiert wird, wo es zu menschlicher Nahrung oder zu Tierfutter verarbeitet wird. Brasilien ist nur ein Beispiel dafür, wie die Ernährungssituation auf den Kopf gestellt ist. Das Land ist mit einer landwirtschaftlichen Anbaufläche, die der Größe Indiens entspricht, einer der größten Lebensmittelproduzenten und -exporteure der Welt. Obwohl die Ernte eines Jahres ausreichen würde um weit mehr als 300 Millionen Menschen zu ernähren, hungern von den ca. 160 Millionen BrasilianerInnen 32 Millionen, weil hauptsächlich für den amerikanischen und europäischen Fleischmarkt produziert wird. Eine weitere Auswirkung der starken Nachfrage der Industriestaaten nach Viehfutter zeigt sich darin, dass dadurch auf dem Weltmarkt die Preise für die Grundnahrungsmittel in die Höhe getrieben werden. Denn beim Konkurrenzkampf um Anbauflächen gewinnt meistens das Viehfutter vor dem Anbau von Reis, Getreide, Obst oder Gemüse, was deren Preise aufgrund des geringeren Angebots erheblich steigen lässt. Die Verlierer sind die armen Länder, die die Preise für ausreichend Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen können. Zudem bleiben die Entwicklungsländer in ihrer Ernährung, was eine gesunde und vitaminreiche Kost anbelangt, extrem weit unter den notwendigen Standards.

  • … denn der Fleischkonsum zerstört die Umwelt.

Ö1 berichtete am 22. Februar 2010 in der Reihe „Wissen aktuell“, dass jährlich weltweit 13 Millionen Hektar tropische und subtropische Wälder gerodet werden für die Haltung von Tieren oder den Anbau von Tierfutter. Die Urwälder in Mittel- und Südamerika werden vor allem wegen der Anforderungen der Fleischproduktion abgeholzt. Alleine im Amazonas sind bereits 20 Prozent Urwald verloren gegangen. Der Großteil davon dient als kurzlebige Weide oder Anbaufläche für Viehfutter. Für ein Kilogramm Rindfleisch werden 50 Quadratmeter Amazonas-Regenwald zerstört. Dieser Schaden an der „grünen Lunge“ unserer Erde ist nicht mehr gut zu machen und trägt wesentlich zum globalen Klimawandel bei. Zudem sind Erosionen und Bodenverdichtung die Folge von systematischer Überweidung.
Ein weiterer bedrohlicher Faktor der Fleischproduktion ist der Einfluss auf das Klima. Die FAO gibt an, dass die Fleisch- und Milchproduktion 18 % aller Treibhausgas-Emissionen verursachen – das ist mehr als der gesamte globale Verkehr! Oder das Methan, das die weltweit 1,4 Milliarden Rinder jedes Jahr bei der Ver­dauung erzeugen, trägt zur Erwärmung der Atmosphäre bei wie zwei Milliarden Tonnen CO2. Oder anders ausgedrückt: 1 Kilogramm Rindfleisch produziert mehr Treibhausgase als eine 250 Kilometer weite Autofahrt. Insgesamt konstatiert die FAO, dass „bei den größten Umweltproblemen die Viehzucht jeweils zu den zwei oder drei Haupt­faktoren gehören, sowohl in lokalem als auch in globalem Maßstab“ (FAO-Bericht „Livestock’s Long Shadow“, 2006).

  • … denn Fleisch verbraucht unverantwortbare Wassermengen.

Für die Fleischproduktion müssen enorme Wassermengen aufgewendet werden. Während ein Kilogramm Getreidemehl ca. 1.000 Liter benötigt, bedarf es für ein Kilogramm Rindfleisch unfassbarer 16.000 Liter. Gleichzeitig haben zwei Milliarden Menschen auf der Erde keinen Zugang zu sauberem Wasser. "Es wird nahezu unmöglich sein, künftige Generationen mit jenem Essverhalten zu ernähren, das derzeit in Westeuropa und Nordamerika gepflegt wird", zitiert „BBC Online“ (16.8.2004) Anders Berntell vom Stockholm International Water Institute (SIWI). Unzählige WissenschaftlerInnen kommen zum eindeutigen Schluss, dass die Welt ihr Ernährungsmuster verändern muss, wenn sie eine realistische Hoffnung haben will, sich ernähren zu können. Die Herstellung von tierischen Produkten ist ineffektiv und stellt im heutigen Ausmaß einen unverantwortbaren Umgang mit den vorhandenen Ressourcen dar.

  • … denn der Billigfleischkonsum bedeutet unsägliches Tierleid.

Die moderne Massentierhaltung und die Schlachtviehtransporte sprengen jeden Rahmen eines würdigen Umgangs mit Tieren. Hunderte von Tieren in dunklen Stallungen auf engstem Raum zusammengebunkert, sind in vielen Ländern der EU längst keine Seltenheit mehr: für ein 100 Kilogramm-Schwein steht weniger als ein Quadratmeter und für 25 Masthähnchen nur ein Quadratmeter zur Verfügung. In vielen Schweinemastställen stehen Tiere auf Vollspaltböden ohne Einstreu in ihrem Kot und Urin. Dieser Boden und die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten bringen nachweislich Gelenkschäden und verursachen bei den gestressten Tieren, dass sie sich gegenseitig verletzen. In Massentierhaltungen können die Muttertiere ihren Nachwuchs nicht pflegen und umsorgen, sie werden nach der Geburt sofort getrennt. Hühner werden heute oft zu Hunderttausenden in Käfigbatterien aufgemästet. Fällt die Klimaanlage in diesen Batterien aus, sterben sie an Überhitzung durch die eigene Körpertemperatur. Alle männlichen Küken werden in solchen Batterien aussortiert, weil sie keine Eier legen und für die Mast unrentabel sind. Sie werden – rund 42 Millionen jährlich in Deutschland – getötet. Und wer kennt sie nicht die kaum zu ertragenden Bilder von Tiertransporten. Über 400 Millionen Tiere werden pro Jahr lebend durch Europa transportiert. Würde man die eingesetzten LKW’s in eine Reihe stellen, würde sich eine über 4.000 Kilometer lange Kolonne ergeben. Hinzu kommen noch die Transporte innerhalb der einzelnen Mitgliedstaaten. Die Tiertransporte allein in und durch Österreich produzieren jedes Jahr mehr als 13.500 Tonnen CO2. Für die Tiere bedeuten diese Fahrten eine unermessliche Qual. Die Tiere sind so eng aneinandergepfercht, dass sie beim Bremsen nicht umfallen können, sie stehen in ihrem eigenen Urin und Kot. Die Fahrten bei Hitze oder Kälte dauern im Durchschnitt zwischen 50 und 90 Stunden. Manchmal sogar 100 Stunden. Nach EU-Richtlinien wären je nach Tierart maximal zwischen 19 und 29 Stunden erlaubt. Kontrolliert wird kaum, wenn, dann fallen die Strafen so niedrig aus, dass sie keine abschreckende Wirkung zeigen. Die Mastbetriebe sind in Europa vor allem in den nördlichen Ländern angesiedelt. Dort herrscht deshalb eine große Überproduktion. Geschlachtet aber wird in Südeuropa. Dort hat die EU den Bau von Schlachthöfen im Sinne einer Wirtschaftshilfe finanziell stark gefördert. Die Tiere werden deshalb beispielsweise von Irland oder Schottland bis nach Griechenland in ein Schlachthaus gefahren. Ein Teil der Tiere stirbt bereits auf dem Weg aufgrund von Erschöpfung und Wassermangel. Der Hohn ist, dass sowohl die Massentierhaltungen als auch diese Tiertransporte durch die einzelnen Staaten (auch Österreich) und die EU subventioniert und dadurch erst gewinnbringend werden. Die Infektionsgefahr unter den Tieren ist durch die Massenhaltung hoch. Deshalb wird ständig Antibiotikum ins Futter beigemischt, was aber das Ausbrechen von Seuchen auch nicht verhindern kann, gegenteilig sie machen die Krankheitserreger immer resistenter. Wir dürfen aber auf solche Zustände nicht erst reagieren, wenn wir uns als Menschen durch Rinderwahn, Schweinepest und Vogelgrippe bedroht fühlen.

Der Ausweg: Jede und jeder muss handeln!

Eine gesunde Ernährung muss neben dem persönlichen Nutzen und der Verantwortung der Gesundheit der nächsten Generation gegenüber vor allem auch ökologisch, sozial und ethisch verträglich sein. Dies ist vor allem auch aus christlich-spiritueller Sicht ein Gebot der Stunde. Ein biblischer Grundauftrag für uns Christinnen und Christen ist es, die soziale und ökologische Realität in unsere Spiritualität mit einzubeziehen, d.h. sich um einen verantworteten Lebensstil, die Verbesserung der Lebenschancen aller Menschen auf dieser Welt und die Bewahrung der Schöpfung und der Geschöpfe zu mühen. Jede und jeder Einzelne hat hierzu Möglichkeiten! Der freie Markt wird durch das bestimmt, was die KonsumentIn kauft bzw. eben nicht mehr kauft. Deshalb gilt es zum einen, den überbordernden Fleisch- und Wurstkonsum insgesamt deutlich einzuschränken. Das erneute Einhalten des ehemals üblichen Fleischfastens am Freitag wäre ein möglicher erster kleiner Schritt. Zum anderen gilt es beim Einkauf verstärkt auf Fleisch aus biologischer Landwirtschaft zu achten. Die Produktion von Bio-Fleisch garantiert eine artgerechte und würdige Tierhaltung mit Bewegungsfreiheit, Frischluft und ausgewogener Ernährung, durch den ausreichenden Platz und den Verzicht auf mineralische Düngemittel und Pestizide werden die Böden und die Umwelt geschont, die Transportwege sind kurz. Bio-Fleisch stellt eine sozial, ökologisch und ethisch verantwortbare Möglichkeit von moderatem Fleischgenuss dar. Dass es für die KonsumentInnen teurer ist, stimmt nur bei einem sehr oberflächlichen Blick. Denn die realen Kosten für das Billigfleisch mit all den negativen regionalen und weltweiten Auswirkungen müssen letztlich von der ganzen Gesellschaft – somit wieder von jeder KonsumentIn – und vor allem von der nächsten Generation getragen werden. Nicht vergessen werden dürfen die volkswirtschaftlichen Kosten, die dem Gesundheitssystem durch die Erkrankungen anfallen, die der hohe Fleischkonsum nachweislich nach sich zieht.

Gesunde Ernährung – das kann uns der heutige internationale Aktionstag erinnerlich machen – soll schmackhaft, frisch und vollwertig sein, und auch die Sozial- und Ökobilanz muss absolut stimmen.

Verwendete Literatur:

Bruker, M.O, Unsere Nahrung, unser Schicksal, Lahnstein 422007.
Bruker, M.O. Zucker, Zucker, Neuauflage, Lahnstein 2009.
Binder, Franz und Wahler, Josef, Zucker - nein Danke, München 51993.
Gutjahr, Ilse, Iss mein Kind. Vollwertkost für Kinder - vom Stillen bis zum Pausenbrot, Lahnstein 62000.
www.planet-wissen.de,
www.die-tierfreunde.de
www.vebu.de
www.vegetarismus.ch
www.spiegel.de
www.zeit.de
www.bbc.co.uk
www.vcoe.at
www.openpr.de


Von Eva-Maria Schmolly-Melk veröffentlicht am 05.03.2010

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