Ein Kommentar zur Vegetarier-Debatte
Von Markus Hofer
Die Moralkeule von der Kanzel
Sprachlich brillant, atemlos fast und ans Hysterische grenzend ist das Plädoyer von Iris Radisch für den Vegetarismus. Den Artikel in der ZEIT hat sie übertitelt mit: „Tiere sind auch nur Menschen“. Nachdem es biologisch keinen Unterschied gebe zwischen Tier und Mensch, hätten wir auch kein Recht Tiere zu essen. Es ist eine riesige Moralpredigt, der nur eines fehlt: die Kanzel. Die kann es aber nicht mehr geben, nachdem es in dieser Perspektive auch keinen Gott mehr gibt und die traditionellen Wertesysteme durch die Biologie ersetzt wurden. In einem aber unterscheidet sie sich in keiner Weise von den alten kirchlichen Moralpredigten: Als kleiner Sünder hat man ein ständiges schlechtes Gewissen. Früher war es wegen der Sexualmoral, heute wegen der Gesundheit oder der Ökologie.
Vom modernen Biologismus
Auf „politisch korrekt“ folgt nun „biologisch korrekt“. In dieser neuheidnischen Naturreligion ist die Natur an die Stelle Gottes getreten und die Theologen von heute sind die Biologen. Diese haben darüber zu entscheiden, ob der Mensch einen freien Willen, eine Seele oder ein höheres Bewusstsein habe. Und wenn der Gehirnscan derartiges nicht anzeigt, glauben manche von ihnen auch tatsächlich alles bezweifeln zu dürfen, was ihre Apparate nicht anzuzeigen vermögen. Unterschiede werden nicht mehr gemacht. Moralisiert wird aber weiterhin. Das scheint eine Art menschlicher Urlust zu sein, für alle anderen zu wissen, was gut für sie wäre.
Rehfilet mit Meersalz
Gegen solche Moralkeulen, wie sie Irisch Radisch schwingt, lässt sich schwer argumentieren. Ihr Kollege Michael Allmaier hat es zwei Jahre lang vegetarisch probiert, ist dann aber doch wieder dem Rehfilet mit Meersalz, schwarzem Pfeffer und frischem Thymian erlegen. Er versucht es in Richtung ethisch überzeugter Vegetarier mit der feinen Klinge: „Es stimmt ja, ihr seid die besseren Menschen. Aber mehr Spaß haben wir.“ Mich erinnert es irgendwie an die Debatte um das Zölibat...
Ethik beginnt mit der Unterscheidung
Wenn biologisch alles gleich ist, wird es irgendwann willkürlich, wo wir die Moral ansetzen. Nach Radisch dürfen wir, weil Mensch und Tier gleich sind, keine Tiere essen. Dieselbe Logik ließe sich aber umdrehen in Richtung Kannibalismus: Wenn Menschen und Tier gleich sind, könnten wir doch auch, nachdem wir schon Tiere essen, auch Menschen verspeisen. Keule bleibt Keule - auch im moralischen Sinn. Ethik beginnt dort, wo wir beginnen, Unterschiede zu machen.
Ein Nachtrag
Beim Mittagsgespräch über den (Nicht-)Unterschied zwischen Tier und Mensch meinte unser Buchhalter Jürgen ganz trocken: „Hast du schon einmal einen Hund gesehen, der betet?“ Das ist vermutlich genau der Punkt. Nur zählt das heute nicht mehr. In einem biologistischen Weltbild ist Beten nur noch eine Form von Ausscheidung, die zwar psychohygienisch nachweisbar gesund ist, aber ansonsten keinen Unterschied begründet.
Von Michael Willam veröffentlicht am 23.08.2010

